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Soundcheck im Alpenland

Soundcheck im Alpenland
© ServusTV
Veröffentlicht:
18.05.2017
Herr Ostrowski auf der Suche nach dem Klang: Michael Ostrowski im Interview über seine „Heimatklänge“

Herr Ostrowski auf der Suche nach dem Klang: Mit seinem BMW, per Bahn und per Autostopp reiste der steirische Schauspieler und Comedian Michael Ostrowski 2016 für eine superbe Musikdoku quer durch Österreich. Im Handgepäck: ein Aufnahmegerät, eine Mini-Nagra, und großes Interesse an heimischer Musiktradition, von Jodlern, Dudlern und Wirtshaussängern bis hin zu Begräbnismusikern, Extremschrammlern, Musikethnologen und Volksmusiklegenden. Entstanden ist daraus der ServusTV-Doku-Vierteiler „Ostrowskis Heimatklänge“ – ein Geschenk nicht nur für Fans und Musikinteressierte, sondern auch für ihn selbst, wie Michael Ostrowski im tele-Interview erzählt. Außerdem erfahren wir mehr über die Musik seiner Kindheit, sein nächstes Filmprojekt und die immer noch brennende Liebe zu „Hotel Rock´n´Roll“.


tele: Von „Hotel Rock´n´Roll“ zu „Ostrowskis Heimatklängen“, das hört sich ja fast nach einer musikalischen Trendwende an …

Michael Ostrowski: Mit dem Titel war ich ehrlich gesagt nicht ganz glücklich. Aber so ist das im Fernsehen: Man macht eine Sendung, und dann passt der Titel nicht mehr. Ähnlich wie bei der „Jugendsünden“-Reihe im ORF. „Jugendsünden“ stimmt ja auch nicht mehr ganz, das ist ein Interview-Format. Und dann heißt es: „Ja, stimmt, aber es ist ja unter ‚Jugendsünden‘ im Budget!“ So ist Fernsehen! Wenn man das nicht rechtzeitig anmeldet und früh genug sagt, dass man für den Sendungstitel eine bessere Idee hat, ist das in Stein gemeißelt. Aber es ist ok, ich find’s nur ein bisschen irreführend.

tele: Wenn man sich anschaut, wer in dem Vierteiler so vorkommt, stimmt das aber zuversichtlich.

Michael Ostrowski: Ich hab „Ostrowskis Heimatklänge“ mit dem Chris Weisz gemacht, der auch „Herr Ostrowski sucht das Glück“ gedreht hat. Für mich sind diese dokumentarischen Ausflüge „kleine Reisen der Freiheit“. In dem Fall haben wir uns gemeinsam Musiker ausgesucht, Leute, die uns interessieren und Orte, die uns interessieren. Das war so ein Zusammenspiel: Wer kennt wen? Wer interessiert uns? Was wollten wir uns immer schon gern noch einmal anschauen. In der Auswahl waren wir relativ frei. Dann sind da also Leute wie Roland Neuwirth, das Kollegium Kalksburg oder die Biermösl Blosn. Oder Norbert Hauer, und noch viele andere, die man nicht so kennt. Und in Wirklichkeit weiß ich wenig über die Friedhofsmusik. Oder was singt eine Sennerin allein am Berg? Spannend ist immer das Zusammentreffen, finde ich. Weil man ja nie weiß, was passiert.

tele: Mit einigen der Protagonisten hast du ja bereits zusammengearbeitet …

Michael Ostrowski: Die Musiker, die ich am besten gekannt hab, waren das Kollegium Kalksburg und die Well-Brüder, die auch als Biermösl Blosn bekannt sind. Aber dem Roland Neuwirth zum Beispiel, dem bin ich vorher noch nie begegnet. Und den wollte ich unbedingt dabeihaben. Da gibt’s zwar Verbindungen zum Kollegium Kalksburg, aber ihn persönlich hab ich gar nicht gekannt. Man kann sich bei so einer Sendung ja auch selber kleine Geschenke machen und Leute treffen, die man immer schon sehen wollte …

tele: Unterscheiden sich „Herr Ostrowski sucht das Glück“ und die „Heimatklänge“ in der Gestaltung?

Michael Ostrowski: „Herr Ostrowski sucht das Glück“ war ein vollkommen frei zu erfindendes Format. Da war von vornherein nichts klar, das haben wir alles selbst entwickelt und mehr experimentiert. Es ist formal sicher durchgeknallter als die Musiksuche, wo das Thema und die vielen Reisen eigentlich schon relativ viel vorgegeben haben. Wenn du in Salzburg zu einer Bergkirche hinauffährst, dann ist allein das schon prägend. Es ist in diesem Fall mehr Reise, Begegnung – und natürlich Musik.

tele: Bist du selbst in einem musikalischen Umfeld aufgewachsen?

