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Schuld und Sühne: Peter Simonischek über "Bergfried"

Schuld und Sühne: Peter Simonischek über "Bergfried"
© ORF
Veröffentlicht:
20.09.2016
Jo Baiers Nachkriegsdrama „Bergfried“ verwebt mehrere Zeitebenen und wirft viele Fragen auf. Fragen, die wir Co-Hauptdarsteller Peter Simonischek stellten.

Das Nachkriegsdrama „Bergfried“ (Mittwoch, 20.09.2016, 20.15 Uhr, ORFeins und ARD) verwebt mehrere Zeitebenen. Der Italiener Salvatore (Fabrizio Bucci) – vermeintlich ein Urlaubsgast –  sucht in den 1980er Jahren in einem idyllischen Alpendorf nach einem SS-Oberscharführer, der Ende des Zweiten Weltkriegs ein Massaker in Salvatores Heimatdorf befahl und dessen gesamte Familie auslöschte. Jo Baier (Buch und Regie) verfilmte den vielschichtigen Plot, der sich über mehrere Generationen spannt, u.a. mit Katherina Haudum, Gisela Schneeberger, Eva Herzig, Gerhard Liebmann und Peter Simonischeks Ehefrau Brigitte Karner. Simonischek brilliert in der Rolle des alten Stockinger, der sich um den kleinen Sohn seiner lebenshungrigen Tochter kümmert, jedoch bald in den Verdacht gerät, er könnte der gesuchte Mann sein. tele sprach mit dem Co-Hauptdarsteller Peter Simonischek, der zuletzt mit „Toni Erdmann“ einen grandiosen Kinoerfolg feierte.

tele: Wie würden Sie Stockinger, Ihre Rolle in „Bergfried“, charakterisieren? Was ist das für ein Mensch?

Peter Simonischek: Der ist natürlich kein seltenes Exemplar. Für Männer wie ihn waren die Alliierten nach dem Krieg sicher keine Befreier. Für die war das ein unglücklich verlorener Krieg. Und sie haben sicher mehr Zeit damit verbracht zu hadern, wie der Endsieg doch noch hätte gelingen können, als mit der Schuld, die sie auf sich geladen hatten. Stockinger ist einer, der die Vergangenheit einfach verdrängt, nicht darüber redet. Und offensichtlich gibt es innerhalb der Dorfgemeinschaft niemand, der ihm das übel nimmt, sondern es wird der Mantel des Schweigens darüber gebreitet, weil er vermutlich auch nicht der Einzige ist, der froh ist, wenn nicht mehr darüber geredet wird.

tele: Der Film beginnt mit Stockingers Begräbnis – und diese Generation stirbt ja heute tatsächlich langsam aus. Ist das gut oder schlecht, im Hinblick auf die Aufarbeitung der Gräueltaten des Krieges?

Simonischek: Na ja, ein bisschen was an Bewusstseinsbildung ist ja durchaus passiert – und wir hatten ja auch mit Waldheim einen Bundespräsidenten, der – ähnlich wie der Weinskandal uns zu einem besseren Wein verholfen hat – uns dazu verholfen hat, dass wir uns endlich mit der Vergangenheit beschäftigt haben. Mit einer Zeitverzögerung gegenüber Deutschland ist es bei uns mittlerweile durchaus ein Thema und im Bewusstsein der Menschen verankert, dass die Opferdefinition der Alliierten nicht wirklich zu halten ist. Mittlerweile ist es auch ein Thema bei den jungen Leuten, die lernen in der Schule was darüber. Als ich noch Schüler war, war der Geschichtsunterricht spätestens beim ersten Weltkrieg zu Ende.

tele: Kennen Sie so eine vermeintliche Alpenidylle wie in „Bergfried“ auch aus ihrem Leben? Eine Dorfgemeinschaft, die etwas zu verbergen hat und sich gegenseitig deckt?

