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Detailbild Was uns bindet
Mo, 11.10.2021 | 22:26-00:09 | 3sat

Was uns bindet

Dokumentarfilm, Ö 2017

Just als die Dokumentarfilmerin Ivette Löcker denkt, mit ihrer Herkunft und ihren Gefühlen zu ihren Eltern im Reinen zu sein, vererben diese ihr und ihrer Schwester ein altes Bauernhaus. Ivette bemerkt, dass die Auseinandersetzung mit ihrer Familie noch nicht zu Ende ist. Sie erlebt dadurch einen Moment der Atemnot. Das Erbe soll sie und ihre Schwester wieder an jenen Ort in den Salzburger Bergen binden, in dem sie aufgewachsen sind. Ivette Löcker, die jetzt in Berlin lebt, besucht ihre Familie im Lungau. Dort soll das renovierungsbedürftige Bauernhaus an die Kinder übergeben werden. Ebenso wie das alte Gebäude vom Schimmel befallen ist, erweist sich das familiäre Konstrukt als zunehmend porös. Eine filmische Familienaufstellung, die auch zur Erzählung über das Leben auf dem Land wird und in der sich das Konfliktpotenzial unterschiedlicher Lebensentwürfe zeigt – ein spannungsgeladenes Porträt einer Familie, in der vieles unausgesprochen bleibt, manches zu oft gesagt wird und das plötzliche Umschalten von Distanz auf Nähe zum Hochkochen der Emotionen führt. Das Erbe soll vorzeitig aufgeteilt, begutachtet, für die Renovierung bereit gemacht werden. Wie ein Felsbrocken lastet es auf der Filmemacherin: Was verbindet die Familienmitglieder noch? Sind es vielleicht nur die gemeinsamen Besitztümer – das alte Haus, der Gemüsegarten, die Tenne? Obwohl seit Jahrzehnten emotional getrennt, leben Löckers Eltern nach wie vor unter einem Dach. Am Küchentisch vollziehen sich kleine Machtkämpfe, beinahe zärtliche Sticheleien, aber auch bittere Reminiszenzen an die verblasste erste Verliebtheit und an die Unwägbarkeiten eines geteilten Lebens. "Dann hat das Schicksal seinen Lauf genommen", heißt es einmal, und die Zuschauer werden Zeuge einer lakonischen Erinnerungsarbeit. Mitunter schmerzhaft werden materielle wie immaterielle Familienbünde sichtbar, die trotz der persönlichen Fokussierung einen universellen Kern aufweisen: Die unglückliche Ehe belastet immer noch – nicht nur das ehemalige Paar, sondern auch die drei Töchter, von denen eine nur per Skype präsent ist. Ebenso wie sich im baufälligen Haus Schimmel breitgemacht hat, zeigt das Familiengefüge Risse. Und doch wird alles noch zusammengehalten – es besteht die Möglichkeit, zu sanieren, die Risse zu kitten und die Substanz zu verstärken. Ivette Löcker filmt sich und ihre Familie beim Versuch, diese Möglichkeiten auszuloten – vielleicht ist gar der Film Antrieb und Motor der innerfamiliären Aufarbeitung. Trotz all der Involviertheit niemals drängend skizziert Ivette Löcker ein mutiges, bisweilen beklemmendes Familienporträt voller Zwischentöne und melancholisch-kopfschüttelnder Komik. Die Jury, die Ivette Löckers Werk 2017 mit dem "Großen Diagonale-Preis" für den besten österreichischen Dokumentarfilm ausgezeichnet hat, hat ihre Entscheidung mit folgenden Worten begründet: "Zuerst macht der Vater das Geständnis, immer wieder eine Freundin (die Mutter: 'Was heißt eine – viele!') gehabt zu haben, und dann entdeckt man, dass die beiden ein Arrangement leben: Er lebt unten im Keller, sie oben im Haus – und man denkt möglicherweise an eine moderne Familienkonstellation. Doch die Fassade bröckelt schnell, und das zweckbringende Arrangement ist das pure Unglück – oder eben nicht: Denn eigentlich kann man hier lesen, wie nahe Glück und Unglück beieinander liegen können – wer wem was wann vererbt und wie nervig die eigenen Eltern sein können – ob sie reden oder nicht. – Mit Witz und Humor fängt die Regisseurin eigene Gefühle, Nähe und Distanz zwischen allen Beteiligten ein. Ihr Blick nimmt dabei auch die kleinen Gesten des Wohlseins und Miteinanders wahr. Ivette Löcker gelingt ein mutiges Beschreiben des eigenen Familiengeflechts, und sie eröffnet damit die Möglichkeit, über das Konstrukt 'Familie' im Allgemeinen nachzudenken."

Regie:
Ivette Löcker
10.61.5.114