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Interview mit Johnny Depp zu seinem Film "From Hell"

Interview mit Johnny Depp zu seinem Film "From Hell"

"Ich möchte nichts werden als ich selbst"
Veröffentlicht:
14.01.2002
 
Sie sind seit langem Jack-the-Ripper-Spezialist - nun spielen Sie den Kommissar, der ihn jagt...
Johnny Depp: Ja, ich bin von diesem Fall besessen, seit ich noch ziemlich jung war - vielleicht zu jung. Immerhin ist dies einer der großen, ungelösten Kriminalfälle des 20. Jahrhunderts. Außerdem war dies der erste Serienmord seiner Zeit, und er brachte eine ganze Serie anderer Phänomene hervor - den Boulevardjournalismus zum Beispiel. Viele Journalisten gründeten ihre Existenz auf diese Morde.

Wer glauben Sie als Ripper-Experte, war Jack The Ripper tatsächlich?
J.D.: Tja, darüber kann man sich wohl endlos streiten. Die Verschwörungstheorie aus "From Hell" ist sicher eine der stärkeren. Und es gab ein Buch namens "The Lodger" über einen amerikanischen Scharlatan, der zu dieser Zeit in London war. Er wurde in Whitechapel gesehen und sogar von der Polizei festgenommen, aber wieder freigelassen. Die Ermittler von Scotland Yard folgten ihm sogar auf ein Schiff zurück nach Amerika. Als er England verließ, hörten die Morde auf.

Sie rauchen hier Kette - wie auch im Film. Haben Sie besonderen Wert darauf gelegt?
J.D.: Jede Entschuldigung zu rauchen, ist mir gut genug. Im Ernst, diese Figur ist ein ziemlich verletzter Mensch. Ich fand es wichtig, seine dunkle Seite und seine Laster zu erkunden.

Damit haben Sie selbst reichlich Erfahrung gemacht ...
J.D.: Ja. Ich bin jahrelang Zeuge der Wirkung von Drogen auf Menschen gewesen, ich habe reichlich davon gesehen.

Welches Fazit ziehen Sie daraus?
J.D.: Ich finde es erstaunlich, dass Menschen immer noch mit der Lüge leben, Drogen seien nichts weiter als Freizeitgestaltung, dass man Drogen nimmt, um auszugehen, Partys zu feiern und Spaß zu haben. Ich habe gesehen, was wirklich passiert. Natürlich fängt es so an, und man glaubt dran, aber es bleibt eine Lüge. In Wirklichkeit ist es der Versuch, vor irgendwelchen Dingen aus der Vergangenheit oder dem eigenen Gehirn zu flüchten. Es ist Verschwendung, reine Zeitverschwendung.

Abberline benutzt die Drogen allerdings auch als visionäre Hilfe...
J.D.: Er hat sich selbst zum Märtyrer gemacht, indem er Drogen dazu benutzt, dorthin zu kommen, wo er hin will. Das kann man gut und schlecht finden. Viele Helden unserer Tage, viele unserer Pop-Ikonen sind auf ähnliche Weise zu Märtyrern geworden - Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison. Ich finde das eine gefährliche Sache.

Glauben Sie an Hellseherei?
J.D.: Ja, ich glaube schon, dass solche Sachen möglich sind. Bei den meisten Menschen werden wohl solche Fähigkeiten wegen der Art und Weise, wie wir erzogen werden, nach und nach verschüttet. Es ist, als würde eine Decke nach der anderen über uns geworfen, und man baut Mauern auf, die bestimmte Dinge in unseren Körpern und Gehirnen blockieren. Schauen Sie sich ein Baby an, das zum ersten Mal die Welt betrachtet - so rein und unvoreingenommen und noch nicht von der Welt verletzt. Wir sind das.

Sie scheinen mit besonderer Vorliebe in melancholische Rollen zu schlüpfen. Entspricht das Ihrem privaten Charakter?
J.D.: Ich würde nicht sagen, dass ich ein besonders düsterer Mensch bin. Es ist einfach ein Gebiet, das ich in den letzten Jahren ein wenig erforscht habe.

