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Schuld und Sühne

Schuld und Sühne
© Thim FIlm
Veröffentlicht:
30.09.2011
Mit seinem Regie-Erstling „Atmen“ ist Schauspieler Karl Markovics ein großer Wurf gelungen. In Cannes sprach er mit tele über Regie und Erlösung.

Karl Markovics wirkt höchst entspannt, als wir ihn im Mai am Strand vom Hotel Majestic in Cannes treffen. Kein Wunder: Die Kritik war von seinem Film "Atmen" begeistert.

tele: Wie lang träumen Sie schon davon, selbst einen Film zu drehen?
Schon sehr lange. Verbunden mit meiner Vorstellung, dass ich Schauspieler werden will, war eigentlich gleichzeitig auch immer auch etwas mehr zu sein, als "nur" Schauspieler. Ich fand das lange Zeit nur so faszinierend, dass es dann mit der konkreten Verwirklichung dieses zweiten Teils des Wunsches nichts geworden ist. Nämlich ursprünglich vom Nullpunkt aus eine Geschichte zu entwickeln, zu erfinden. Es ging ja in diesem Fall nicht nur darum, einfach einen Film zu machen, sondern eben auch seinen Film zu machen, buchstäblich auch die Geschichte dafür erfunden und geschrieben zu haben. Das gibt's eigentlich schon sehr lang. Als kleines Kind war's vielleicht nicht so konkret mit Filme machen, aber schon in Richtung Regie auch, kann ich mich erinnern. Schon als Kind hat mich die Idee fasziniert, es nicht nur selbst zu tun, schauspielerisch, sondern andere gemeinsam in eine gemeinsame Geschichte reinzuführen und andere dann damit reinzuziehen.

Wie findet man die Geschichte? Stand die vor der Tür und hat angeklopft?
Lustiger weise schon. Es ist vielleicht nicht immer so. Bei allen entscheidenden Sachen, die einem wirklich was bedeuten, sind es Geschichten, die zu einem kommen. Das ist ein sehr abgegriffener Begriff, aber er trifft es schon. Dass die Geschichte im Eigentlichen, so wie sie ist, vor allem in diesem Fall in Gestalt dieser Hauptfigur tatsächlich zu mir gekommen ist. Das hab ich jetzt nicht konstruiert, in dem ich mir gedacht hab, ich hab jetzt da ein Teilchen, welches andere könnte da gut dazu passen, sondern es ist wirklich als solches aufgetaucht.

Wo? Oder wie?
Wenn ich das wüsste. Das ist ja das Spannende am Auftauchen, dass man's nicht weiß, und dann ist es plötzlich da. Kann ich so auch nicht erklären, ich versuch's, ehrlich gestanden auch nicht, weil ich glaub nicht, dass man diesen Prozess herbeiführen kann. Man kann schon mithelfen, aber passieren muss es dann jedes Mal neu von selbst.

Wäre es für Sie vorstellbar, auch ein Drehbuch von jemand anderem zu verfilmen?
Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, ich hab keine Ahnung. Vorstellbar ist so ziemlich alles für mich, im Guten wie im Schlechten, ganz allgemein. Ich könnt jetzt nicht sagen, dass das etwas ist, was sehr präsent in meinem Kopf ist, wo ich mir sag, der nächste Film, da erspar ich mir diese Qualen des Drehbuch-selber-Schreibens ...

Waren es Qualen?
Naja, immer wieder, natürlich. Es ist schrecklich manchmal. Indem man ständig daran zweifelt. In meinem Fall ist es so, ich hoffe, anderen geht es da besser. Indem die Geschichte einfach eine gewisse Trägheit hat und wenn dieser Koloss einmal durch irgendwelche Umstände zum Stehen kommt, dann ist es wieder wahnsinnig schwierig, den in Bewegung zu bringen, zum Laufen zu bringen. Die vielen Irrwege, die man geht, die man auch gehen muss - was man ja dann auch immer begreift, dass das schon so sein muss - aber trotzdem, wenn man drinsteckt ist es nicht schön und man denkt sich, ja, auch wenn das kreativ dazugehört, aber jetzt wär's nach drei Wochen wieder mal Zeit, dass man aus diesem Tief rauskommt. Und man kann nichts absehen, nichts planen, nichts wirklich abschätzen. Also ich nicht. Ich bin vollkommen hilflos, was das betrifft. Ich bin auch sehr chaotisch in der Arbeit. Der eigene Maßstab, dem genügt man eh nie. Jetzt wo's fertig ist, ist es wunderbar. Aber bis es soweit war, war's manchmal wirklich schwierig.

