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Ufos, Sex und Monster
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Ufos, Sex und Monster

„Ufos, Sex und Monster. Das wilde Kino des Roger Corman“ läuft am 11. März um 21:40 auf Arte. Tele traf den entzückenden Großmeister des Schundfilms in Cannes zum Interview. Er entdeckte Stars wie Jack Nicholson, William Shatner, Dennis Hopper und James Cameron.
Veröffentlicht:
10.03.2012
 

"Ufos, Sex und Monster", Samstag, 10.03.2012, 21.40 Uhr, ARTE.

Eigentlich sah’s in Sachen Interviewtermin ja gar nicht gut aus, so ein Griss war um Roger Corman. Aber wir hatten Glück: Ein plötzlich Anruf von den PR-Agenten und zwei Stunden später sitze ich vor Roger Corman. Der Mann, der seit vielen Jahrzehnten Filme schreibt, dreht und produziert und dabei hauptberuflich mit Gummimonstern, halbnackten Mädels, falschem Blut und Ufos zu tun hat, ist eine höchst charmanter, zurückhaltender, höflicher älterer Herr. Er ist 85 Jahre alt und heute etwas müde. „Ich werde versuchen, zusammenhängend zu reden“, so Corman. „Ich war gestern bis 3.30 Uhr auf einer Party und das ist in meinem Alter keine besonders gute Idee“. Roger Corman ist noch immer beeindruckt – er war auf der Yacht von Microsoft-Mitgründer Paul Allen eingeladen, „das ist das verrückteste Schiff, dass ich jemals gesehen habe. Er hat zwei Helikopter, einen vorne, einen hinten, ein gelbes U-Boot, wegen „Yellow Submarine“, ein paar Jet Skis, ein paar Schnellboote, und es hat fünf Decks. Und er spielt in seiner eigenen Rockband. Aber reden wir jetzt lieber über den Film ...“

tele: Wie haben Sie reagiert, als Sie 2009 den Oscar für's Lebenswerk bekommen haben?

Ich muss zugeben, es war mir doch nicht völlig egal. Ich habe im Laufe der Jahre von Seiten einiger Filmfestivals Anerkennung bekommen aber ich habe nie mit einem Oscar gerechnet. Ich mache schließlich Low-budget-Filme, die geben doch einem Low-Budget-Regisseur keinen Oscar! Ich war also echt überrascht, als ich ihn bekam.

Sie haben ein paar Arthouse-Filme produziert ... wollten Sie jemals selbst je einen drehen? Wäre das finanziell überhaupt machbar gewesen?

Es ist in den USA schwieriger. Leute wie Bergmann oder Fellini haben staatliche Subventionen bekommen. Sie mussten deshalb keinen Gewinn machen, um ihre Kosten zu decken. So etwas gibt es in den USA nicht, erst seit kurzem und auch da wird es schon wieder weniger. Der Film, der auch in der Dokumentation vorkommt, „The Intruder“ (1962, mit William Shatner) war ein Versuch in diese Richtung. Er hat wunderbare Kritiken bekommen, in einer New Yorker Zeitung – daran kann ich mich noch heute erinnern – stand „Dieser Film ist eine große Auszeichnung für die gesamte amerikanische Filmindustrie“. Und prompt war das mein erster Film, der Geld verlor (lacht). Ich habe einige Filme produziert, die man zum Arthouse zählen kann, „I never promised you a rose garden“ von Anthony Page, oder „Saint Jack“ (1979) von Peter Bogdanovich, das waren kleine Versuche.

Corman_Julia_cAn wie vielen Filmen haben Sie eigentlich in Ihrem Leben mitgearbaitet?

Es sind 400 und ein paar Zerquetschte. Ganz genau kann ich’s nicht sagen. Ich hatte ja viele Mitarbeiter, oft hab ich einen Film nur vorbereitet und jemand anderer hat ihn unter meiner Aufsicht gedreht und ich habe keinen „Credit“ dafür bekommen. Credits sind in Hollywood sehr wichtig, sagen zu können, „ich habe meinen ersten Film gedreht, geschrieben oder produziert“. Vor allem für jüngere Leute ist der erste Credit sehr wichtig, für mich macht der 410. Credit keinen Unterschied. Ich hab deshalb an einigen Filmen mitgearbeitet, wo ich nicht im Abspann angeführt werde.

