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"Emanzipiert, wild, aufregend": Die neue Sisi
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"Emanzipiert, wild, aufregend": Die neue Sisi

Xaver Schwarzenberger über den Mythos der Kaiserin Elisabeth und über die Dreharbeiten zu seinem aktuellen TV-Zweiteiler
Veröffentlicht:
15.05.2009
 

Welchen Film kann das Publikum erwarten? Eine klassische Sisi-Biografie oder eine historisch-authentische Betrachtung? Ich möchte einen unterhaltsamen Film machen, der Qualität hat, in dem die Konflikte innerhalb der familiären Habsburger Beziehungen zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter, Sohn und Mutter sowie den Eheleuten behandelt werden. Ebenso möchte ich die Problematik der Sisi beleuchten, aus der Wildnis der Bayerischen Wälder in das Korsett der Habsburger gedrängt worden zu sein - ihre Ausbruchsversuche, sich gegen ein starres monarchisches System zu wehren, zu verlieren, aber auch zu gewinnen, sich aufzulehnen. Kurz gesagt: Ich will das Portrait eines liberal erzogenen Mädels zeichnen, das in ein absolut konservatives Haus einheiratet. Das sind unter anderen die Sachen, die mich interessieren.

Wie sah ihre erste Reaktion aus, als ihnen die Möglichkeit geboten wurde, den TV-Zweiteiler zu inszenieren? Also, ich habe zuerst einmal geschluckt, weil schon seit vielen Jahren versucht wird, Sisi-Filme zu machen, die nie geglückt und immer gescheitert sind - wohlgemerkt: aus den unterschiedlichsten Gründen. Darin bestand aber auch die Herausforderung, es besser zu machen, abgesehen davon, dass man so ein Angebot nicht alle Tage bekommt. Der zweite Grund und auch der Reiz, warum ich zugesagt habe, war, einen komplett anderen Film zu machen als die Heimatfilm-Trilogie der 50er Jahre. Wir wollen eine Geschichte erzählen, die glaubhaft und realistisch ist.

Werden Sie nicht trotzdem automatisch an der Marischka-Verfilmung gemessen? Haben Sie Angst vor dem Vergleich? Ehrlich gesagt, ist mir das egal. Ich habe mir natürlich auch die alten Filme wieder angesehen und ich muss sagen, unser Film hat damit wirklich nichts zu tun. Das soll jetzt nicht wertend klingen, aber es handelt sich um eine völlig andere Ausgangsposition. Die Marischka-Verfilmung ist ein typischer Heimatfilm der Nachkriegszeit, eine Art Kitsch. Ich kann mich an keinen inneren Konflikt der Figuren erinnern - zumindest an keinen, der ausgelebt wurde.

Wie gehen Sie an die Rolle der Sisi heran? Was konkret machen Sie anders? Mir geht es sehr stark um die Konflikte und darum, zu zeigen, dass dieses Mädchen durch die Erziehungen eines wüsten Vaters durchaus im Habsburger Haus über weite Strecken bestehen konnte. Meiner Meinung nach war Kaiserin Sisi eine Rebellin, eine Art Pop-Ikone, eine Vorläuferin von Lady Diana, nur noch intelligenter, wesentlich wilder und viel aufregender. Ich will keinen neuen Sisi-Mythos schaffen, sondern nur gewisse Dinge zurechtrücken. Ich will sie als selbstständige, erwachsene und emanzipierte Frau darstellen, die gekämpft hat und politisch engagiert war. Mich interessieren die Ecken und Kanten. Was wir jedoch in unserem Film nicht behandeln, sind die Neurosen, die Magersucht, die Abgründe der Person. Schließlich wollen wir keinen Mythos zerstören.

Wenn Sie die Figur nicht weichzeichnen möchten wie in den Heimatfilmen, warum hören Sie dann beim historischen Stoff genau an dem Punkt auf, an dem die Ecken, Kanten und Neurosen der ehemaligen Kaiserin erst richtig zum Vorschein kamen? Weil wir wollen, dass sie als Siegerin aus der Geschichte hervorgeht. Wir hören mit der Krönung in Ungarn auf. Nachher ging es mit ihr in weiten Strecken völlig bergab. Und das ist eine andere Geschichte. Genau das wollten wir nicht erzählen. Aber vielleicht kommt ja eine Fortsetzung. Vielleicht macht jemand anderer den kritischen Sisi-Film oder eine Dokumentation, in dem die Abgründe der Persönlichkeit behandelt werden. Aber das war nie unser Plan. Wir wollten die anschließenden Niederlagen, etwa eine depressive oder neurotische Sisi, bewusst nicht zeigen.

