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Interview mit Stefanie Stappenbeck

Interview mit Stefanie Stappenbeck
© ZDF
Veröffentlicht:
26.04.2011
"Ich bin jemand, der immer nach Hause zurückkommen muss"
Ist Ihnen Lara Brunn sympathisch?
Ja, ich kann diese Figur sehr gut nachempfinden und verstehen, dass sie aufgrund ihrer Familiengeschichte (in ihrer Kindheit ging es nicht mit rechten Dingen zu, es gab eine vertuschte Liebesgeschichte) lieber flüchtige Affären hat und sich nicht richtig auf jemanden einlassen will. So etwas kann durchaus auf Kinder abfärben. Lara fehlt das Vertrauen in Beziehungen. Und in „Tod am Engelstein“ hat ein unbewusstes Familiengeheimnis ganz bestimmt eine verstörende Wirkung auf die komplette Familie. Eine kleine Herausforderung war die Figur selbst: Mit jedem Drehtag spürte ich mehr und mehr die Energie, die in dieser jungen Frau steckt, der einfach kein Glauben geschenkt wird und die sich immer verlorener und unsicherer in der Welt fühlt.

Lara und Sylvia gehen nicht gerade schwesterlich miteinander um ...

Die beiden verbindet eher eine Hassliebe. Sie leben völlig verschiedene Lebensentwürfe, und eine wirft der anderen ihr jeweiliges Leben vor. Sylvia versucht, diesen sogenannten klassischen Traum von Haus, Ehemann, zwei Kinder und Hund unter Einsatz all ihrer Kräfte zu erfüllen, aber scheitert daran. Sie schafft es nicht, all diesen Pflichten wie Job, Ehe und Familie gerecht zu werden. Lara dagegen hat gesehen, dass diese Art Leben schon bei ihren Eltern nicht funktionierte. Sie hat sich deshalb ausgeklinkt: ein Fluchtimpuls. Die Beziehung der beiden Schwestern ist komplett entfremdet, und das hat vor allem mit der Atmosphäre zu tun, in der sie aufwachsen sind: eine, in der nicht gesprochen wird, eine, in der man sich nicht mitgeteilt hat. Kein Wunder, dass sich die Dinge so entwickelt haben! Aber über die Dramen, die im Film passieren, finden die beiden ja zum Glück auch wieder ein Stückchen zueinander.

Lara ist eigentlich eine Frohnatur. Sind Sie das auch?
Lange Zeit war ich das überhaupt nicht! Ich wirkte bis Mitte 20 nach außen hin komischerweise oft fröhlicher und stärker, als ich mich innerlich fühlte. Ich bin durch ganz dunkle Zeiten gegangen, war melancholisch, fast depressiv. Erstaunlich und schwer zu glauben, aber mittlerweile kann ich sagen, ich bin immer gut gelaunt und tatsächlich eine Frohnatur.

Woran lag das?
So etwas hat ja immer viele Ursachen: meine Kindheit in der DDR zum Beispiel. Ich war Einengungen, Repressalien und einem Druck ausgesetzt, den man bewusst so gar nicht wahrnimmt. Hinzu kam damals auch unsere Familiensituation: Meine jüngere Schwester ist mit Down- Syndrom auf die Welt gekommen. Auch ich habe meinen Eltern Sorgen bereitet. Ich fing plötzlich an, Fingernägel zu kauen, hab’ mir die Haare abgeschnitten und ganz komische Sachen gemacht. Meine Eltern waren beide noch sehr jung, haben noch studiert und mussten mich als Kleinkind versorgen. Das war eine enorme Belastung für die Familie, die alle erst einmal verkraften mussten. Dann kam meine Pubertät, gleichzeitig meine ersten Schritte im Beruf. Ich habe relativ früh angefangen zu arbeiten. Mit 18 war ich schon am Deutschen Theater in Berlin. Das alles auch psychisch zu bewältigen oder zu verarbeiten, hat einfach eine Zeit gedauert.

Was macht Ihre jüngere Schwester heute?
Sie lebt im Stephansstift in Berlin-Weißensee, eine tolle kirchliche Einrichtung. Sie hat dort ein sehr gutes Leben, geht jeden Tag „schuften“, wie sie sagt, in einer Keramikwerkstatt, wo schöne, gute Keramiksachen hergestellt werden. Am Wochenende besucht sie die Eltern, wenn sie Lust hat.

Wie ist Ihr Verhältnis zur Familie?
Ich bin ganz anders als Lara. Meine Eltern leben in Berlin, meine eine Schwester auch und die andere in Hamburg. Wir telefonieren viel und sehen uns oft. Viele Kinder haben ja Schwierigkeiten mit ihren Eltern, aber ich habe ein inniges und schönes Verhältnis zu meinen.

Sie sind in Potsdam geboren, in Ost-Berlin aufgewachsen. Wie oft waren Sie denn schon in den Bergen?
Bis 2008 hatte ich mit Bergtouren noch keinerlei Erfahrung. Im Jahr vor dem Dreh war ich in Südamerika, habe in Patagonien meine ersten Wandertouren mit meinem Mann gemacht und bin auf den Gletschern gewesen. Ich habe mich in die Natur dort verliebt – und auch in das Wandern. Insofern war dies eine Vorbereitung auf die bayerischen Berge, und ich habe mich sehr auf die Dreharbeiten gefreut.

Könnten Sie selbst mitten in der Natur leben?
Je älter ich werde, desto mehr lerne ich die Natur zu schätzen, auch das Unberührte. Meine Reise nach Patagonien war wirklich eine Offenbarung. Wo ich doch bisher immer dachte, ein totaler Stadtmensch zu sein. Richtig auf dem Land leben könnte ich allerdings nicht. Dann fehlt mir mein Yoga-Studio, mein Bio-Supermarkt, mein Lieblingskino mit den Originalversionen und meine Freunde – kurz: die Inspiration des Großstadtleben. Außerdem liegen meine Wurzeln in Berlin, und ich bin jemand, der immer nach Hause zurückkommen muss.

Zwischen Lara und Vincent knistert es nach vielen Jahren immer noch. Hatten Sie auch eine große Jugendliebe, an der man ewig hängt?
Ja, zum Glück ist mein Schwarm von damals immer noch einer meiner besten Freunde. Unser Verhältnis ist zwar nicht mehr ganz so eng, aber wir konnten uns die Freundschaft erhalten. Er ist für mich heute wie ein Bruder.

Lara kennt ihren Vater nicht. Wie prägend war Ihr Papa für Sie?
Sehr, sehr prägend! Mein Vater hat zu DDR-Zeiten an der Humboldt-Uni gearbeitet, an der Sektion Theologie. Und die Kirche war damals der einzige offizielle Ort, an dem so etwas wie ein kritischer Umgang mit dem Staat erlaubt war. Mein Vater hat mir beigebracht, jedes politische System mit Abstand und kritischem Blick zu betrachten. Er war ziemlich streng. Beide Elternteile waren sehr intellektuell und haben alles hinterfragt.

Was haben Sie von älteren Kollegen gelernt wie etwa Dietmar Mues?
Ich bin immer noch völlig geschockt von der Nachricht über seinen tödlichen Unfall vor einigen Tagen, das ist extrem schrecklich und traurig. Dietmar Mues war ein so warmherziger, zartfühlender, spannender und partnerschaftlicher Kollege. Mit ihm zu arbeiten, war ein großes Geschenk – seine Genauigkeit, sein Sichhingeben und seine Klugheit eine große Inspiration. Ich werde ihn sehr, sehr vermissen.

Interviews

Interview mit Stefanie Stappenbeck
Interviews, 26. April 2011
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