Wie sind Sie bei der Besetzung vorgegangen?
Ich hab von Anfang an gewusst, der junge Mann, der meine Hauptfigur ist, der soll auch wirklich dieses Alter haben. Ich will jetzt nicht einen Dreiundzwanzigjährigen, der sehr jung ausschaut, und dem man die 18 abnimmt, und der fertiger Schauspieler ist. Ich wusste, im Grund genommen geht's nur mit einem 17-, 18-Jährigen. Und da war's auch klar, das ist ein Laie. Keiner mit 18 hat eine fertige Schauspielausbildung in der Regel. Also haben wir uns auch von Anfang an nicht bei irgendwelchen Konservatorien oder Schauspielschulen umgesehen oder Inserate am Reinhart-Seminar ausgehängt, sondern wir wussten, wir gehen in die Schulen und machen das über Zeitungen und ganz normale Aufrufe. Und so war's dann auch. So haben wir dann auch den Thomas Schubert gefunden. Das ist sein allererster Film und sein allererstes Mal vor der Kamera, er geht immer noch zur Schule, er ist jetzt gerade 18 geworden, ein Monat nach Drehschluss. Er ist halt einer der vielen Glücksfälle dieses Films.

War es schwierig, die Drehorte zu bekommen? Das sind doch Orte mit bestimmten Reglements, mit zeitlichen Einschränkungen ...
Für mich gar nicht, weil ich einfach fantastische Leute hatte im Team, die in der ganzen Vorbereitung diese ganze Logistik auch wirklich überschaut und in der Hand gehabt haben. Im Grunde genommen war's für das, was es hätte sein können, relativ unkompliziert weil wir sowohl bei der Wiener Bestattung als auch bei den Österreichischen Bundesbahnen, wo's doch aufwendige Szenen gab, überall eigentlich - und wir haben viel im öffentlichen Raum gedreht - haben wir das Glück gehabt, dass wir nicht nur die Möglichkeit hatten, das auch in unserem Sinne zu drehen, sondern dann überall vor Ort auch Leute hatten, die das mit einer Leidenschaft gemacht haben, als würden sie zum Filmteam gehören. Das spürt man auch, das war unser großes Glück auch in der Arbeit. Wir haben immer Leute gehabt, die sich von dieser Geschichte, von dieser Faszination anstecken ließen genauso wie das Team vom ersten Drehtag an. Insofern war's einfach eine wahnsinnig erfüllende Arbeit.

Wie erleben Sie Cannes?
Cannes ist so etwas Ähnliches wie Hollywood, das kennt man aus dem Fernsehen und man hat schon so viel davon gesehen, und dann ist es immer seltsam kurios, wenn man dann selbst mittendrinnen ist. Aber ich bin vom Wesen her kein Mensch, dem so was für sich genommen wahnsinnig viel gibt. Ich komm mir jetzt nicht wahnsinnig gut vor, weil ich in Cannes bin. Aber es ist natürlich kolossal, mit seinem ersten Film sich in Cannes präsentieren zu können. Und insofern steht natürlich alles unter diesem Licht. Es könnt ja auch eiskalt sein und grottenschirch und das Wetter schlecht ... Es ist einfach wahnsinnig schön, noch dazu mit seinem Erstlingsfilm in dieser ganzen Reihe Caméra d'Or der vielen Erstlingsfilmer ob jetzt im Wettbewerb mit Markus Schleinzer ["Michael"], aber auch von der Quinzaine des Réalisateurs selbst, von der Semaine de la Critique sind glaub ich 23 oder 24 Debutfilme aus all diesen Schienen heuer beim Wettbewerb, das ist einfach ein wunderschönes Erlebnis, wenn man weiß, aus welchem Pool an Filmen hier jedes Jahr geschöpft wird, das sind 1500, 1800 Filme, die da gesichtet wurden auf der ganzen Welt und dann bleiben ein paar Dutzend übrig.


