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Freud’sche Versprechen

Freud’sche Versprechen
© Universal Pictures International
Veröffentlicht:
10.11.2011
tele traf Kult-Regisseur David Cronenberg bei seinem Wien-Besuch. Der Horror-Magier sprach über Männerliebe, Freud-Klischees und emotionales Kidnapping.

Seine Filme inszeniert Großmeister Cronenberg oft beherzt grauslich. Beim Interview anlässlich seines ab 11.11. im Kino zu sehenden Films "Eine dunkle Begierde" sitzt uns ein freundlicher, angegrauter Herr gegenüber, der von den Vorzügen der Psychotherapie schwärmt, gar nicht provozieren mag und sich freut, wenn jeder seine Filme mag. So kann man sich täuschen ...

tele: Die Beziehung zwischen Freud und Jung erinnert an die TV-Serie „Nip/Tuck“: Eine Liebesgeschichte zwischen zwei Hetero-Männern …
David Cronenberg: Es ist definitiv eine Dreiecksgeschichte. Und es herrschte sicher Liebe zwischen Freud und Jung, sie haben da eine sehr moderne Beziehung geschaffen, die es in der Art vorher einfach nicht gab. Sie waren beide Fachmänner, sehr ehrgeizig, sehr angesehen, an der Spitze ihres Fachs, und doch, wenn man ihre Briefe liest, waren sie sehr vertraut miteinander. Sie haben sich die unglaublichsten Dinge anvertraut, über ihre erotischen Träume, ihre Körper, ihre Sexualität, ihr Leben. Das war ungewöhnlich, sowas hat es vorher einfach nicht gegeben. Deswegen wirkt der Film oft auch sehr modern, obwohl die Geschichte vor hundert Jahren stattgefunden hat. Sie haben damals die Moderne begründet.

Wie wichtig war es, on location in Wien zu drehen? Viele Schauplätze hat man schon lang nicht mehr im Kino gesehen, den Park des Belvedere, Kaffeehäuser …
Wenn man einen Film plant, hängt es ja oft von der Finanzierung ab, wo man dreht. Dieser Film ist eine deutsch-kanadische Koproduktion. Also mussten wir das meiste Geld in Deutschland ausgeben und dort drehen, auch wenn der Film dort gar nicht spielt. Aber ich habe auf ein paar Tage in Wien bestanden, teils, weil es sowas wie den Belvedere-Park nirgendwo gibt. Und das war für Freud ein wichtiger Ort, wo er oft spazieren gegangen ist. Und das Café Sperl ist natürlich eine wunderbar erhaltene Version eines Wiener Kaffeehauses – wir hätten uns es nicht leisten können, so etwas nachzubauen, in allen Details wäre das im Studio sehr, sehr teuer geworden. Und es war sehr wichtig, im Eingang von Freuds Haus in der Berggasse zu drehen, auch für unsere Schauspieler. Dort zu sein, wo Freud einst war, das war wichtig für die Seele des Films. Das haben die Schauspieler auch alle gespürt, es hat ihre Performance verbessert.

Haben Sie sich immer schon für Freud interessiert?
Ja. Der erste Kurzfilm, den ich gedreht habe, hieß „Transfer“, handelte von einem Psychiater und seinem Patienten. Ich habe ihn geschrieben, gedreht und geschnitten – offensichtlich hat mich diese Beziehung schon immer interessiert. Es war eine neue Form der Beziehung, die es vorher einfach noch nie zwischen Menschen gegeben hatte: Einerseits sehr intim, aber mit einer klinischen Distanz, verkompliziert von der Idee des Transfers, dass man andere Menschen im eigenen Leben auf den Analytiker projiziert. Zu der Zeit, in der der Film spielt, wurden die Grenzen dieser Beziehung eben erst festgelegt. Man hat eine neue Beziehung erfunden. Es ist also nicht ungewöhnlich für Otto Gross, zu sagen, „es ist in Ordnung, eine Affäre mit einer Patientin zu haben. Vielleicht ist das sogar was Gutes in einer Therapie. Wir sollten uns ja nicht anmaßen zu wissen, was funktioniert und was nicht.“ Unter den heutigen Vorgaben wäre das sehr unethisch von Jung. Damals war das anders. Sie haben versucht herauszufinden, wie's funktioniert.