Glauben Sie, dass dieser Film Ihr Meisterwerk werden könnte? Von der Dimension und vom Budget her ist es bis jetzt das Größte, was ich je gemacht habe. Aber das hat nichts mit der Qualität zu tun. Es gibt sehr viele teure Filme, die noch lange nicht an die Qualität billig produzierter Filme herankommen. Schauen Sie, man kann das nicht im Vorhinein wissen. Es ist auch nicht wichtig. Ich will einfach Filme auf meine Art machen. Ich mache das schon sehr lange. Manche meiner Filme sind besser, manche vielleicht weniger gut. Ich habe bis jetzt ungefähr 60 Filme als Regisseur gedreht und zirka 120 als Kameramann. Ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, wie viele es wirklich waren.

Die Sisi-Verfilmung ist eine internationale Produktion zwischen ORF, ZDF und RAI. Wie schwierig ist es, das als Regisseur zu händeln? Man dreht ja zweisprachig, und drei verschiedene Sender haben Mitspracherecht. Seit wir drehen, läuft es wunderbar. Am Anfang dachte ich, es würde schwierig werden, auch aufgrund der Sprachbarrieren. Wir drehen jetzt 'babylonisch'. Das heißt, die Darsteller sprechen in ihrer Muttersprache und nachträglich wird synchronisiert. Ich finde, es ist die bessere Variante, als alle Englisch sprechen zu lassen. Im Grunde war die Vorbereitungszeit viel schwieriger, weil am Buch sehr lange gearbeitet wurde und jeder einzelne Sender unterschiedliche Vorstellungen hatte. Es hat fast ein Jahr lang gedauert, bis es zum Dreh gekommen ist. Sogar am Tag vor Drehbeginn gab es noch Unstimmigkeiten über das Buch. Das hat aber auch damit zu tun, dass drei Mentalitäten aufeinanderprallen. Die Italiener wollen ein Märchen, die Österreicher einen authentischen und historisch-dokumentarischen Film und die Deutschen eine Mischung aus beidem.

Wie stehen Sie dazu, dass die Hauptdarstellerin Cristiana Capotondi eine Römerin und keine Deutsche oder Österreicherin ist? Ich empfinde genau das als das größte Glück, weil sich dadurch weniger Vergleiche aufdrängen. Ich spreche jetzt zum Beispiel die Filmbiografien über Romy Schneider mit beispielsweise Yvonne Catterfeld an. Das ist heikel, da geht's dann darum, wer die Bessere ist. In unserem Fall ist das anders: Da es sich um eine Italienerin handelt, entfernt man sich sofort von dem Vergleich. Als Italienerin bringt sie automatisch eine andere Facette hinein. Abgesehen davon ist die Capotondi eine wirklich wunderschöne Frau, die mich als Fotograf beinahe euphorisiert. Sie hat einen Gesichtsschnitt, den ich seit Marlene Dietrich nicht mehr gesehen habe. Das ist natürlich eine rein fotografische Sichtweise. Abgesehen davon ist sie eine wundervolle Schauspielerin, ein Profi, und ich fand vom ersten Moment an, dass sie die richtige ist.

Wie schwierig war es, an die Original-Schauplätze zu kommen? Bei der Wahl der historischen Orte muss man natürlich Kompromisse schließen. Dabei sind wir in Österreich wirklich gut dran: die Hofburg, Schönbrunn, die Albertina etc. Es gibt eine derartige Vielfalt an historischen Plätzen. Ich glaube, in jeder anderen Stadt wäre es wesentlich komplizierter. Man muss aber auch gut dafür zahlen. Doch ein Kostümfilm ist beflügelnd. Wir drehen kein einziges Set im Studio. Man entschwindet automatisch in eine andere Welt, und das wirkt natürlich auch auf die Schauspieler.

 

Die Dreharbeiten zu "Sisi" laufen noch voraussichtlich bis Anfang Juli, ORF-Sendetermine sind noch für 2009 geplant. Mehr Infos dazu gibt es hier nachzulesen.

 

 

 
 

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