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Vorsorge: Impfen

Vorsorge: Impfen
© Thinkstock
Veröffentlicht:
27.10.2016
Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt im tele-Talk

Sind wir ein Land von Impfmuffeln? Und gefährden wir damit die eigene Gesundheit und die unserer Kinder?
Verträglichkeit und Sinnhaftigkeit von Impfungen.

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Die allgemeine Skepsis dem Impfen gegenüber wird immer stärker. Man hat den Eindruck, dass immer mehr die Nebenwirkungen im Vordergrund stehen, als die positiven Wirkungen, die Impfungen für die Weltgesundheit gebracht haben. Wie kann man dem Trend Ihrer Meinung nach entgegenwirken?
Es muss vermehrt fundiert informiert und aufgeklärt werden und generell die Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung gehoben werden. Im Zeitalter der social media und des Internets schwirren eine Vielzahl an Informationen und Geschichten herum, deren Wahrheitsgehalt von Laien schwer unterschieden werden kann und oft sehr verunsichert. Mythen und Geschichten, die emotionell bewegen „ziehen“ mehr als seriöses und wissenschaftlich fundiertes Fachwissen. Umso wichtiger ist es Fachwissen in unabhängiger Weise zu vermitteln. Das betrifft uns Ärzte, die sich mehr Zeit für Aufklärungsgespräche nehmen müssen, ebenso wie alle anderen im Gesundheitswesen Tätigen. Das betrifft aber auch die Förderung der Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung zu einem möglichst frühen Zeitpunkt: ab dem Kindergarten, in den Schulen und in den diversen Ausbildungen muss vermehrt über Infektionen, Infektionsprävention und über die Rolle des Einzelnen und seinen Beitrag zum Erhalt einer gesunden Gesellschaft gelehrt werden. Schließlich sollte auch die Medienwelt (Printmedien, TV) einen wesentlichen Beitrag zu verbesserter Information und zur Reduktion von Verunsicherung liefern; indem mehr über die Erfolgsstory von Impfungen berichtet wird als über einen vermuteten Impfschadensfall der dann gleich den generellen Nutzen von Impfungen in Frage stellt, oder nicht die Meinung von Impfgegnern, die etwa 5% der Bevölkerung ausmachen, mit dem anerkannten Fachwissen in der öffentlichen Diskussion gleichgestellt wird.

Wie verträglich sind moderne Impfstoffe?
Die modernen Impfstoffe sind aufgrund neuer Herstellungsmethoden, sowie langwieriger, jahrelanger Prüfverfahren äußerst sicher und gut verträglich. Das wird seitens der Europäischen Arzneimittelzulassungbehörde (EMA) eingehend geprüft. Weiters gibt es seitens des Bundesamts für Sicherheit im Gesundheitswesen (Medizinmarktaufsicht) ein Meldesystem für Nebenwirkungen von Arzneimittel, wo österreichweit alle Nebenwirkungen die u.a. im Rahmen von Impfungen (oder anderen Medikamenten) auftreten erfasst werden – daraus ist ersichtlich wie selten Nebenwirkungen (damit sind nicht lokale Rötungen an der Einstichstelle etc gemeint, sondern schwere Nebenwirkungen und unerwartete Reaktionen) im Rahmen von Impfungen auftreten.

Es ist Tatsache, dass es bei uns so viele Masernfälle wie schon lange nicht mehr gibt. Wieso ist es so wichtig, Kinder gegen diese "Kinderkrankheit" impfen zu lassen?
Masern ist keine harmlose Kinderkrankheit! – im Gegenteil, Masern geht mit hohem Fieber und oftmals Atemwegsinfekten einher. In mehr als 20% der Fälle kommt es zu Mittelohrentzündung oder Lungenentzündung. Besonders gefährlich ist eine Gehirnentzündung die 1 von 1000 Infizierten trifft und eine hohe Sterberate aufweist. Besonders gefährlich ist ein schleichender Hirnbefall/Hirnzerstörung (kurz SSPE Erkrankung genannt) die immer tödlich verläuft – SSPE tritt in 1 pro 5000 Fällen auf besonders wenn Kinder < 5 Jahren an Masern erkranken.
Eine Maserninfektion führt außerdem zur Schwächung des gesamten Immunsystems, da Masernviren die sogenannten Gedächtniszellen befallen und zerstören und man dadurch auch die Schutzzellen gegen andere Infektionskrankheiten verliert. Das heisst, man entwickelt eine monate- bis jahrelang anhaltende Immunsuppression durch die Masern und kann an vielen anderen Infektionen vermehrt und schwerer erkranken. Dass also das Durchmachen einer Masernerkrankung das Immunsystem und den Körper stärkt, ist völliger Humbug – sein Kind absichtlich der Gefahr einer Maserninfektion auszusetzen, wie dies etwa bei sogenannten „Masernpartys“ passiert, ist unverantwortlich und fahrlässig!