Haben Sie sich andere Filme über Freud zum Vorbild genommen? Den von John Houston, zum Beispiel?
Es geht um einen sehr spezifischen Zeitpunkt in Freuds Leben, der im Film noch nicht oft gezeigt wurde, als er um die fünfzig Jahre alt war. Die meisten Leute stellen sich Freud als sehr großväterlichen, strengen, 80jährigen vor. Wenn man Stefan Zweigs „Die Welt von Gestern“ liest, und Zweig kannte Freud, der beschreibt ihn als gutaussend, charismatisch, maskulin, charmant, humorvoll. Daran denken die Menschen nicht, wenn sie an Freud denken. Ich dachte, wenn ich Viggo Mortensen als Freud besetze, würde das diese Klischees über Freud untergraben. Auch im Stück von Christoper Hampton [Autor des Theaterstücks „Die Methode“, er schrieb auch das Drehbuch zum Film, Anm. d. Red] kommt das vor, er hatte einen sehr trockenen, schadenfrohen Sinn für Humor, mit dem er auch sehr verletzend sein konnte, wenn er ihn gegen seine Feinde verwendete. Er hat ja Humor auch sehr genau analysiert. Aber ein Großteil der Dialoge stammt wirklich aus den Briefen, ist sehr präzise.

Was ist an Freud noch immer so faszinierend?
Er ist einer der Menschen, die unser Verständnis davon entwickelt haben, was den Menschen ausmacht. Inzwischen ist das für die meisten unsichtbar. Man muss Freud dafür auch nicht gelesen haben, eigentlich überhaupt nichts über ihn wissen, aber man wird trotzdem Formulierungen verwenden wie etwas „unbewusst“ tun, oder über das „große Ego“ von jemandem reden. Und dieses Verständnis stammt nun mal von Freud. Die Idee, dass wir unbewusst denken, war sehr revolutionär. Und wir akzeptieren sie noch immer. Was auch interessant ist: Man hat mit magnetischen Bildern vom Gehirn, der Magnetresonanzangiographie, gezeigt, dass Freud hundertprozentig recht hatte. Es ist so wie bei Einstein, bevor wir nichts ins Weltall schicken konnten, konnten wir nicht beweisen, dass seine Theorien über Zeit und Raum stimmen. Und jetzt wissen wir das.

Haben Sie diesen Film mit Ihrem Es, Ihrem Ich, oder Ihrem Über-Ich gedreht?
Mit allem, was ich hatte. Im Ernst, wenn du einen Film drehst, musst du alles einbringen, deine Intelligenz, deine Kultur, deine Eingeweide.

Der Film ist im Vergleich zu Ihren früheren Filmen stilistisch sehr zurückhaltend.
Wenn ich einen Film drehe, ist es so, als ob meine früheren Filme gar nicht existieren, sie sind völlig irrelevant. Das ist für einen Filmkritiker natürlich anders, ihr seht euch das Gesamtwerk an. Meine Perspektive ist völlig anders. Sobald ich mich für ein Projekt entschieden habe, konzentriere ich mich nur auf diesen Film. Der Film sagt dir selbst, was er will, was er braucht. Der Schreibstil von Christopher erinnert auch an den Stil der Zeit, Wien im frühen 19. Jahrhundert, sehr kontrolliert, sehr förmlich. Was machte da eine wilde Handkamera für einen Sinn? Da würde man willkürlich einen Stil auf das Material aufsetzen. Das ist einfach die Natur dieses Films.

