0%
 
Do, 25.11.2021 | 09:05-09:30 | Ö1

Radiokolleg

Radio

Shitstorms gegen weiße Popstars mit Rasta-Zöpfen, Aufregung darüber, wer die Werke einer schwarzen Dichterin übersetzen darf, Proteste gegen alte Ovid-Texte an US-Universitäten: Einst sei der Ruf nach Zensur von der konservativen Rechten gekommen, schreibt die französische Journalistin Caroline Fourest, heute entspringe sie "einer moralistischen und identitären Linken". In ihrem wütenden Essay "Generation Beleidigt" kritisiert die langjährige linke Aktivistin die Identitätspolitik der jungen Linken. Diese spalte die Gesellschaft nach Geschlecht und Hautfarbe und unterbinde einen kritischen Gesellschaftsdiskurs. In eine ähnliche Kerbe schlägt Sahra Wagenknecht, ehemalige Parteichefin der "Linken" in Deutschland. Ihr Buch "Die Selbstgerechten" ist eine Abrechnung mit dem "Elitenprojekt" der "Lifestyle-Linken", wie sie es nennt. Diese richten ihre Aufmerksamkeit auf Sprache und Symbolik und vergessen dabei auf das Kernthema linker Politik: den Klassenkampf, die Umverteilung, die soziale Frage. Und Wagenknecht geht noch weiter: die linke Identitätspolitik sei mitverantwortlich für den Aufstieg der Rechtspopulisten. Denn die neue Linke biete den frustrierten "Globalisierungsverlierern", den sozial Abgehängten keine Konzepte an, die deren Leben verbessern würden. Das schaffe Raum für rechte Identitätspolitik. Auch rechte und konservative Parteien bieten den sozial Schwachen wenig an zur Verbesserung ihres Lebens, doch sie sprechen zumindest deren Identitätsgefühl an: ihr seid mehr wert als Gruppen mit anderer ethnischer Abstammung oder anderer Religion. Jeder Mensch habe ein natürliches Bedürfnis nach Anerkennung, betont der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama. Er unterscheidet dabei "Isothymia", den Wunsch nach gleichberechtigter Anerkennung und "Megalothymia", den Wunsch als überlegen zu gelten. Und hier liegt für ihn der wesentliche Unterschied zwischen rechter und linker Identitätspolitik: Auf der einen Seite kämpfen diskriminierte Gruppen um Gleichberechtigung. Auf der anderen Seite wehren sich einstmals privilegierte weiße Männer dagegen, von Frauen und Migrant/innen abgedrängt zu werden. Identitätspolitik funktioniert grundsätzlich in Abgrenzung zu anderen. Damit eine Gruppe von Menschen eine gemeinsame Identität mit politischer Relevanz annimmt, braucht sie Dinge, wie: ein gemeinsames Anliegen, einen gemeinsamen Feind, einen gemeinsamen Abstammungsmythos und gemeinsame Symbole. Wir alle haben viele Identitäten. Welche für uns politische Relevanz bekommt, sei unsere eigene Entscheidung, betont der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen in seinem Buch "Identität und Gewalt". Angesichts blutiger religiös motivierter Konflikte plädiert er dafür, religiösen oder nationalen Identitäten nicht zu viel Platz einzuräumen. Denn diese Art der Identitätspolitik spalte die Gesellschaft. Tut das Identitätspolitik zwangsläufig immer?

10.61.5.113