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Mi, 24.02.2021 | 09:05-09:30 | Ö1

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Epidemien sind kein modernes Phänomen, sondern feste Bestandteile zivilisatorischer Entwicklung. Spätestens seit der Neuzeit, als die Menschen sesshaft wurden, stellten Seuchen und Massenplagen die Gesellschaften vor ungeahnte Herausforderungen, die sehr unterschiedliche, und zugleich tiefgreifende soziale, wirtschaftliche und politische Folgen mit sich gebracht haben. Die Spanische Grippe, der 25 bis 40 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind, hat maßgeblich zum Ende des ersten Weltkrieges beigetragen. Eine ähnliche dramatische Wirkung wird auch der mittelalterlichen Pest nachgesagt, die bis heute als tödlichste Plage in der Geschichtsaufzeichnung gilt. Der britische Historiker Ian Mortimer attestiert dem Massensterben bei allem Leid und Elend auch seine guten Seiten. So fiel die mittelalterliche Pest mit einer der schlimmsten Agrarkrisen in Europa zusammen, die in England zu einem der größten Bauernaufstände geführt hat. Die Wechselwirkung von Hunger, Unterdrückung und nicht zuletzt der massive Mangel an Arbeitskräften, die die Seuche nach sich zog, brachten schwelende soziale und politische Konflikte zum Überlaufen und kulminierten in der Abschaffung von Leibeigenen und Feudalherrschaft. Ein Blick in die Geschichte von Pandemien wird zu einem spannenden Seismographen für sozialen und politischen Wandel. Anhand der Wahrnehmung und Bekämpfung von Viren und Bakterien lässt sich nachzeichnen, wie soziale Normen, Autoritätsverhältnisse und Grenzziehungen neu geordnet und verhandelt werden. Diese Neuordnung ist gleichzeitig verbunden mit nachhaltigen Konsequenzen für die Machtverhältnisse und Ressourcenverteilung in der Gesundheitspolitik, der Risikobekämpfung und der Wissensproduktion, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Masseninfektionen immer auch mit einer Verfeinerung von Regierungstechniken und Strategien sozialer Kontrolle sowie Methoden der Ausgrenzung einhergehen. Von den Judenprogromen des Mittelalters bis zum Apartheid-Regime in Südafrika – Pandemien boten immer auch Anlass, neue Feinbilder zu schaffen und die Grenzen sozialer und kultureller Zugehörigkeit und Legitimität neu zu definieren.

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