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„Friday Night Horror“ – Regisseurin Barbara Gräftner im Interview
© Einhorn Film

„Friday Night Horror“ – Regisseurin Barbara Gräftner im Interview

Vergesst „Scary Movie“ und „Scream“, ab sofort verbreitet „Friday Night Horror“ in den österreichischen Kinos Angst und Schrecken. Regie führte Barbara Gräftner („Echte Wiener 2“), promovierte Medizinerin, Mitgründerin der Produktionsfirma Bonus Film und der Österreichischen Filmakademie. Im tele-Interview erklärt die vielseitige Filmemacherin, warum sie uns mit einem Party-Horror-Movie überrascht und warum ihr nächster Film unbedingt noch rechtzeitig vor dem Weltuntergang fertig werden muss.
Veröffentlicht:
19.10.2012
 

tele: Hansi Hinterseer spielt zwar in „Friday Night Horror“ nicht mit, ist aber omnipräsent und wird ordentlich verarscht. Was würde der wohl zu dem Film sagen?

Barbara Gräftner: Also, wenn ich der Hansi Hinterseer wäre, würde mich das total freuen. Erstens ist es Gratis-Publicity ... (lacht)

tele: ... und die braucht er ja wie einen Bissen Brot …

Barbara Gräftner: Natürlich. Und zweitens: Was gibt es Schmeichelhafteres für einen Künstler als jemand, der ihn zitiert. Aber ich kenne Hansi Hinterseer nicht, weiß überhaupt nicht, wie er gestrickt ist. Keine Ahnung, ob er Humor hat oder nicht.

tele: Max-Ophüls-Preis für „Mein Russland“, dann 2005 die Goldene Romy für den besten Dokumentarfilm: Wie kam es dazu, dass ausgerechnet du eine trashige Party-Horror-Komödie ins Kino bringst? Hat da lange etwas in dir geschlummert, das sich jetzt so entladen musste?

Barbara Gräftner (kriegt sich vor Lachen nicht mehr ein): Ich kann nicht mehr an mich halten! (atmet tief durch) Also, ich hab’ in den letzten zehn Jahren ganz viele ernsthafte, gute Bücher geschrieben. Ein ganzes Kastl voll. Das hab’ ich immer eingereicht, aber einfach keine Förderung bekommen. Trotz Ophüls-Preis und allem. Ich hab’ damals gleich nach dem Ophüls-Preis ein Angebot gehabt: Wenn ich mich in Berlin melde, machen die gleich einen Film mit mir. Und ich dachte, das muss in Österreich auch gehen. War aber nicht so, man hat mich hier wirklich verrecken lassen. Und dann hatten der Robert (Anm: Robert Winkler, Produzent von „Friday Night Horror“ und Partner bei Bonus Film ) die Idee, den Mundl ins Kino zu bringen. Da waren wir irgendwie schon auf der Schiene. Für diesen Film haben wir auch jemand gesucht, der eigentlich schon eine Marke ist, der die jungen Leute interessiert und mit dem man einen Film machen kann. Es stimmt schon, dass ich mich beim Schreiben total enthemmt hab’. Ich habe mir gedacht: So, ich bin zwar kein Teenager, also kann ich jetzt nur nach dem gehen, was mir selbst Lust macht. Und da bin ich voll reingegangen. In „Friday Night Horror“ habe ich alles reingepackt, was mir irgendwie taugt: Von Russ Meyer bis zu Charlie Chaplin und „Jurassic Park“, eine David-Lynch-Szene mit Polizistinnen (Anm.: eine Parodie auf „Blue Velvet“). Stimmt eigentlich: ich hab’ da alles gemacht, was ich schon immer einmal machen wollte (lacht schallend).

tele: Inklusive Jungfriseusen aus dem Lehrlingswohnheim und faschistoide Polizistinnen …

Barbara Gräftner: Das Frauenbild lag mir am meisten am Herzen. Ich will keine Filme mehr sehen, in denen Frauen Opfer sind. Ich will das nicht. Diese Opferrealität gibt’s, und genau deshalb braucht’s Gegenbilder. Das war mir am allerwichtigsten, dass da die vollen Kampf-Tussis auftreten, dass gendermäßig von jedem Vorurteil abgegangen wird.

tele: Wie schaut deine Horrorfilm-Vergangenheit aus? Welche Filme und Regisseure haben dich geprägt?

