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Das österreichische Fernsehmagazin

„Im Fußball muss man mit allem rechnen“

Veröffentlicht:
17.05.2010
ÖFB-Teamchef Dietmar Constantini im tele-Exklusivinterview.
tele: Herr Constantini, welchen Stellenwert hat das Länderspiel gegen Kroatien? Ein Testspiel wie viele andere?

Didi Constantini: Für mich gibt es kein Testspiel und kein Freundschaftsspiel, weil jedes Länderspiel gleich viel zählt und auch so beurteilt wird. Österreich hatte immer Probleme mit dem ersten Match nach der Winterpause. Das haben wir aber heuer gegen Dänemark gewonnen (2:1, Anm. der Red.). Und wir hatten immer Probleme mit den Spielen nach Ende der Meisterschaft. Aber von Profis kann ich erwarten, dass sie auch zu diesem Zeitpunkt 100 Prozent ihrer Leistung bringen. So wie der Kader momentan ausschaut, sehe ich da keine Probleme. Die Spieler kommen alle mit Freude und Euphorie zum Team. Das war vorher anders.

tele: Wie beurteilen Sie die derzeitige Verfassung des ÖFB-Teams? Stimmt die Form, vor allem die der Legionäre?

Constantini: Die Situation könnte besser sein. Spieler wie Scharner und Pogatetz sind leicht verletzt, der eine oder andere spielt im Verein derzeit nicht. Und dann gibt es noch Berg- und Talfahrten wie etwa bei Martin Harnik, der das Jahr über gezeigt hat, was er drauf hat, aber seit zwei Monaten das Tor nicht mehr getroffen hat (Anm. der Red.: Am letzten Spieltag der 2. Deutschen Bundesliga traf Harnik wieder – das Interview mit Didi Constantini fand vorher statt).

tele: Die Chancen gegen Kroatien? Glauben Sie, dass sich der Gegner im Spiel gegen Österreich voll reinhängen wird?

Constantini: Die Kroaten spielen alle in den besten Ligen Europas und sind dort Leistungsträger. Dadurch sind wir schon einmal im Nachteil. Und als Profis wissen diese Spieler genauso wie wir, dass es in jedem Länderspiel auch um die Reputation geht.

tele: Im Herbst beginnt die Qualifikation für die EURO 2012. Zählt man noch die Begegnung gegen die Schweiz am 11. August dazu, haben sie drei Spiele als Vorbereitung. Reicht das?

Constantini: Ich bin froh, dass das Kroatien-Spiel nachträglich dazugekommen ist, sonst hätten wir vom Spanien-Spiel im November 2009 bis zum zum Start der EM-Quali nur zwei Länderspiele gehabt. Das wäre natürlich keine Vorbereitung gewesen. Aber ich raunz’ da nicht herum, weil vor dem ersten EM-Quali-Spiel gegen Kasachstan sind wir knapp zehn Tage kaserniert und da müssen wir uns halt zusammenspielen. Es gibt ja auch einen dichten Terminplan in der Meisterschaft und die Qualifikationsrunden für die Europa- bzw. Champions League. Es geht gar nicht anders.

tele: Die brisanten Duelle gegen Deutschland folgen erst 2011. Ist das in ihrem Sinne?

Constantini: Wenn die Mannschaft so zusammen bleibt, wie sie jetzt spielt, hat sie ein Jahr später wieder mehr Routine. Jedes Länderspiel bedeutet für einen jungen Spieler mehr Erfahrung. Man geht natürlich von einer Steigerung aus, auch wenn das nicht immer der Fall ist. Also insofern ist es nicht schlecht, dass wir gegen Deutschland erst nächstes Jahr spielen.

tele: Gegen welche Gegner in unserer Qualifikationsgruppe rechnen Sie sich die besten Chancen aus?

Constantini: Ich bin kein Freund von Rechenspielen. Ich kann zwar gut rechnen, aber im Fußball ist das überflüssig. Dann verliert man Spiele, von denen man glaubt, die gewinnt man sicher. Sich im vorhinein auszumalen oder auszurechnen, gegen wen man was erreichen könnte, das gibt’s bei mir nicht. Das sieht man Woche für Woche in der österreichischen Bundesliga und in jeder anderen Liga, welche Überraschungen möglich sind und deshalb ist das eine Geschichte, bei der ich nicht mitspiele.

tele: Könnte es bei der WM erstmals einen afrikanischen Weltmeister geben könnte?

