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Cannes 2017: Nachbetrachtungen

Cannes 2017: Nachbetrachtungen
© Picturedesk
Veröffentlicht:
01.06.2017
Goldene Palmen, alte Bekannte und neue Heldinnen.

Das Filmfestival von Cannes hinterlässt hinterher immer einen anderen Eindruck, als es das Programm vorab vermuten ließ. Schließlich lässt sich schlecht vorhersagen, was hinterher am besten gewesen sein wird. Doch eines stand schon irgendwie vorab fest: Französische Filme über französische Künstler, staatstragend mit Frankreichs besten Schauspielern besetzt, können ganz schön langweilen. So wurde der Eröffnungsfilm „Les Fantômes d'Ismaël“ von Arnaud Desplechin über einen trunksüchtigen Filmemacher zwischen zwei Frauen von der Kritik allgemein belächelt. Wenig besser schnitt das Biopic „Rodin“ ab, in dem Vincent Lindon den Künstler spielte. Was beide Filme in einem Wettbewerb verloren haben, der doch immer noch vermittelt, den Anspruch zu stellen, die besten oder zumindest interessantesten Filme des kommenden Filmjahres zu zeigen, bleibt fraglich – bzw. nur dadurch erklärbar, dass man sich in Frankreich als Filmland mit seinen Stars eben auch selbst am roten Teppich unter Palmen feiern will, Qualität hin oder her. Warum man nämliches nicht mit dem deutlich besseren Film „Un Beau Soleil Interieur“, einer RomCom von Claire Denis mit Juliette Binoche tat, die stattdessen in der Nebenschiene „La Quinzaine des Réalisateurs“ lief, sei dahingestellt.

Die Frauenfrage

In diesem Zusammenhang – Filme von überschaubarer Qualität im Wettbewerb – wird die immer noch fehlende Repräsentation von Filmemacherinnen beim Festival zur Persiflage. Wer behauptet, er zeigt die besten Filme, impliziert damit, Filme von Frauen wären nicht gut genug. Wenn dann soviel Durchschnitt läuft, wird die Sache zur Farce. Heuer waren drei von 19 Filmen im Wettbewerb von Filmemacherinnen: „The Beguiled“ von Sofia Coppola, „Radiance“ von Naomi Kawase und „You Were Never Really Here“ von Lynne Ramsay. In der Nebenschiene „Un Certain Regard“ betrug der Anteil immerhin 28%, besonders hervorzuweisen sind dabei Valeska Grisebachs „Western“ und „Jeune Femme“ von Léonor Seraille.
Als man anlässlich des 70. Geburtstags des Festivals die Preisträger der Goldenen Palmen zum Photocall auf den roten Teppich lud, war Jane Campion (Goldene Palme 1993 für „Das Piano“) die einzige Frau. Das mag früher noch angegangen sein, sorgte aber 2017 zurecht für Augenrollen. Dass sie sich damals den Preis auch noch teilen musste, ist längst in der Festivalgeschichte versunken.

Stark im Abgang

Derweil die ersten Pressegäste und Filmstars längst wieder nachhause gereist waren, überzeugten heuer jene Filme, die gegen Ende des Festivals im Programm „geparkt“ waren (Ausnahme: „Based on a True Story“ von Roman Polanski). Das schlug sich auch bei der Preisverleihung nieder: Sofia Coppola gewann für „The Beguiled“ als erste Frau seit 56 (!) Jahren und insgesamt als 2. Frau (!) den Regiepreis. Lynne Ramseys „You Were Never Really Here“ wurde zwar für die Regie gefeiert, den Preis konnte allerdings Hauptdarsteller Joaquin Phoenix abräumen. Immerhin bekam Ramsay den Preis für das Beste Drehbuch ex aequo mit Yorgos Lanthimos („The Lobster“) für das gar ironisch-brutale Gesellschaftsdrama „The Killing of a Sacred Deer“, das heuer Haneke („Happy End“) im „haneken“ schlug. Dafür überzeugte der sympathische deutsche Filmemacher Fatih Akin mit seinem Rachethriller „Aus dem Nichts“, bejubelt wurde Hauptdarstellerin Diane Kruger in ihrer ersten großen deutschen Rolle, sie erhielt den Preis als Beste Darstellerin. Die Goldene Palme erhielt heuer Ruben Östlunds ironisches Gesellschaftsdrama „The Square“ – bei weitem nicht der beste Film des Wettbewerbs – Nicole Kidman, heuer mit vier Filmen in Cannes vertreten, bekam einen für sie erschaffenen „Jubiläumspreis“. Den Großen Preis verlieh die Jury dem gelungene 90er-Musik-und-AIDS-Drama „BPM - Beats per Minute“.

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