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Mo, 02.12.2019 | 09:05-09:30 | Ö1

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350 – so viele Freunde hat ein Durchschnittsamerikaner auf Facebook, bei jungen Erwachsenen umfasst die digitale Kumpelliste sogar meist 650 Namen. Dabei haben Menschen eigentlich üblicherweise nur drei wirklich gute Freunde, hinzu kommen noch zwölf "Durchschnittsfreundschaften", wie es der deutsche Psychotherapeut und Tiefenpsychologe Wolfgang Krüger nennt. Dank des Internets stehen wir mit so vielen anderen Individuen in Kontakt, wie noch nie zuvor. Gleichzeitig fühlen sich immer mehr Menschen auf der Welt einsam. Chronisches Alleinsein macht krank. Diverse Studien belegen, dass isolierte Personen vermehrt psychische, aber auch körperliche Erkrankungen wie Herz-Kreis-Lauf-Beschwerden entwickeln und ebenso anfälliger für Infekte sind. Wer hingegen soziale Kontakte pflegt hat ein geringeres Risiko an Demenz zu erkranken. Gute Freunde sind also Balsam für Körper und Seele. Aber was ist eigentlich ein guter Freund? Wir begegnen tagtäglich unfassbar vielen Menschen – ob nun in der U-Bahn, am Arbeitsplatz, im Supermarkt oder am Tresen beim Feierabendbier. Doch nur in den seltensten Fällen entsteht daraus dann tatsächlich eine engere Bindung. Dabei gilt: je häufiger wir eine Person sehen, desto sympathischer wird sie uns. Freundschaft hat also viel mit räumlicher Nähe aber auch mit Vertrauen zu tun. Laut Aristoteles gibt es drei Motive Kameradschaft zu jemand anderem zu schließen: wegen des Wesens, aus Nutzen, oder aufgrund von Lust. Während besonders junge Leute ihre amourösen Abenteuer immer öfter per Knopfdruck – oder besser gesagt per Wischbewegung – im Internet finden, gestaltet sich die Suche nach beständigen Freundschaften doch um einiges komplizierter. Ob Männer und Frauen "nur" Kumpanen sein können, sorgt auch regelmäßig für Diskussionen. Unterdessen sind langjährige Liebespaare oft auch gleichzeitig gute Kameraden. Und dann gibt es noch die sogenannte "Freundschaft Plus". Die Grenze zwischen Bekanntschaft, Freundschaft und Liebschaft lässt sich nicht immer so leicht ziehen. Nahebeziehungen bestehen aber nicht nur zwischen einzelnen Individuen – auch Staaten können sich untereinander verbünden. In bestimmten Parteien ist "Freundschaft" Grußwort und politischer Schlachtruf zugleich. Seilschaften wiederum sind in der Politik allgegenwärtig. Ursprünglich stammt der Begriff aus dem Klettersport – hier sollte das verbindende Seil allerdings den tödlichen Absturz verhindern und nicht den gesellschaftlichen Aufstieg à la Freunderlwirtschaft befördern. Das zwischenmenschliche Phänomen Freundschaft beschäftigt auch seit Jahrtausenden die Kultur- und Wissenschaftswelt. Nicht selten entwuchs aus einer Kameradschaft zugleich eine Inspirationsquelle – sei es nun zwischen den Dichtern Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller oder bei Oliver Hardy und Stan Laurel – besser bekannt als Dick und Doof.

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