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Detailbild Der Kniefall von Warschau – Die Macht der Erinnerung
Sa, 05.12.2020 | 19:20-20:00 | 3sat

Der Kniefall von Warschau – Die Macht der Erinnerung

Am 7. Dezember 1970 sinkt Bundeskanzler Willy Brandt vor dem Ehrenmal für die Toten des Warschauer Gettos auf die Knie. Eine Geste, die Geschichte geschrieben hat. Vermutlich folgte Brandt damals einer spontanen Eingebung, aber seine Demutsgeste hatte eine ungeheure Wirkkraft. Sie ist als eine der ausdrucksstärksten Bild-Ikonen der Nachkriegszeit in die Geschichte und das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingegangen. Brandts Kniefall trug wesentlich zu einer neuen Verständigung zwischen Polen und Deutschen bei und ermöglichte eine neue Ostpolitik der Annäherung. Die Dokumentation ordnet die Demutsgeste von Warschau noch einmal historisch ein: Worin bestand die enorme Wirkkraft dieser Geste, wie wirkte sie ikonografisch, welche archetypischen Reflexe löste sie aus? Außerdem dient Brandts Kniefall in dem Film auch als Folie zur Frage danach, wie es um unsere Erinnerungskultur bestellt ist – insbesondere, wenn es um das Erinnern an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust geht. Wie ist unsere heutige Perspektive auf die Erinnerungskultur allgemein, welche Debatten werden um sie geführt? Eine der Fragen in diesem Kontext ist, ob traditionelle Denkmäler noch eine zeitgemäße Form historischen Erinnerns verkörpern. So hat die Bundesrepublik Deutschland für das zentrale Holocaust-Mahnmal in Berlin eine architektonische, moderne und abstrakte Form gewählt. In Polen favorisiert man gerade in Zeiten der PiS-Regierung eine sehr realistische, konservative Bildsprache. Die Wirkung beider Erinnerungsformen ist umstritten. Dazwischen steht die Form der medialen Erinnerung, für die Brandts Kniefall seit 50 Jahren exemplarisch steht. Ein Bild, das um die Welt ging und noch immer jederzeit abzurufen ist. Der Deutsche Bundestag will 2020 noch entscheiden, ob in Berlin ein Mahnmal für die Opfer Polens durch NS-Besatzungspolitik und Vernichtungskrieg entstehen soll. Viele Polen halten es für ein Versäumnis, dass es bis heute in Deutschland keinen Gedenkort an die Opfer der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg und des NS-Terrors gibt. Welche Erinnerungsform und -kultur könnte zeitlos wirkkräftig sein und für historisches Erinnern sowohl im Land der Täter als auch der Opfer stehen? Die Dokumentation befragt Künstlerinnen und Künstler, Intellektuelle sowie Politikerinnen und Politiker aus Deutschland und Polen, welche Formen des Erinnerns sie für zeitgemäß, wirkkräftig und angemessen halten. Der Filmregisseur Volker Schlöndorff etwa ist überzeugt davon, dass es eine Aufgabe der Kunst ist, die Erinnerung an die Geschichte lebendig zu halten. Die Kulturwissenschaftlerin und Friedenspreisträgerin Aleida Assmann glaubt, die Einzigartigkeit des Kniefalls von Warschau mache ihn zu einer ewigen Geste. Der Politiker Paul Ziemiak setzt sich für einen Ort der Erinnerung an die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs in Berlin ein. Dieser Ort solle zu einem Ort der Begegnung und des Dialogs von Polen und Deutschen werden. Der Film lässt außerdem den Historiker Götz Aly, den Schriftsteller Artur Becker, die Künstler Rafal Betlejewski und Gunter Demnig, die Museumsleiterin Urte Evert, die Schriftstellerin Brygida Helbig, den Publizisten Adam Krzeminski und die Historikerin Hanna Radziejowska zu Wort kommen.

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