Es wird empfohlen Babys möglichst früh gegen viele Infektionskrankheiten zu impfen. Auf der anderen Seite stehen Impfgegner, die auf mögliche Impfschäden und Nebenwirkungen hinweisen. Ist für Sie da ein Kompromiss denkbar?
Der Österreichische Impfplan sieht alle jene Impfungen gegen Erkrankungen vor, die besonders im Säuglings-und Kleinkindalter sehr gefährlich sein können und gegen die das Immunsystem des Kindes – aufgrund der Tatsache, dass es noch unerfahren ist – nicht rasch genug eine schützende Immunantwort aufbauen würde und zu schweren Erkrankungen – oftmals mit bleibenden Schäden oder sogar tödlichen Ausgang- führen würde. Durch das rechtzeitige Impfen wird das Immunsystem geschult und vorbereitet auf die häufigsten und gefährlichsten Infektionserreger damit im Falle des Kontakts bereits ein Schutz vorhanden ist und eine erfolgreiche Erregerabwehr erfolgt.

Es wird immer wieder gefragt, ob nicht zu einem späteren Zeitpunkt geimpft werden kann, wenn das Immunsystem reifer ist. Dies muss in 2erlei Hinsicht korrigiert werden: zum einen sind gerade in den ersten Monaten – und nicht zu einem späteren Zeitpunkt - viele Infektionen für das Neugeborene gefährlich, weil da noch kein Schutz aufgebaut wurde (oftmals reicht der Nestschutz der Mutter nicht aus). Zum anderen ist das Immunsystem eines Neugeborenen nicht unreif – es ist komplett vorhanden und ausgebildet, es ist nur ungeschult – man nennt das „immunologisch naiv“. Im Falle einer Infektion bedeutet das, dass das Immunsystem während der Infektion den Schutz erst aufbauen muss. Dabei kann der ausreichende Schutz aber gegenüber oftmals sehr aggressiven Erregern einfach zu spät kommen, und der Erreger breitet sich aus und verursacht schwere Erkrankungsverläufe und Komplikationen. Durch die Impfung zu einem möglichst frühen Zeitpunkt (im 3. Lebensmonat) werden die Immunzellen geschult eine Abwehr aufzubauen bevor es zu einer schweren Infektion kommt – wenn diese dann eintritt, wissen die Zellen was sie zu tun haben, und reagieren organisiert und effektiv mit einer raschen Abwehr.

Gerade jetzt im Herbst wird wieder zur Grippeimpfung aufgerufen, wie wirksam und wichtig schätzen Sie die Grippeimpfung ein? Wer sollte unbedingt geimpft werden?
„Don´t get it, don´t give it“ ist ein sehr guter Leitspruch. Besonders gefährdet an Influenza schwer zu erkranken sind ältere Menschen, Menschen mit chron. Erkrankungen (bes. Lungen/Herzerkrankungen, Immunsuppressionen), kleine Kinder (bes. unter 5 Jahre), Schwangere, Adipöse und Menschen mit häufigen Publikumskontakt. Besonders wichtig ist der Impfschutz für das gesamte Gesundheitspersonal – hier geht es nicht nur um den Eigenschutz sondern vor allem darum, die zu betreuenden Personen und Kranken nicht anzustecken.
Die Wirksamkeit der Influenzaimpfung ist leider variable, weil sie davon abhängt ob die Impfstoffstämme den zirkulierenden Wildviren – die sich ja jedes Jahr ändern und daher ein neuer Impfstoff produziert werden muss – entsprechen. Die WHO verfügt über ein weltweites Influenzanetzwerk, wodurch jedes Jahr die häufigsten zirkulierenden Stämme evaluiert werden, die dann für die Impfstoffproduktion herangezogen werden – nicht immer passt diese Vorhersicht, da die Influenzaviren sehr mutationsfreudig sind und sich während der Saison verändern können. Generell kann aber gesagt werden, auch wenn die Wirkung nicht immer optimal ist, so kann doch der Schweregrad einer Erkrankung reduziert werden und Komplikationen verhindert werden. Ein jährliches Impfen zahlt sich also aus.