Barbara Gräftner: Am meisten wirklich der David Lynch. Das Drehbuch war ja auch ursprünglich ganz ein ernsthaftes. Das war vollkommen anders aufgezogen: Es ging um einen Teenager, den auf einer Fahrt in die Disco Schuldgefühle aus der Kindheit einholen – in Form eines bösartigen Monsters. Das war ein ganz ernsthafter Thriller in Lynch-Tradition. Wir sind aber bald draufgekommen, dass man dafür wirklich Super-Schauspieler braucht. Für solche Bilder braucht man Kohle, Technik, Zeit. Da dreht man nicht zwölf Tage, sondern zwei Monate. Und das konnten wir so nicht machen. Also haben wir ausgehend von diesem „lynchigen“ Gruselfilm einfach die Plot Ponts geändert – und diesen Film gemacht. Die Monster sind jetzt halt sexuell offensive Frauen und Bisexuelle.

tele: Im Film gibt es einen großen Bruch: Am Anfang geht’s mit Molti, Spotzl, Pichla und Eigi noch ganz nachvollziehbar partymäßig ab. Ziemlich schräg, aber irgendwie noch glaubwürdig und überhaupt nicht gruselig. Und dann artet „Friday Night Horror“ richtig aus. War es schwierig, die zwei Ebenen „Party & Tour“ und „Horror“ unter einen Hut zu bringen?

Barbara Gräftner: Das erste Drittel hab’ ich sicher zwölf, dreizehn Mal umgeschrieben. Es dauert mir jetzt noch zu lange, ist aber erträglich. Aber das war wirklich ein wochenlanger Verdichtungsprozess – was für ein Drehbuch eh kurz ist – damit alle zehn Sekunden etwas erzählt wird: dass es einen Serienkiller gibt; dass die Kieberer ihn jagen; dass die Jungs eine berühmte Boygroup sind; dass die jede Menge Fans haben, einen Manager, der ihnen etwas aufzwingt, das sie gar nicht wollen. Ja, das hat halt passieren müssen. Und natürlich nur in diesem Party-Miilieu, weil das ja unser Zielpublikum ist. Das hat mir aber auch geholfen, weil ich wusste, wo das spielen muss. In der Disco. „A Hard Day’s Night“, der Beatles-Film von Richard Lester, hat im Grunde auch diesem Grund-Plot.

tele: Splatter-Fans könnten bemängeln, dass der Film nicht wirklich grausig ist und die großen Schockelemente fehlen ...

Barbara Gräftner: Ja, das ist vielleicht meine mangelnde Erfahrung im Splatter-Genre. Ich dachte mir, das kommt viel stärker. Die zerlegten Tupfer-Drillinge und die blutigen Lehrlinge Susi und Celine. Aber da muss man schon viel mehr auffahren, um in der heutigen Flut von Splatter-Movies irgendwie aufzufallen. Da braucht es zehnmal so viel Blut, da müssen die Leichenfetzen in den Bäumen hängen. Das war vielleicht meine mangelnde Erfahrung im Splatter-Genre.

tele: Simon Schwarz sticht aus dem Cast von „Friday Night Horror“ nicht nur vom Namen her heraus, er spielt auch großartig. Wie war die Arbeit mit ihm?

Barbara Gräftner: Großartig. Ich kenne ihn schon sehr lange. Er war sofort bereit mitzumachen, obwohl er wirklich viel zu tun hat und – wie ich erst nachher erfahren habe – gleichzeitig eine andere Produktion hatte. Er hatte echte Probleme, dass sie ihn da überhaupt wegließen, hat mich aber nie damit belastet. Und er ist derart konstruktiv: wenn dir selbst einmal die Luft ausgeht, hält er das Werkl allein am Laufen. Das ist ein Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass es bei dem Projekt wirklich nicht ums Geld gegangen ist.

tele: Andererseits waren mit MSPE vier Herren am Set, die überhaupt keine Schauspielerfahrung hatten. Wie ging das zusammen ...