Wie läuft der Verkauf?
Es gibt schon Abschlüsse mit Frankreich und der Schweiz. Wir haben das Glück, dass wir einen Weltvertrieb haben, der das ganze jetzt schon ziemlich aktiv betreibt, was natürlich schön ist. Also das Gefühl zu haben, der Film hat die Chance, von möglichst vielen Menschen auch außerhalb von Österreich gesehen zu werden.

Die Schlagworte, die auf einer Film-Datenbank mit "Atmen" verbunden sind, sind "Jugend", "Gefängnis", "Tod", "Schuld".
Naja, das ist ja gar nicht so schlecht. Natürlich ist Vereinfachung immer was Gefährliches. Aber es hat mit mindestens doppelt so viel anderen wichtigen Themen zu tun. Im Grund genommen kann man's sogar noch reduzieren auf "Leben" und "Tod". 

Bei der Auflistung fehlt auf jeden Fall auch "Erlösung".
Das ist überhaupt das entscheidende Schlagwort. Erlösung ist, wenn man mein kurzes Oeuvre - ich fasse auch die Filme, die ich noch gedenke zu drehen, hinein, die ich bisher noch nicht gedreht habe und wahrscheinlich kommen noch ganz andere dazu, die's tatsächlich werden  - Was ich schon vorhabe, ist schon das Thema Erlösung ganz genau das, worum's geht. Sie haben es auf den Punkt gebracht. Es geht um Erlösung, nichts anders, immer.

Was fasziniert Sie daran?
Weil es im Leben genau darum geht. Weil jede Faser unseres Lebens im Grunde genommen sich darauf bezieht. Ob wir jetzt nach Liebe suchen, nach Aufarbeitung unserer Kindheit streben oder einer Jenseits-Vorstellung, also auch Glaube, Liebe, Hoffnug - wir können sie zusammennehmen und es geht um Erlösung. Es geht immer darum. Erlösung heißt der Einsamkeit entkommen, das ist es im Grunde genommen. Wir suchen einen anderen Menschen, ein Gegenüber, in das wir uns verlieben, weil er uns ein Echo gibt, dass wir existieren. Wir bringen Kinder auf die Welt, weil sie Fleisch gewordener Beweis sind dessen, dass wir existieren. Dass wir nicht allein sind. Das unsere Vorstellung, das was wir sehen, nicht alle eine Chimäre ist, sondern dass es eine Wirklichkeit gibt. Wir hoffen das, wir sind uns nie hundertprozentig sicher, und ich glaub, darum geht's einfach. Das führt dann gleich wieder den Bogen zurück zum Erlebnis Kino, wie's auch das Erlebnis Theater ist, dass wir es mit anderen teilen, weil wir es gleichzeitig erleben. Und zwar mit anderen auf beiden Seiten - jenseits der Leinwand und diesseits der Leinwand. Jenseits der Bühne, diesseits der Bühne kommt ein Prozess in Gang, ein ganz seltsamer, und das ist die große Faszination natürlich von so einer Art künstlerischer Arbeit.

Sie planen offensichtlich noch viele weiter Filme ...
Wenn's nach mir geht, ja. 

Geht sich das zeitlich für Sie leicht aus?
Naja, kein Problem ist es, wenn man sagt, ich will das tun und ich nehme mir einfach die Zeit. Ich konzentriere mich, mein Leben, jetzt, nachdem ich diesen Schritt endlich auch gesetzt habe, auch darauf, dass das im Grunde genommen das Zentrum meiner Arbeit sein wird. 

Das Interview führte Julia Pühringer

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