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Detailbild Der Jentower – der Turm der Visionäre
Di, 12.10.2021 | 21:00-21:45 | MDR

Der Jentower – der Turm der Visionäre

Man sieht ihn schon von weitem. Aus allen Richtungen, wie eine Landmarke ragt der Jentower als dominantester Punkt über Jenas Innenstadt hoch hinaus. Mit seinen 159 Metern Höhe ist er das höchste Bürogebäude Mitteldeutschlands und das wohl prägnanteste Wahrzeichen der Stadt Jena. Er ist jedoch ein ungeliebtes Wahrzeichen. Der Turm wurde über viele Jahrzehnte als Störfaktor im Stadtbild und als Grund für die Zerstörung der Innenstadt angesehen. Viele Menschen aus Jena haben bis heute ein gespaltenes Verhältnis zu diesem Solitär, der ihr Stadtzentrum prägt. Doch der Turm ist bis heute auch ein Ort für Freigeister und Visionäre, die hier eine Heimat zur Umsetzung innovativer Ideen gefunden haben, die Jena weit über die Landesgrenzen bekannt machen. Der Berliner Architekt Hermann Henselmann entwirft 1968 den Turm – als Prestigebau der DDR-Regierung und Symbolarchitektur des Sozialismus. Der Preis dafür war die Zerstörung der historischen Bausubstanz. Mitten im Zentrum von Jena, wo gerade die Kriegstrümmer beseitigt wurden und die Menschen ihr altes Jena wiederaufbauten, mussten Teile der Altstadt, dem gigantischen Bauwerk weichen. Das Elternhaus von Thomas Röher stand genau an jener Stelle, an der 1972 der Turm errichtet wird. Unten führen seine Eltern ein florierendes Optikergeschäft, oben wohnt die Familie. Nachdem die Eltern ihr geliebtes Häuschen gerade aus den Kriegstrümmern der zerbombten Jenaer Innenstadt wiederaufgebaut hatten und noch ein komplettes Stockwerk aufgesetzt haben, kommt die Anweisung zur Sprengung. Die Familie wird umgesiedelt. Bis heute ist dieser Heimatverlust, den Thomas Röher als Kind erlebt hat für ihn traumatisch. Seine Eltern haben den Turm zeitlebens nie betreten. Auch Roland Jahn – ehemaliger Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen – begibt sich auf eine Zeitreise in seine alte Heimat. Als gebürtiger Jenenser ist er mit dem Turm aufgewachsen und geht dort als Student der Wirtschaftswissenschaften ein und aus. Die Hörsäle seiner Fakultät befinden sich direkt im Jentower. Für Roland Jahn liegt hier der schicksalhafte Beginn seiner Zwangsausweisung aus der DDR. Der junge Student ist ein wacher Geist und setzt sich kritisch mit der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann auseinander. Roland Jahn wird dafür von der Universität exmatrikuliert – wenige Jahre später verhaftet und gefesselt und geknebelt über die Grenze in den Westen gebracht. Der Jentower ist trotz seiner umstrittenen Geschichte seit jeher auch ein Magnet für Freigeister und Visionäre. Nach der deutschen Einheit kommt der Turm für eine symbolische D-Mark unter den Hammer. Drei Studenten ohne Kapital, dafür aber mit einer Vision gründen die Intershop AG und ziehen ein. Die verschlafene Stadt Jena wird plötzlich zum Zentrum des E-Commerce und der Jentower im Volksmund zum Intershop Tower. Andreas Machner ist ebenfalls vom Jentower magisch angezogen. Er eröffnet 2001 ein exklusives Restaurant auf der Spitze des Turms, das heute Gäste aus der ganzen Welt nach Jena lockt. Ein gewagtes Projekt, das damals Unglauben und Spott provoziert. In ganz Jena kann zu jener Zeit niemand etwas mit gehobener und hochpreisiger Küche anfangen. Doch Andreas Machner hält an seinem Traum fest und hat Erfolg. Er liebt den Turm bis heute und sieht ihn als absoluten Zugewinn für die eigentlich verschlafene Stadt in Thüringen. Doch nach 20 Jahren bahnt sich erneut ein Wandel im Turm an. Andreas Machner gibt sein Lebenswerk in die Hände eines Nachfolgers – an Christan Hempfe – seinen einst jüngsten Chefkoch, der das Restaurant komplett renoviert und eine ganz neue Art von Menü anbieten will. Werden die Jenenser diese Veränderung annehmen? Und damit vielleicht auch endlich den Turm im Herzen der Stadt?

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