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Sa, 30.10.2021 | 15:05-16:57 | Ö1

Apropos Klassik

Radio

Dass ihrer Stimme ein Ablaufdatum gesetzt ist, wissen alle Countertenöre. Keiner von ihnen hatte bisher das Potenzial zu einer derartigen, die Erinnerung an die sängerischen Anfänge seit langem in den Schatten stellenden "Zweit"-Karriere wie der vor 75 Jahren geborene Belgier René Jacobs. War Jacobs' "Concerto Vocale" noch ein verlängerter Arm der solistischen Tätigkeit, weitet sich der Aufgabenkreis des nun ausschließlich dirigierenden Connaisseurs barocker Vokalmusik ab den 1990er Jahren von Monteverdi, Bach, Händel und deren diversen Zeitgenossen in Richtung "Wiener Klassik". René Jacobs präsidiert der Alten Musik an der Berliner Staatsoper und bei den Innsbrucker Festwochen; die im Subtilen gegen den Stachel löckenden Studioeinspielungen wesentlicher Mozart-Opern unter Jacobs' Leitung bereichern die Diskographie. Auf seinen runden Geburtstag hin landet René Jacobs, nun nach Laune gastierend, bei Beethoven und Schubert. Den Anspruch, die Dinge unerwartet, "neu", gegen die Konvention zu lesen, hält Jacobs aufrecht: Bloß sind die von ihm dabei angewandten Mittel weiterhin die eines aus dem Gesang heraus Denkenden – dirigentische Diktatorengesten hat er nie erlernt. Und immer regiert bei René Jacobs, er mag es selbst gar nicht so sehr herausstreichen, im musikalischen Agieren das Lustprinzip: Er bleibt auch in reifen Jahren ein erfrischender Einzelgänger auf von Dogmen vermintem Terrain.

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