Bringt uns Psychoanalyse heute noch was?
Ich denke, sie ist weiterhin sehr sinnvoll. Vergessen Sie nicht, dass sie sich in viele Zweige weiterentwickelt hat. So ist die Kognitive Verhaltenstherapie rein technisch nicht Freudianisch, würde aber ohne Freud nicht existieren. In den New York Times habe ich einen wunderbaren Artikel darüber gelesen, wie populär Freud gerade in China wird. Dort entwickelt sich gerade eine Mittelklasse, die mehr Zeit, Raum und Geld hat, um sich mit ihrer Psyche und ihrer Familienstruktur zu beschäftigen. Es gibt tatsächlich Psychiater aus New York, die spätnachts mit ihren Patienten aus China skypen ... Freud lebt! Natürlich ist auch die Medizin Moden unterworfen. Im Film leidet Sabina an Hysterie, die als klinische Krankheit heute gar nicht mehre existiert. Ist das eine sozial konstruierte Krankheit? Sowohl Freudianische und Jung'sche Analyse existieren noch. Die Frage ist immer noch, was funktioniert. Das Bedürfnis nach einer neutralen Person, die dir zuhört, ohne emotionale Lasten, ohne emotionales Kidnapping wie bei der eigenen Familie, ist immer noch da. Die beiden mussten damit kämpfen: Du triffst jemanden, er ist Analytiker, er wurde dir empfohlen, du kennst ihn nicht. Aber nach der ersten Session lernt man sich natürlich kennen. Trotzdem hat die Psychoanalyse heute immer noch Gültigkeit. Auch wenn die strenge Freudianische Analyse, wie sie 1908 in Wien praktiziert wurde, heute wohl nicht mehr funktionieren würde. Aber die Theorien haben sich entwickelt. Ich persönlich kenne einen Schriftsteller, der sagt, er wäre ohne Psychoanalyse nicht mehr am Leben. Er hatte eine sehr komplizierte Beziehung zu seinem Vater und seiner Mutter, sie hat ihn befreit. Er war damals sehr selbstmörderisch unterwegs. Bei ihm hat's funktioniert.

Freud hat viele Filmemacher inspiriert, Bertolucci, Woody Allen, der Analytiker ist in Hollywood-Filmen ja fast ein Pop-Klischee. Steht die Freudianische Theorie zum Kino in einer produktiven Beziehung?
Für die, die's verwenden, sicher. Auch Salvador Dali und die Surrealisten würden ohne die Traumanalyse nicht funktionieren. Aber jeder, der im 20. Jahrhundert aufwächst, ist von ihm beeinflusst. Auch mein Verständnis, wie Leute funktionieren, ist sicher von ihm beeinflusst. Es kann sicher als Werkzeug funktionieren. Als Künstler will man aber auch nicht zu stark schematisieren. Es muss alles immer vom Material ausgehen. Aber Sie kennen das sicher, wenn man einen Film oder irgendein anderes Kunstwerk sieht, wo man spürt, dass etwas künstlich drübergelegt wurde. Ich hätte zum Beispiel Sabina unbedingt als feministische Ikone oder Märtyrerin darstellen können. Aber es ist einfach viel effektiver, man lässt die Geschichte so sein, wie sie ist, und erfindet kein großes politisches Konstrukt.

Was ist so faszinierend an Viggo Mortensen?
Wir haben definitiv ein Liebesverhältnis. Wir sind uns Vater und Bruder (grinst).

Wieso war es Ihnen wichtig, zu zeigen, dass Jung in der erste Klasse nach New York fahren konnte, und Freund nicht?
Sie hatten eine sehr interessante Beziehung. Und die Tatsache, dass Jung sich um Geld keine Sorgen machen musste und seine Theorien entwickeln konnte, macht einen Unterschied. Sie haben die Psychoanalyse erfunden und damit das Arzt-Sein hinter sich gelassen, wo jedem klar ist, dass man den Arzt bezahlen muss, und er behandelt einen. Aber mit bei der Psychoanalyse sitzt man nur in einem Raum, der Analytiker sagt nicht sehr viel und dann zahlt man 20 Franken. Freud musste sich entscheiden, wie er die Psychoanalyse zu Geld machen konnte. Es war sein Beruf, aber der hatte ja vorher nicht existiert. Freud hatte sechs Kinder, die er durchfüttern musste. Jung hingegen konnte vier Jahre lang einen Nervenzusammenbruch haben und den ganzen ersten Weltkrieg in der Schweiz aussitzen, ohne sich um Geld Sorgen zu machen zu müssen, einfach weil seine Frau so reich war. Das war schon ein wichtiger Unterschied.

