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Do, 13.01.2022 | 09:05-09:30 | Ö1

Radiokolleg

Radio, Ö 2022

"Kein Leugnen hilft, kein Widerstreben, wir müssen sterben, weil wir leben", formulierte der Zeichner und Schriftsteller Wilhelm Busch. Das Sterben gehört zum Leben. Aber all jene, die schon einmal einen geliebten Menschen verloren haben, wissen, dass nachher nichts mehr so ist, wie es vorher war. Wie können wir weiterleben? Was ist dann mit der jahrelangen Beziehung, die uns geprägt hat? – Noch mehr spitzt sich die Sache zu, wenn durch eine schwere unheilbare Krankheit und dem damit verbundenen Leiden der eigene Tod bevorsteht. Diese Situation verunsichert und macht uns Angst. Viele haben Angst vor Schmerzen, vor Einsamkeit, vor dem Verlust der Selbstbestimmung und vor der Vorstellung, damit anderen zur Last zu fallen. Wir wünschen uns, menschenwürdig zu sterben. Was aber ist das? Manche unheilbar kranke und leidende Menschen wünschen sich einen vorzeitigen Tod durch Sterbehilfe. Sie wollen selbstbestimmt ihr Ende setzen, weil sie ihren Leidenszustand als menschenunwürdig empfinden. In Sachen Sterbehilfe ist die rechtliche Situation in Europa uneinheitlich. Während indirekte und passive Sterbehilfe in etlichen Mitgliedstaaten der EU erlaubt sind, gibt es mit Belgien, den Niederlanden und Luxemburg Länder, die aktive Sterbehilfe erlauben. Aktive Sterbehilfe ist in Österreich verboten, erlaubt ist ab 2022 – nach einer erfolgreichen Verfassungsklage – die Beihilfe zum Suizid. Nach dem neuen Sterbeverfügungsgesetz können ab Jänner dieses Jahres (2022) dauerhaft schwerkranke oder unheilbar kranke Personen, die volljährig und entscheidungsfähig sind, assistierten Suizid in Anspruch nehmen. Diese Entscheidung hat eine heftige Debatte in Gang gesetzt. Die Befürworter sehen darin einen humanitären Fortschritt im Namen der Selbstbestimmung und Leidensverminderung. Die Gegner halten dies für einen moralischer Dammbruch, der das absolute Tötungsverbot schrittweise aushebeln wird und damit den Gewissensdruck auf Betroffene, Angehörige, Ärzte und Pflegekräfte in Zeiten knapper werdender sozialer und finanzieller Ressourcen erhöhen wird. Woher kommt der Wunsch selbstbestimmt zu sterben? Wann ist jemand selbstbestimmt? Was bedeutet heute menschenwürdig sterben? Geht mein Tod nur mich etwas an? Welche ethischen Dilemmata und rechtliche Probleme müssen hier berücksichtigt werden? Wie wird assistierter Suizid durchgeführt? Welche Alternativen gibt es durch Palliative Care und Hospizarbeit? Was geschieht am Lebensende? Und: Was ist hilfreich? Welche Bedürfnisse und Gefühle haben Sterbende am Lebensende? Welche Erfahrungen haben Angehörige und Pflegende? Johannes Kaup versucht in diesem Radiokolleg die verschiedenen Positionen dazu auszuloten.

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