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Mi, 06.11.2019 | 09:45-09:57 | Ö1

Radiokolleg

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Der Blick zurück zeigt nostalgische Bilder: Trabbis und Sandmännchen, Ossi-Schokolade und Fit-Spülmittel. Die Ostalgie-Welle distanziert sich vom Schrecken des Regimes, das Kinder von Eltern trennte, das seine Bürger gnadenlos überwachte, das Nachbarn und Freunde zu Stasi-Spitzeln machte. Die Musik stand im Spannungsfeld kreativer KünstlerInnen und der Staatsmacht. Klassische Werke und deutsche Schlager wurden im Sinne des sozialistischen Realismus gefördert und unters Volk gebracht, Anspruch und Unterhaltung dienten diesem Zweck. Das Verlangen nach westlich orientierter Musik aber wuchs, auch wenn die Beats von der Obrigkeit gehasst wurden. Die vier Konzerte, die Louis Armstrong Mitte der 1960er Jahre in einigen DDR-Städten gab, waren restlos ausverkauft. Jazzbands entstanden, die Musiker/innen, die nur mit staatlicher Ausbildung auftreten durften, mussten vorsichtig sein, vor allem in ihren Texten. Sich selbst auszudrücken gehörte nicht zum Auftrag, allerdings erkannten der Staat bald, dass – neben dilettantischeren Versuchen – auch hervorragende Musik geschaffen wurde. Uschi Brüning, Ulrich Gumpert oder auch der Schauspieler Manfred Krug waren große Namen. Insider wurden als Spitzel angeworben, ein Umstand, von dem nicht wenige nach dem Mauerfall nichts mehr wissen wollten: "Verfolgt, geduldet, gefördert", wie es der Jazzexperte und Autor, Rainer Bratfisch, später ausdrückte.

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