Wie leben Sie damit, dass Regisseure aus Ihrer Schule viel berühmter wurden als Sie?

Missgunst ist mir völlig fremd. Ich bin sehr stolz auf die Regisseure, Produzenten, Schauspieler, Kameramänner, Komponisten und Cutter, die bei mir angefangen haben.

Eine ganze Generation von Filmemachern betrachtet Sie als den „Gott des Independent-Kinos“ – haben Sie sich selbst jemals so gesehen?

Nicht wirklich. In den 1970ern hatte ich schon das Gefühl, etwas Ungewöhnliches zu machen. Ich habe damals meine eigene Firma gegründet und mit meinem eigenen Geld finanziert – ich hatte nicht so viel – und deswegen war ich gezwungen, mit jungen Talenten zu arbeiten. Einfach weil ich mir keine anderen leisten konnte. Da ich selbst als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent tätig war, traute ich mir schon zu, zu beurteilen, wer am talentiertesten war, und sie ein wenig zu unterstützen.

Wie sind Sie eigentlich im Filmbusiness gelandet?

Ich komme aus Südkalifornien und kannte aus der Schule Leute, die im Filmbusiness arbeiten. Dann war ich auf der Stanford University, ich studierte Maschinenbau. Und ich habe für die Uni-Zeitung geschrieben und fand heraus, dass die Filmkritiker Gratis-Pässe für alle Kinos der Umgebung bekamen. Das wollte ich auch. Also hab ich ein paar Kritiken geschrieben und wurde als Filmkritiker angenommen. So bin ich immer mehr reingekommen – es ist schon ein Unterschied, ob man sich einfach nur im Kino unterhalten lässt, oder ob man sich unterhalten lässt und gleichzeitig auch einen Film analysiert, weil man darüber schreiben muss. Also habe ich meinen Abschluss gemacht und bin dann zum Film gewechselt.

Wie gehen Sie selbst mit schlechten Kritiken um?

Man muss einfach akzeptieren, dass man nicht immer gute Rezensionen bekommt. Ich vergleiche das immer mit Baseball: Die Hitters werden immer danach bewertet, wie viele Bälle sie getroffen und wie viele sie nicht getroffen haben. Ich denke mir, solange der Durchschnitt gut ist, passt’s.

Nehmen Sie Filmkritiken erst? Machen Sie Ihren nächsten Film dann anders?

Man lernt von allem. Man lernt von den eigenen Erfolgen, man lernt vermutlich noch mehr von den eigenen Niederlagen. Ich bin immer für Veränderung. Als ich in den späten Fünfzigern und frühen Sechzigern die Edgar-Allen-Poe-Filme drehte, waren sie alle sehr erfolgreich. Ich habe schlich und ergreifend deswegen damit aufgehört, weil ich mich verändert wollte. Nach sechs Poe-Filmen wollte das Studio, dass ich mehr machte, und ich sagte einfach nein. Ich fing an, mich zu wiederholen und es macht einfach nicht mehr denselben Spaß. Ich wollte nicht länger im Studio drehen, ich wollte hinaus auf die Straße, die Realität filmen. Mein erster Film in diese Richtung war „The Wild Angels“ (1966) über die Hell's Angels. Das war immerhin der Eröffnungsfilm des Filmfestivals in Venedig, der zweite war „The Trip“ (1967), der in Cannes lief. Auch wenn manche Themen immer wiederkommen, versuche ich möglichst viel zu variieren.

In der Doku sagen Sie unter anderem, dass Sie Filmbudgets über 30 Millionen Dollar obszön finden. Heutzutage werden Filme schon um 200 Millionen Dollar produziert - sehen Sie sich so was an? Gefällt Ihnen das?

Ich hab mir einfach die Filme von einem unserer Absolventen angesehen – Jim Cameron. „Titanic“ war großartig und „Avatar“ war wunderbar. Es gibt verschiedene Arten, solche Filme zu machen. Meiner Ansicht nach nimmt Cameron diese gigantischen Mengen an Geld und macht daraus brillante Filme, die man sich ansehen kann. Und man sieht auf der Leinwand sofort, warum der Film so teuer war. Filme, wo ich mich beschweren würde, sind die, die 90 Millionen Dollar kosten und dann sieht man zwei Leute in einem Raum stehen.