Wie hat die Vaterschaft Ihre Perspektive auf die Welt verändert?
J.D.: Sie hat mich sozusagen erschaffen. Die Geburt meiner Tochter Lily Rose Melody gab mir das Gefühl, als würde mir das Leben geschenkt. Plötzlich hatte ich den Grund gefunden, warum ich lebe, und ich wusste auf einmal, worum es geht.

Die Schauspielerei konnte Ihnen das nicht geben?
J.D.: Oh nein. Schauspielerei ist das, womit ich mein Geld zum Leben verdiene. Ich bin sehr glücklich, diesen Job zu haben, und ich schätze mich sehr privilegiert, aber das Einzige, was tatsächlich zählt, ist meine Familie.

Wie gehen Sie mit dem Starrummel um, der Sie umgibt? Sie scheinen sich eher widerwillig als Sexsymbol zu sehen.
Ich bringe es nicht fertig, mich selbst in diesem Licht zu sehen, das macht für mich überhaupt keinen Sinn. Ich finde es total seltsam.

Sie haben Hollywood den Rücken gekehrt, um in Europa unbeobachteter leben zu können. Das hat Sie für viele nur noch interessanter gemacht. Ist der Schuss nach hinten losgegangen?
J.D.: Ja, je weiter man wegrennt, desto weniger entkommt man dem, vor dem man flüchtet. Aber ich mache nur, was ich tun muss, um zu überleben und in irgendeiner Weise die Ähnlichkeit mit mir selbst und meine geistige Gesundheit zu wahren. Man hat so viel darüber geschrieben, dass ich Amerika hasse und antiamerikanisch eingestellt wäre. Das ist totaler Mist. Ich liebe die USA, ich liebe das Land und die Leute. Mann, sie haben mir meine Karriere geschenkt! Was ich eigentlich sagte war, dass ich enttäuscht bin von der Richtung, in die sich Amerika bewegt, von dem Geiz, der dort alles lenkt, von der Gewalt und der Ignoranz, die dort immer stärker werden. Für mich ist Amerika einfach zu bizarr. Insofern habe ich mich wohler damit gefühlt, in Europa zu leben. Frankreich ist sehr gastfreundlich zu mir.

Außerdem können Sie dort nach Herzenslust rauchen - in Los Angeles dürfte das unmöglich sein...
J.D.: Es ist so pervers, in eine der verschmutztesten Städte des Universums zu kommen und zu hören: "Rauchen verboten. Das ist ungesund." Ich würde gern eine Airline gründen und "Air Smoke" nennen. Nichtraucher verboten.

Ihre Lebensgefährtin Vanessa Paradis ist ebenfalls Schauspielerin - wächst Ihre Tochter in einem Filmhaushalt auf, wo es nur von morgens bis abends um dieses eine Thema geht?
J.D.: Oh nein. Wir reden überhaupt nicht über die Arbeit zu Hause. Alles andere wäre undenkbar. Mich interessiert ihre Prominenz nicht und meine interessiert sie auch nicht. Obwohl es schon seltsam ist, wenn man im Fernsehprogramm herumzappt, und plötzlich ist Papi im Fernsehen. Man zuckt zusammen, aber Lily Rose hat's schon gesehen und sagt: "Papa!" und zeigt hin. Sie hat sich schon dran gewöhnt, und das beunruhigt mich ehrlich gesagt ein bisschen.

Spielt Ihre eigenwillige Garderobe auch eine Rolle bei dem Versuch, unerkannt zu bleiben?
J.D.: Ich möchte nichts sein und nichts werden als ich selbst. Ich will vor allem mir und meiner Familie treu bleiben. Und in Bezug auf wie ich aussehe - dies ist einfach die unglückliche Tatsache dessen, wie ich mich zu kleiden entscheide. Ich versuche so gut wie es geht damit umzugehen, dass man mich erkennt, indem ich probiere, der ganzen Sache so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen.

Sie gehen nicht gerne einkaufen, oder?
J.D.: Nein, ich mag neue Sachen nicht besonders. Ich mag alte Dinge, bequeme Dinge.

(14.01.2002)
 
 

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