Michael Ostrowski: Es hat in meiner Familie lustigerweise keiner ein Instrument gespielt. Diese Tradition hab ich relativ gut fortgesetzt. Aber meine Mutter war in einem Gesangsverein, und da war natürlich immer die Geselligkeit dabei. Auf „blaue Fahrt“ gehen zum Beispiel. Da hat der Gesangsverein einen Bus organisiert – und nur ganz wenige, so zwei Leute vielleicht, haben gewusst wo’s hingeht. Es ging halt auf ins Blaue. Meine Mama hat dann im Bus immer zu singen angefangen. Und aus Erzählungen weiß ich, dass mein Papa dabei immer eingegangen ist, weil er’s nicht ausgehalten hat …

tele: Abgesehen davon: Was waren denn die „Heimatklänge“ deiner Kindheit?

Michael Ostrowski: Zwei Sachen: Das eine war die Blasmusik am 1. Mai. Am Land spielt da immer die Blasmusik, da war ich natürlich schon als kleiner Bub dabei. Das hat auch was Gutes, das ist schon in Ordnung. Und das zweite war das Gstanzlsingen in den Gasthäusern, das ich später immer mehr zu schätzen gelernt hab. Wenn man das gut macht, ist das auch eine höchst subversive Form des Gesangs.

tele: Ihr seid ja viel herumgekommen. Wie aufwändig war die Arbeit an den „Heimatklängen“?

Michael Ostrowski: Es war der unaufwändigste Dreh, den ich seit langem gemacht hab. Es gibt auch kein Budget in Österreich, sowas aufwändig zu drehen. Das Geheimnis liegt in der Einfachheit: Man muss mit den Mitteln, die man hat, gut umgehen. Sich gut ins Bild stellen und interessante Fragen stellen.

Ostrowskis Heimatklänge Heimat 04tele: Die vielen Reisekilometer haben dir nichts ausgemacht?

Michael Ostrowski: Ein Grund, warum ich es gemacht hab, waren die Reisen. Wann kommt man schon nach Ainet in Osttirol? Da würde ich ja sonst nie hinfahren! Nach Vorarlberg komm ich auch nicht oft. Aber ich konnte mich dort mit den Brüdern Well treffen, sie interviewen, mit ihnen blödeln und musizieren. Da nimmt man die Reisen gern in Kauf.

tele: Welche musikalische Begegnung war die schrägste?

Michael Ostrowski: Was ich spannend gefunden hab, war der Kurt Girk, ein sehr alter Wienerlied-Sänger aus Ottakring. Das war schon strange. Wenn du siehst, wie sich da jemand mit Schrammelmusikern hinstellt und singt wie vor hundert Jahren! Der stellt sich hin und trägt vor. Das hat was. Das war so ein Moment, wo ich froh war, dass ich den kennengelernt hab. Wir waren auch bei Biobauern in der Ramsau, die jodeln auf eine ganz spezielle Art. Das ist gar nicht so weit von dort entfernt, wo ich aufgewachsen bin, ich wär´ aber dort nie hingefahren. Das sind Bauern, die genau nichts zu tun haben mit diesem volkstümelnden, für mich nicht sehr interessanten Heimatbegriff. Die kommen überhaupt nicht aus diesem Heimateck, ganz im Gegenteil. Dass es das auch gibt und dass man solche Leute trifft, das fand ich gut. Dass Heimat nicht immer als verklärend kitschiges Bild gesehen wird.

tele: Der Begriff „Heimat“ hat in der Musik ja auch nicht immer etwas mit der heutigen Volksmusik oder mit politischen Statements zu tun …

Michael Ostrowski: Ja, und ich glaube auch, dass man sich den zurückholen muss. Das ist genauso wie mit Ibiza: Auch wenn der HC Strache dort hinfährt, ist es immer noch eine super Insel. Ich lass mir das nicht nehmen. Heimat kann genauso super sein. Das muss nichts mit so einer Gesinnung zu tun haben, so einer Mir-san-mir-Ideologie. Es kann auch eine Gesinnung sein, die offen ist, oder sogar fortschrittlich in vielen Dingen. Es gibt jedenfalls mehr als das nationalistische Heimateck. Heimat ist viel unterschiedlicher und diverser als man glaubt.

tele: Hattest du bei den Musikern oft das Gefühl, das sind jetzt irgendwie die Letzten ihrer Art …?

Michael Ostrowski: Manchmal schon. Ich denke, das Schöne ist, wenn man sich die Reihe anschaut: Kurt Girk, Roland Neuwirth und Kollegium Kalksburg mit Wolfgang Vincenz Wizlsperger: Das sind drei Generationen von Wienerlied-Sängern, wovon einer vielleicht der letzte seiner Generation ist. Der Neuwirth hat wieder was Neues geschaffen, und hört jetzt quasi live auf, und der andere hat auch eine eigene Form des Wienerliedes geprägt. Deshalb bin ich extrem froh, die alle kennengelernt und live erlebt zu haben.