Wie denken Sie über 3D?

Wenn man das richtig macht, können das exzellente Filme werden. Aber manchmal kümmern sich die Regisseure viel zu sehr um die Special Effects und vergessen auf die Geschichte, die Figuren, die Erzählperspektive. Und darunter leidet ein Film. Und es gibt Filme, die in 2D gedreht werden, und dann in 3D umgewandelt werden, das kann nicht funktionieren. Ich bin aber überzeugt, dass die 3D-Technik nicht nur eine Modeerscheinung ist. Das wird bleiben. Wir haben auch schon überlegt, 3D-Filme zu drehen. Es gibt neue 3D-Kameras, die günstiger sind. Wir haben schon überlegt uns eine zuzulegen oder zu mieten.

Haben Sie nie darüber nachgedacht, einen High-budget-Film zu produzieren?

Ich habe nie gedacht, dass ich soviel Geld zusammenbringe. Das mag im Rückblick ein Fehler gewesen sein, weil Filme, von denen ich jetzt nicht soviel halte, haben es ja auch geschafft. Es ist ein anderes Talent, vielleicht liegt es mir einfach nicht, mit Investoren zu reden.

Was war das größte Budget, das Sie jemals hatten?

Wir hatten 1980 einen Science-Fiction Film, der hieß „Battle Beyond the Stars“. Das war der erste Film, an dem Jim Cameron mitarbeitete, und zwar als Modellbauer. Aber er wurde sofort befördert, weil er so gut war. Der Film kostete zwei Millionen Dollar. Aber ich hatte zu dem Zeitpunkt einen Deal mit Warner Brothers, die haben die Auslandsrechte um eine Million gekauft. Also hatte ich das Gefühl, ich könnte mich ein wenig spielen, ohne all zuviel zu riskieren.

Welche Filme schauen Sie sich selber gerne an?

Es gab einen Zeitpunkt, da waren das die Filme, die ich selbst von den europäischen Auteurs im Verleih hatte: Bergmann, Fellini, Truffaut, Kurosawa, Schlöndorff. Aber mir kommt es fast so vor, als sei die Zeit diese Art Film vorbei. Ich sehe keine Leute, die heute noch so gute Filme machen. Vielleicht sind die Leute zu fixiert auf die Special Effects, auf diese Zirkusfilme, wie ich sie nenne. Aber es gibt natürlich auch heute noch ein paar solche Filme. Mein eigener Lieblingsfilm ist „The Intruder“ und „Mask of the Red Death“, und ich hatte da einen Science-Fiction Film „X - The Man with X-Ray-Eyes“, der hatte ein sehr nettes Thema und wenn ich jemals einen Remake von einem eigenen Film machen würde, dann von dem. Es ging um einen Mann, der einen Röntgenblick hat, und ich drehte ihn um sehr wenig Geld in gerade einmal drei Wochen und hatte kein Geld für Special effects. Heute könnte man das mit Computern und einem größeren Budget besser machen.

Gibt es immer noch Leute, die sich bei Ihnen vorstellen und gern bei Ihnen mitarbeiten wollen?

Ja (lacht). Es sind nicht immer allzuviele gute dabei, aber das war immer schon so. Das ist in jedem Bereich so. Wie viele gute Maler oder Autoren gibt es schon, im Gegensatz zu der Menge an Leuten, die malen oder schreiben. Brillante Leute sind auf jedem Gebiet immer die Ausnahme.

Glauben Sie, dass jeder einen Film um wenig Geld machen kann?

Das ist ja das Gute am Filmemachen heutzutage. Die neuen Digitalkameras sind so leicht und so billig in der Anwendung, dass Du mit deinen besten fünf, sechs Freunden einen Film schreiben, drehen und produzieren kannst und ihn am eigenen Computer auch noch schneiden – und das um ganz wenig Geld. Viele machen Filme um 10.000 bis 20.000 Dollar. Viele davon sind fürchterlich, aber einige ganz gut.

Was war das Highlight Ihrer langen Karriere?

Es gibt da kein besonderes Highlight, es ist die Befriedigung, die Freude und die Erfüllung, die ich aus dem Filmemachen beziehe. Es ist der Prozess, der mir gefällt und das werde ich so lang machen, wie ich kann.

Wir danken für das Gespräch

Das Interview führte Julia Pühringer

 
 

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