Besonders ab der Lebensmitte sind Impfungen ein wichtiger Schutz vor verschiedenen Krankheiten. Was sollte man bei Impfungen in höherem Alter berücksichtigen?
Impfungen sind auch – oder gerade – im Alter wichtig, da in den meisten Fällen der Impfschutz nach einigen Jahren abnimmt. Auffrischungsimpfungen sollen also regelmäßig erfolgen damit der erworbene Impfschutz nicht verloren geht. Dies betrifft bes. Diphtherie-Tetanus-Pertussis-Polio, FSME, Influenza.
Bestimmte Erkrankungen nehmen im Alter (> 60 Jahre) zu, weil das Immunsystem schwächer wird und die Abwehr nicht mehr so gut funktioniert. Daher soll man erstmaligen Impfungen vor dem 60. Lebensjahr durchführen damit die Impfwirkung gut aufgebaut wird. Das betrifft z.B. die Impfung gegen Pneumokokken oder Herpes Zoster.

Die Zahl der empfohlenen Impfungen steigt von Jahr zu Jahr. Machen alle Impfungen davon Sinn? Zu welchen würden Sie auf jeden Fall raten?
Der österreichische Impfplan gibt klare Auskunft welche Impfungen in welchem Alter angeraten werden. Es stimmt, dass die Anzahl der Impfungen gestiegen ist – das ist aber doch ein Glück, dass wir heute die Möglichkeit haben uns gegen viele gefährliche Infektionskrankheiten vorbeugend zu schützen (man bedenke, dass vielen Entwicklungsländer nicht diese Möglichkeit haben und daher viele Erkrankungen nachwievor ein großes Gesundheitsproblem darstellen).

Wenn man über die Anzahl der Impfungen, die innerhalb der ersten 2 Lebensjahre gegeben werden, beunruhigt ist, dann ist es aber wichtig zu wissen, dass die Impfstoffe gegenüber den früheren Impfstoffen viel weniger Impfantigene enthalten und daher viel geringere Impfreaktionen/Nebenwirkungen auslösen. Z.B. alleine der früher verwendete Keuchhusten-Ganzzellimpfstoff hat mehr als 3000 Einzelkomponenten beinhaltet, der heute verwendete 6 fach Impfstoff enthält insgesamt nur 23 Teilkomponenten. Also, der Inhalt nicht die Anzahl zählt.


Wäre eine Impfpflicht zb. für bestimmte Impfungen für Sie eine Lösung?
Alleine das Wort „Impfpflicht“ führt bei den meisten Menschen zu Ablehnung und Widerstand – es steht im Gegensatz zur Selbstbestimmung und freien Entscheidungsmöglichkeit. Daher muss man auf bessere Aufklärung und Erhöhung der Gesundheitskompetenz bauen. Es gibt allerdings Situationen, wo man einen aufrechten Impfschutz als unverhandelbare Grundvoraussetzung ansehen muss, weil man durch einen mangelnden Impfschutz andere gefährden könnte: dazu gehören Gesundheitsberufe, soziale Berufe und soziale Einrichtungen (Kindergärten, Schulen, Ausbildungsstätten etc). Hier haben es uns andere Länder wie England, Skandinavische Länder oder USA vorgemacht wie einfach Impfbereitschaft vorhanden ist, wenn jedem klar ist welche Konsequenzen Nicht-Impfen mit sich bringt. z.B. können bei fehlendem Impfschutz Kindergärten oder Schulen nicht besucht werden oder der Beruf/Tätigkeit in einem Krankenhaus nicht ausgeübt werden. Das Allgemeinwohl steht hier klar über der Selbstbestimmung.
Im Grunde wäre die Diskussion über die Impfpflicht entbehrlich, wenn sich jeder seiner Verantwortung sich selbst und seinen Mitmenschen gegenüber bewusst ist. Es muss sich jeder nur immer wieder fragen: möchte ich selbst angesteckt werden und krank werden, und möchte ich jemand anderen anstecken? Die Antwort scheint doch sehr einfach.

ursula wiedermann-schmidtUniv.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt

  • seit 2004: Institutsleiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin und Leiterin der Spezailimpfambulanz der MedUniWien
  • Vorsitzende des Nationalen Impfgremiums des BMG
  • Vorsitzende & Leiterin der Spezialimpfambulanz des Nationalen Impfgremiums des BMG
  • Zahlreiche Publikationen in internationalen Journalen und österrreichweit einzige Professorin für Impfwesen (Vakzinologie)
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