0%
 
Detailbild Schätze der Welt – Erbe der Menschheit
Sa, 13.03.2021 | 19:15-19:30 | ARD-alpha

Schätze der Welt – Erbe der Menschheit

Dokureihe, D 1996

Es ist der Klang, der alle Zeitenwenden überlebt hat: Quietschend, schabend rumpeln die alten Straßenbahnen durch die Stadt. Am Schalthebel oft Frauen, die ihre Führerhäuschen liebevoll ausgestattet haben, als trügen sie ihr Schneckenhaus mit sich.Die Gleise verbinden die Zeiten in Lemberg, die stolzen Barockpaläste mit den Jugendstilhäusern und dem ärmlichen jüdischen Viertel, die Plattenbauten und die Parks. An manchen Stellen wölben sich die Schienen bedrohlich, als wollten sie aus dem Pflaster springen, als wollten sie sagen: hier passt nichts so recht zusammen. Lwow, L'vov, Lviv. Wo liegt Lemberg? In Galizien, Lodomerien, Wolhynien? Sagen wir: in der Ukraine. Ostslawische Fürsten, Polen, Österreicher, Ruthenen, Armenier und Italiener, Juden prägten die Stadt. Es gibt zwei Lesarten dieses Miteinanders: eine multikulturelle Erfolgsgeschichte und eine regelmäßige Wiederkehr von Aufständen, Pogromen. Je nach dem wie sich das europäische Machtgefüge und die Landkarten veränderten. Am besten beginnt man die Reise dort, wo die Geschichten enden: auf dem Friedhof Lytschakiv. Mausoleen mit kyrillischer Inschrift, die neben gefallenen Engeln thronen, die wiederum einen polnischen Helden beweinen. In schwarzen Marmor gemeißelte Porträts streng blickender sowjetischer Offiziere neben lieblichen Frauenköpfen über österreichischen Adligen. Nebeneinander und in Frieden – so wie in den legendären Zeiten, in denen Lemberg Zentrum war. Zentrum für Handel zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, zwischen Europa und Asien. Zentrum der Wissenschaften. Zeiten, zu denen Lemberg Tor war und nicht Sackgasse. Bunt und nicht grau. Vom Friedhof fährt eine direkte Straßenbahn in die Stadtmitte zum Rynok, dem Ringplatz mit seinen herrlichen Renaissance- und Barockbauten. Ein Hauch von Süden und Kaffeeduft liegt über dem Platz, aber man spricht ukrainisch. Nur noch eine Sprache. Zwei große Kriege und ihre Folgen haben zwar die Fassaden stehen lassen, aber die Menschen dahinter vertrieben, ermordet, zwangsverschleppt. Nach Jahren der Sowjetherrschaft entdecken die Lemberger erst nach und nach ihre Wurzeln: die polnischen Fresken in der armenischen Kirche, den Kaiser Franz Joseph hinter Tortenauslagen und die ureigenen in einer sehr lebendigen Literaturszene.

Originaltitel:
Schätze der Welt – Erbe der Menschheit spezial
Regie:
Stephan Polomski

Wiederholungen + weitere Ausstrahlungen

Wiederholungen dieser Sendung:

Weitere Folgen von Schätze der Welt – Erbe der Menschheit:

10.61.5.115