Barbara Gräftner: Für den Simon war das überhaupt kein Problem. Ich hab’ ihn immer als Vorbild hingestellt. Die haben natürlich nie einen Text vorbereitet. Simon kommt natürlich – wie das ein Profi so macht – mit dem angestrichenen Text und kann ihn auch. Und ich hab‘ dann immer gesagt: Schaut’s den Simon an! Er hat den Text, er hat ihn vorbereitet, er kann ihn ... (lacht) ... Aber es war ja wirklich so, die Szenen im Auto hingen zum Beispiel voll von seiner Textsicherheit ab, sonst hätten wir dafür noch drei Tage gebraucht. Er war schon eine sehr große Stütze.

tele: Was wurde eigentlich aus deiner zweiten Karriere, du bist ja promovierte Medizinerin? Arbeitest du noch als Ärztin?

Barbara Gräftner: Das ist sich irgendwann leider zeitlich nicht mehr ausgegangen, als wir die eigene Firma (Anm.: Bonus Film) gegründet haben. Das ist ein riesiger Aufwand, das geht nur fulltime.

tele: Bist du generell ein experimentierfreudiger Mensch, der gerne neue Sachen ausprobiert?

Barbara Gräftner: Ja, es ist auch so, dass ich mir das immer wieder überlege, ob ich zum Beispiel nicht eine Ausbildung in Richtung Tropenmedizin beenden sollte und dann ganz was anderes mache. Diese Überlegungen sind ständig da. Wenn mich einmal alles anzipft, wenn es schlecht läuft, dann kann es schon sein, dass ich bei der Ärztekammer anrufe und nachfrage, wo es einen Ausbildungsplatz gibt.

tele: Hast du dir irgendwann während der Produktion von „Friday Night Horror“ überlegt, welche Reaktionen du damit auslösen wirst?

Barbara Gräftner: Der Film wird total polarisieren. Zwischen ganz fürchterlichen Verrissen und – hoffentlich – einer begeisterten Fangemeinde wird’s da nichts geben. Das werden zwei Lager sein. Und die Kritiken kann ich mir jetzt schon vorstellen, da rechne ich wirklich mit allem.

tele: Was hast du in nächster Zeit vor?

Barbara Gräftner: Es ist momentan ziemlich stressig. Weil wir praktisch gleichzeitig wir den Film „Endlich Weltuntergang“ in der Postproduktion haben. Der wurde jetzt im September abgedreht und muss am 30. November im Kino sein. Das ist eine Mockumentary, eine Fake-.Doku über eine Gruppe, die sich auf den Weltuntergang laut Maya-Kalender vorbereitet. Was dann zwischenmenschlich irrsinnig entgleist. Das ist zwar auch eine Komödie, aber ernster. Der Stress dabei ist: „Friday Night Horror“ musste natürlich zu Halloween starten und „Endlich Weltuntergang“ muss ein paar Wochen vor dem 21. Dezember ins Kino. Wir sagen immer: Der Film muss noch vor dem Weltuntergang ins Kino ... (lacht)

tele: Und falls die Welt doch nicht untergeht: Was können wir 2013 von dir erwarten?

Barbara Gräftner: Das gibt es ein Projekt, bei dem die Finanzierung noch nicht ganz gesichert ist, aber es schaut recht gut aus. Der Film heißt „Oida Taunz“ und wird ein Tanzfilm. Ein österreichischer Tanzfilm im Bergbauernmilieu. Es wird auf der Alm getanzt, soviel kann ich schon sagen.

tele: Da spielt dann der Lukas Plöchl die Nebenrolle, die der Hansi Hinterseer in „Friday Night Horror“ hat?

Barbara Gräftner: So ungefähr. Der DJ Ötzi hat jedenfalls einen Gastauftritt ... (kippt wieder vor Lachen weg)

tele: Großartig. Vielen Dank für das Gespräch!

 
 

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