Haben Sie viele Träume in ihren Filmen verwendet?
Eigentlich nur einen einzigen, das war in meinem ersten Film, „Shivers“. Ich träumte, dass neben mir eine Frau im Bett lag, sie öffnete ihren Mund und eine Spinne kam heraus. Ich musste dann einen Parasiten daraus machen, weil die acht Beine zu schwierig darzustellen waren. Und dann wurde die ganze Idee von „Alien“ gestohlen. Ich habe Shivers zuerst gemacht! Und ich hatte einen Parasiten, der sich aus deinem Körper brennt, dir ins Gesicht springt und deinen Hals hinunterwandert. Aber das war der einzige Traum, der als Inspiration für einen Film diente.

Vermissen Sie so einen Skandal wie um Ihren Film „Crash“?
Ich habe diesen Skandal wirklich nicht genossen. Und ich war davon sehr überrascht. Es handelte sich schließlich um einen zwanzig Jahre alten Roman von J. G. Ballard, den jeder kannte. Ganz ehrlich, es war nur in England ein Skandal. Das war eine sehr seltsame Reaktion. Die haben sich da an ein paar Dingen aufgehängt. Es gibt viel Zorn und Wut in England, das spürt man auch wenn man durch London geht, eine Wut, die nicht artikuliert wird und kein Ziel hat. Und die Klatschblätter instrumentalisieren das. Da sind wir einfach reingeraten. In Cannes gab's einen kleinen Skandal, aber der Film war in Frankreich auf Platz 1. Und in Westminster ist er immer noch verboten! Wenn man ihn zeigt, könnte man theoretisch verhaftet werden. Aber ich glaube, das war ein speziell englisches Phänomen. Wenn der Film in verschiedenen Ländern verliehen wird, erhält man immer verschiedene Reaktionen. Die haben aber nicht so sehr mit dem Film zu tun, als mit der Kultur, in der er gezeigt wird.

Sie provozieren nicht gerne?
Nein, ich habe diese Eigenschaft nicht. Ich würde mich freuen, wenn alle einfach nur sagen, „Ich liebe Ihren neuen Film!“. Das wär total ok für mich.

Was ist Ihr nächstes Projekt?
Ein anderes, total provokantes Projekt (lacht):, „Cosmopolis“. Wir haben den Film schon fertiggedreht und fertiggeschnitten, wir machen noch die visuellen Effekte und den Soundmix machen wir in Frankreich. Es war eine kanadisch-französische Koproduktion, deshalb müssen wir diesmal Geld in Frankreich ausgeben (grinst). Aber es gibt schlimmere Orte. Aber ich erwarte mir interessante Reaktionen aus England wegen Robert Pattinson. Die Briten haben da mit Keira Knightley was laufen, das für Menschen aus anderen Ländern völlig unverständlich ist. Sie ist wunderbar, unfassbar professionell, sie hat Erfolg, seit sie jung ist, sie ist großartig im Film. Sie ist einfach zu hübsch und zu gut, das ist scheinbar ein Affront.

Freud raucht im Film ungeheuer viel ...
Er hat dafür bezahlen müssen: Er bekam Kieferkrebs. Er hat 22 Zigarren am Tag geraucht. Deswegen gibt es im Film nur eine Szene, in der er nicht raucht: Beim Abendessen.

Wir danken für das Gespräch!

Das Interview führte Julia Pühringer

Interviews

Freud’sche Versprechen
Interviews, 10. November 2011
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