Ostrowskis Heimatklänge Glaube und Hoffnung 09tele: Der Humor wird vermutlich auch nicht zu kurz kommen. Steckt viel Schmäh in „Ostrowskis Heimatklängen“?

Michael Ostrowski: Ich hoffe schon. Natürlich, wenn man einer Musiknummer zuhört, sind das drei Minuten Musik. Diese Serie hat einen anderen Rhythmus, langsamer als das, was ich sonst schreiben würde, und auch langsamer als „Herr Ostrowski sucht das Glück“. Allein durch die Reisen und das Zuhören ergibt sich ein anderer Rhythmus. Aber ich denke, durch die Art, wie die Interviews geführt werden und wie wir uns den Dingen nähern, ist auch genug Humor oder Schmäh dabei.

tele: Die „Heimatklänge“ hast du ja schon letztes Jahr gedreht. Woran arbeitest du aktuell?

Michael Ostrowski: Ich recherchiere gerade und schreibe an einem neuen Film. Und ich drehe nebenbei auch a bissl was als Schauspieler. Und ich gebe quasi „Hotel Rock´n´Roll“ (Anm.: bereits auf DVD und On Demand erhältlich, auch der Soundtrack auf CD) noch ein Leben, zusammen mit Gerald Votava. Wir hatten schon zwei Auftritte, wo der Film gezeigt wurde, und danach wurde live gespielt, Stand-up mit Musik. Das war wirklich lustig. „Hotel Rock´n´Roll“ ist immer noch ein Baby, das ich ein bisschen herumschaukle und herzeige.

tele: Wird es noch mehr von diesen Auftritten geben?

Michael Ostrowski: Das hat sich ganz gut angelassen. Es ist ein lustiges Format, wir improvisieren und es ist Musik dabei, das mag ich ganz gern. Ich finde es immer spannend solche Mischformen auszuprobieren. In dem Fall ist es eine improvisierte musikalische Show in Verbindung mit einem Film und Songs aus diesem Film. Ich weiß nicht, was daraus noch wird, aber das mache ich gerade, solche Sachen. Und mit Musik hab ich mich immer viel beschäftigt, obwohl ich selbst nie ein Musikinstrument erlernt hab. Ich bin auch schon mit einer Band auf der Bühne gestanden, als ich 15 war. Das war mir immer nahe, ohne dass ich es jemals professionell gemacht hätte.

tele: Wirst du demnächst auch wieder Regie bei einem TV- oder Kinofilm führen?

Michael Ostrowski: Bei dem Film, an dem ich gerade schreibe, würde ich auch die Regie übernehmen. Er sollte in zwei Ländern spielen. Ein Land ist Kuba, und das andere ist eventuell Österreich.

tele: Also ein grenz- und kontinentübergreifendes Projekt?

Michael Ostrowski: Ja, das kann man so sagen: „Arbeitet an einem grenz- und kontinentübergreifenden Spielfilm“.

tele: Danke für das Gespräch!

Interview: Franz Jellen

Ostrowskis Klangreise

Tradition trifft Neugier und Schmäh: „Ostrowskis Heimatklänge“ ist ein launiger, schräger Mix aus Doku und Reportage. Der Vierteiler ist thematisch aufgebaut: Unter dem Titel „Geselligkeit“ startet Michael Ostrowski diese Woche seine Reise zu Menschen, die österreichische Musiktradition leben. Am steirischen Grundlsee wird in der Schießstatt der Grundlseer Schützen sein Interesse für traditionelle Volksmusik geweckt, in Wien erfährt er von Volksmusikprofessor Rudi Pietsch viel über Musikethnologie und nach einem Gstanzl-Crashkurs bei Norbert Hauer auf einer steirischen Alm erweitert er diese Kenntnisse mit den Musikern des Kollegium Kalksburg. Die weiteren Folgen: „Liebe & Tod“ (26. 5) u. a. mit Wienerlied-Urgestein Kurt Girk, den Begräbnismusikern der Friedhofskombo, und „Ex­tremschrammler“ Roland Neuwirth. „Glaube & Hoffnung“ (2. 6.; steirisches Wechselgebiet, Salzburg und Kärnten) sowie „Heimat“ (9. 6.) u.a. mit einem Abstecher nach Vorarlberg, wo Ostrowski bayerische Volksmusiklegenden trifft: die Well-Brüder.

TV-Tipp:

"Ostrowskis Heimatklänge: Geselligkeit" – Folge 1
ServusTV, Freitag, 19. Mai, 21.15 Uhr

"Ostrowskis Heimatklänge: Liebe & Tod" – Folge 2
ServusTV, Freitag, 26. Mai, ab 21:15 Uhr

"Ostrowskis Heimatklänge: Glaube & Hoffnung" – Folge 3
ServusTV, Freitag, 2. Juni, ab 21:15 Uhr

"Ostrowskis Heimatklänge: Heimat" – Folge 4
ServusTV, Freitag, 9. Juni, ab 21.15 Uhr

 

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