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Detailbild Unsere Geschichte – Meine Kindheit in Mecklenburg-Vorpommern
Sa, 02.10.2021 | 12:00-12:45 | NDR

Unsere Geschichte – Meine Kindheit in Mecklenburg-Vorpommern

Eine endlose Ostseeküste, Wälder, sanfte Hügel und ganz viel frische Luft: Wer sich an seine Kindheit in Mecklenburg-Vorpommern erinnert, hat die paradiesische Naturschönheit der Region kennengelernt. Das gilt auch für die Zeit, als die Gegend noch zur DDR gehörte und in die drei Bezirke Schwerin, Rostock und Neubrandenburg aufgeteilt war. So unbeschwert die Kindheit in den 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahren war, so sehr drängte sich immer wieder der Staat in den Vordergrund: alles musste organisiert und reglementiert werden, auch das Leben der Kinder. Die einen waren begeistert, die anderen machten eher widerwillig mit. Doch Kinder lassen sich nicht einsperren. Sie finden ihre Wege. Wie zum Beispiel Frank Ewert, der in den 1970er-Jahren auf der Insel Poel aufgewachsen ist. Draußen unterwegs zu sein, den Kopf im Seewind, das war für ihn und seinen Zwillingsbruder das Größte. Mit den Fahrrädern erkundeten sie die 36 Quadratkilometer große Insel im Nordwesten der DDR, heckten allerlei Streiche aus, zelteten auf Kuhweiden und gingen im Sommer ins Kino: "Winnetou" hieß ihr Held, so wollten sie auch sein. Die Nachmittage waren mit Veranstaltungen der Pioniere oder der FDJ belegt, was die Freizeit-Indianer eher lästig fanden. Nur einmal haben sie richtig Ärger bekommen. Im Unterrichtsfach Produktive Arbeit zerschnitten sie wahllos Gummischläuche. Schaden: 500 Mark. Da mussten die Jungen losziehen, um Altstoffe zu sammeln. Ganz anders Simone Hilbrecht aus Bützow. Sie lebte gern in der DDR, fand das Leben der Jungen Pioniere großartig. Auf die Probe gestellt wurde ihre Begeisterung 1986, als im weißrussischen Tschernobyl ein Reaktor explodierte. Inspiriert von der schönen Natur ihrer Umgebung und in der Überzeugung, Polizei und Armee würden die radioaktive Wolke von ihrer Heimat fernhalten, schrieb sie ein Friedensgedicht und wurde dafür ausgezeichnet. Ein solches Leben in Harmonie war Peter Wawerzinek nicht vergönnt. Als er zwei Jahre alt war, hat seine Mutter ihn und seine kleine Schwester allein in der Rostocker Wohnung zurückgelassen und ging in den Westen. Tage später wurden die beiden Kinder befreit. Peter wuchs in Heimen an der Ostseeküste auf. Nach mehreren Adoptionsversuchen kam er zu einem Lehrerpaar. Seine neue Mutter hatte es sich in den Kopf gesetzt, anhand eines Benimmbuches aus dem Heimkind einen Musterknaben zu machen. Dabei war Peter viel lieber mit seinen Kumpels aus dem Heim am Strand unterwegs, wo sie eines Tages tatsächlich eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg fanden. Kindheit im Norden der DDR, das kann auch verlorene oder neu gewonnene Heimat bedeuten. Hinnerk Schönemann zum Beispiel verbrachte seine Kindheitssommer in der Nähe von Plau am See, bis seine Eltern aus der DDR ausreisten. Als Teenager kam er wieder zurück, er hatte Angst, seine Heimat zu verlieren. Denn allein in die DDR reisen durfte er nur, bis er 16 Jahre alt war. Den umgekehrten Weg ging Mathias Schilling. Seine Familie lebte in Schleswig-Holstein. Eine winzige Insel im Besitz seiner Familie allerdings liegt zwischen Rügen und Hiddensee. Dorthin ist die Familie regelmäßig gefahren. Für Mathias Schilling war das immer unheimlich, denn sein Vater schmuggelte jedes Mal Dinge, die es in der DDR nicht gab, im Auto über die Grenze. Wer Mecklenburg und Vorpommern einmal in sein Herz geschlossen hat, kehrt immer wieder dorthin zurück. Heute lebt Mathias Schilling auf seiner Familieninsel. Auch Hinnerk Schönemann, er ist Schauspieler geworden, hat sein Zuhause in Mecklenburg, am Ort seiner Kindheit. Peter Wawerzinek bereist als Schriftsteller in seinen Büchern immer wieder seine Kindheitslandschaft zwischen Rostock und Rerik.

Originaltitel:
Meine Kindheit in Mecklenburg-Vorpommern
10.61.5.114