Constantini: Die Möglichkeit ist schon durch das Veranstalterland gegeben. Die WM findet immerhin auf diesem Erdteil statt, und es gibt einige Mannschaften wie Ghana, Kamerun oder Nigeria, denen der WM-Titel zuzutrauen ist. Das sind Top-Teams mit Top-Trainern. Warum sollte es also nicht passieren.

tele: Wer wird der Superstar der WM?

Constantini: Das ist schwer zu sagen. Wayne Rooney, wenn er voll fit ist, ist sicher ein Kandidat. Es wird auch den einen oder anderen Afrikaner geben, der sensationell spielen wird. Cristiano Ronaldo ist auch dabei. Die Spanier Iniesta und Xavi, Messi sowiso. Diese Leute spielen genial Fußball. Die Frage ist nur, ob sie auch eine gute WM spielen.
Messi etwa spielt im Nationalteam nicht so gut wie bei Barcelona, aber er ist andererseits ein genialer Fußballer.

tele: Wer zählt für Sie bei der WM zu den Top-Favoriten?

Constantini: Spanien, Brasilien und Argentinien zählen wieder zu den üblichen Verdächtigen. Deutschland darf man auch nie außer Acht lassen. Aber im Grunde hat jedes Turnier seine eigene Geschichte und jede Mannschaft hat ihre eigene Geschichte während eines Turniers.
Ich denke da an Italien 1982. Die haben in der Vorrunde katastrophal gespielt, waren zerstritten, es gab viele Vorwürfe. Die Rotation ist auch ein Problem. Bei der Euro 2008 haben einige Teams, als es im letzten Gruppenspiel um nichts mehr ging, andere Spieler eingesetzt. Im Grunde sind so alle Mannschaften irgendwie weggebrochen – nur Spanien hielt bis zum Finale die gleiche Form.

tele: Man hört deutlich heraus, dass sie ein großer Fan des spanischen Fußballs sind ...

Constantini: Der spanische Fußball ist wie Musik. Die technisch besten Fußballer auf der Welt spielen eben den einfachsten und schönsten Fußball. Nicht so gute Fußballer spielen zumeist komplizierter.

tele: Sind Sie selbst in Südafrika dabei?

Constantini: Ja, ich werde ungefähr zehn Tage dort sein schaue mir zusammen mit Heinz Peischl (Co-Trainer des ÖFB-Teams, Anm.) auf jeden Fall die Deutschland-Spiele gegen Australien und Serbien an. Stationiert sind wir in Johannesburg, dort schauen wir uns noch drei, vier andere Spiele an.

tele: Waren Sie schon einmal in Südafrika.

Constantini: Nein.

tele: Die Kriminalitätsrate in Südafrika ist bekannt hoch. Fürchten Sie im WM-Gastgeberland um ihre Sicherheit?

Constantini: Befürchtungen habe ich nicht. Ich war aber von Anfang an überrascht, dass trotz hoher Kriminalitätsrate dort eine WM durchgeführt wird. Auf der anderen Seite ist es aber so: Wenn du Angst hast und du strahlst das auch noch aus, bringt das ja nichts.
Man geht davon aus, dass alles ordentlich über die Bühne geht. Wer weiß, vielleicht wird das eine großartige WM, weil sich die Leute dort ja intensiv mit den Problemen beschäftigen und zeigen wollen, dass es klappt.
Passieren kann überall was.

Das Interview mit Didi Constantini führte Franz Jellen.

Interviews

 
Interviews, 17. Mai 2010
tele: Herr Constantini, welchen Stellenwert hat das Länderspiel gegen Kroatien? Ein Testspiel wie viele andere?Didi Constantini: Für mich gibt es kein Testspiel und kein Freundschaftsspiel, weil jedes Länderspiel gleich viel zählt und auch so beurteilt wird. Österreich hatte immer Probleme mit dem … mehr >
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