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Detailbild alpha-retro: Irland träumt nicht mehr (1968)
Fr, 12.03.2021 | 21:20-22:15 | ARD-alpha

alpha-retro: Irland träumt nicht mehr (1968)

Nordirland ist längst kein Thema mehr in der "Tagesschau". 1968 jedoch, als Edmund Wolf seinen Film über Irland drehte, wurde der Konflikt in Nordirland jedoch immer heißer, bis es nach ersten Eskalationen im Jahr 1969 am 30. Januar 1972 in Nordirland zum Bloody Sunday kam: Bei einer Demonstration in der Stadt Derry wurden von britischen Soldaten 13 unbewaffnete Iren erschossen. Von da an verging fast keine Woche, in der nicht über irgendeinen Anschlag oder ein Attentat in Nordirland berichtet wurde. Edmund Wolf drehte aber doch schon 1968 seinen Film über Irland. Wo ist da der Zusammenhang? Die erste Person, die man in seinem Film sieht, ist ein Ire, der von der Republik Irland aus nach Nordirland fährt, nach Ulster, wie er sagt. Er ist ein Funktionär der IRA und jemand, der von einem Groß-Irland träumt, von der Befreiung Nordirlands aus dem Joch der Engländer. Ist also der Film von Edmund Wolf ein politischer Film? Ja, das ist er auch, aber eben nicht nur. Denn darüber hinaus schafft es Wolf wie immer in seinen Dokumentationen, das ganz normale Leben der Menschen einzufangen und in diesem Fall im Zuschauer auch eine Ahnung von der Schönheit Irlands entstehen zu lassen. Sein kleiner Trick dabei ist: Es ist nicht der IRA-Funktionär vom Anfang sondern es ist die junge Eileen, die quasi durch den Film führt. Am Anfang sieht man sie in Connemara bei der Familie, ihr Vater ist Fischer. In der Küche übt sie mit ihrem Bruder ein gälisches Lied. Sie könnte die ältere Tochter des soeben gesehenen Fischers aus Connemara sein. Und sie macht im Laufe dieses Films eine interessante Wandlung durch: vom unerfahrenen Landei zur modernen selbstbewussten Frau – der Zukunft Irlands. Denn sie zieht nach Dublin, um dort zu arbeiten, was sie ganz offensichtlich sehr verändert. Letztlich fährt sie sogar Motorrad – nicht nur hinten drauf als Sozia, nein, sie fährt selbst diese Triumph Tiger 100 – eigentlich ein klassisches Männermotorrad. Wolf besucht auch in diesem Film die Oberschicht, die Großgrundbesitzer mit ihrer Leidenschaft für die Jagd. Aber wohler fühlt er sich bei den Hafenarbeitern und bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung für alt und arm gewordene ehemalige Hafenarbeiter. In der Republik Irland geht es voran, das ahnt man bereits in diesem Film aus dem Jahr 1968. Nordirland stehen die finsteren Zeiten erst noch bevor. Eileen sieht man im Film von Edmund Wolf bei einem Pferderennen zum letzten Mal. Dieses Rennen, ein großes gesellschaftliches Ereignis, kennt man bereits aus dem fast 20 Jahre später gedrehten Film von Walter Sedlmayr. Auch sie trägt hier selbstverständlich einen großen und modischen Hut. Während ganz am Ende des Films die Kamera den IRA-Funktionär an seinem Schreibtisch beim Verfassen eines vermutlich feurigen Pamphlets einfängt, sagt Wolf aus dem Off den klugen Satz: : "Die Wirklichkeit erfüllt nie die Träume politischer Märtyrer – und das ist selten ein Unglück."

Originaltitel:
Irland träumt nicht mehr

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10.61.5.113