Simonischek: Ich komme ja vom Dorf. Ich bin zwar in Graz geboren, aber als ich fünf Jahre alt war, hat mein Vater eine Praxis am Land übernommen, in einem kleinen Ort mit tausend Einwohnern. Es gibt glaub ich in vielen Dörfern Leichen im Keller, wie man so sagt. Wo alle von einem was wissen – und keiner sagt was. Wo das kollektive Schweigen bestimmte Sachen verdeckt.

tele: Sie spielen einen gütigen, lieben Opa, der sich um seinen Enkel kümmert und eigentlich sehr sympathisch rüberkommt …

Simonischek: Ein lieber Opa, nicht wahr? Der mit dem Enkel Schwammerl suchen geht, ihm Geschichten über das Rotkehlchen erzählt und so weiter. „Die Banalität des Bösen“, heißt es so treffend bei Hannah Arendt. Man muss da gar nicht so weit intellektuell herumschürfen, ich glaube, sowas ist leicht nachvollziehbar.

tele:  Konnten Sie sich in die Opa-Rolle gut hineinversetzen?

Simonischek: Ja, obwohl ich selbst noch keine Enkelkinder habe. Ich sehe zwar schon lang aus wie ein Opa, aber ich bin noch keiner! Das wird schon kommen, wenn die Zeit reif ist.

tele Sie haben in der Steiermark gedreht, sind selbst Steirer. Kannten Sie diese Gegend vorher? Liezen und Umgebung?

Simonischek: Durch das Palten- und Liesingtal fährt man ja öfter durch. Früher sind meine Eltern auf die Tauplitz zum Schilaufen gefahren und haben mich mitgenommen, deswegen kannte ich die Gegend schon. Aber in Pürgg, wo wir gedreht haben, war ich vorher noch nie. Das ist wirklich ein wunderschöner Ort, da gibt es auch eine Johanneskapelle mit richtig schönen romanischen Fresken.

tele Auch Brigitte Karner, Ihre Ehefrau, hat in „Bergfried“ eine Rolle …

Simonischek: Ich fand das unglaublich nett von ihr, dass sie Stockingers Freundin gespielt hat, weil es ja eine kleine Rolle ist. Als wir uns kennen gelernt haben, war sie der Star. Da war sie auf den Titelblättern. Aber wie das halt so ist: Sie hat dann die Kinder bekommen – und sich für die Familie entschieden. Ein Wiedereinstieg nach vielen Jahren ist dann nicht mehr so einfach.
Das Schicksal teilt sie mit vielen Frauen in ihrem Alter. Sie ist immer noch eine schöne Frau, sieht wunderbar aus. Aber das Rollenangebot ist nicht ganz so üppig.

tele Sie stehen zwar oft gemeinsam auf der Bühne, haben aber selten gemeinsam gedreht.

Simonischek: Wir machen regelmäßig Lesungen wie „Ist das die Liebe?“ über Tolstoi und seine Ehe oder „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer. Aber es stimmt, für das Fernsehen haben wir nicht viel gemeinsam gemacht. Wir haben uns aber beim Drehen kennengelernt, bei „Lenz oder die Freiheit“. Und das ist das Positivste, was aus dem Film von damals hervor gegangen ist: Zwei stramme, fesche Burschen und unsere Ehe.

tele Haben Sie mit „Bergfried“-Regisseur Jo Baier schon vorher gearbeitet?

Simonischek: Nein, wir haben zwar öfter Anlauf genommen, aber es ist meistens an meinen Terminen am Theater gescheitert. Ich bin ja Schauspieler geworden, um ans Theater zu gehen und bin immer noch fest am Burgtheater engagiert. Filme habe ich gemacht, wenn ich zwischendurch Zeit hatte. Deshalb ist meine Filmographie auch so durchwachsen, wenn man jetzt von „Toni Erdmann“ aus zurückblickt. Die Leute verstehen das nicht ganz, aber ich war keiner, der konstruktiv an einer TV- oder Filmkarriere gebastelt hat, sondern ich habe genommen, was im Spielplan des Theaters Platz hatte. Das Buch und die Rolle musste aber schon auch stimmen. Sonst bin ich mit meiner Familie in den Urlaub gefahren

tele Hat sich ihr Leben als Schauspieler durch den Erfolg von „Toni Erdmann“ verändert?

Simonischek: Nein, erstmal nicht, muss ich sagen. Ich habe gerade in Salzburg den Prospero in „Der Sturm“ gespielt – und das hat jetzt mit „Toni Erdmann“ gar nichts zu tun. Das ist einfach eine gigantische Herausforderung für jeden Bühnenschauspieler. Und das wäre genauso gekommen, wenn ich „Toni Erdmann“ nie gemacht hätte. Ich bin jedoch sehr gespannt was an Angeboten nach „Toni Erdmann“ kommen wird.

 

 
 

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Interviews, 20. September 2016
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