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Mo, 04.11.2019 | 15:15-16:00 | MDR

1989 – Aufbruch ins Ungewisse

Unbekanntes aus Mitteldeutschland
Dokureihe, D 2009

Mai 1989 Es gibt eine Fülle bislang unerzählter Geschichten aus den Städten und Dörfern jenseits von Leipzig oder Berlin. Exklusive Zeitzeugen, unbekanntes Archivmaterial, hochemotionale Szenen aus dem Schicksalsjahr 1989. Menschen aus Mitteldeutschland erzählen von ihren großen und kleinen Taten, ihren Hoffnungen und Ängsten während der Zeit der friedlichen Revolution. Menschen, die abseits der großen Zentren Geschichte geschrieben haben und auch zum Sturz der DDR beitrugen. Die DDR im Mai 1989. Überall im Land stehen Kommunalwahlen an. Auch eine Bankangestellte aus Halle wird als Wahlhelferin verpflichtet. Im Laufe des Tages fällt der Ökonomin plötzlich auf, wie von ihr ausgezählte Stimmlisten wenig später mit gefälschten Zahlen auftauchen. "Also da waren die Gegenstimmen plötzlich weg", erinnert sie sich. Die bislang völlig unpolitische Angestellte nimmt ihren ganzen Mut zusammen und weigert sich, diese Listen weiterzugeben. Sie möchte nicht mehr Teil dieses Systems aus Lügen und Lethargie sein, kann das mit ihrem Gewissen nicht mehr vereinbaren. So geht es vielen im Land. Mehr und mehr wird begonnen, die Autorität der SED offen in Frage zu stellen. Die Industrie ist veraltet und überholt, die Wirtschaft droht zu kollabieren. Selbst bei der Wismut AG in Ronneburg macht sich das bemerkbar. Weil der Abbau von Uran zurückgefahren werden soll, droht vielen Bergleuten das Aus. Sie sollen auf einmal nicht mehr unter Tage arbeiten dürfen, sondern Bonbon- oder Nudelmaschinen herstellen. Ein Akt der Verzweiflung, wie selbst der damalige ökonomische Direktor der Wismut erkennt. Die marode Wismut AG – kein Einzelfall. Auch im Leipziger Braunkohlerevier sieht es nicht besser aus. Immer wieder ziehen neue Staubwolken auf und hüllen das Land in ein einziges Grau. Eine Kinderkrankenschwester aus Espenhain muss Tag für Tag mit ansehen, wie immer mehr Kinder wegen Atemnot und Hautausschlägen zum Kinderarzt gehen. "Sie haben die Leute nicht gesehen, sie haben die Leute gerochen", beschreibt sie die katastrophale Lage. Ähnlich ist die Lage im Frühjahr '89 im thüringischen Knau. Gülle von 180.000 Schweinen nimmt der Bevölkerung die Luft zum Atmen. Ganze Waldgebiete veröden durch die giftigen Güllegase. "Da wäre es Ihnen schlecht geworden", weiß der damalige Pfarrer aus dem benachbarten Dittersdorf heute noch zu berichten. Gemeinsam gehen jetzt Umweltschützer aus Ost und West gegen die Verantwortlichen vor. Von der Stasi bedrängt, entscheidet sich der Pfarrer schweren Herzens zur Ausreise in die Bundesrepublik. Wie er brechen tausende Bürger der DDR in diesem Sommer über Prag und Ungarn auf in den Westen. Doch eigentlich möchten die meisten Menschen ihre Heimat gar nicht verlassen. Was sie wollen, sind schrittweise Veränderungen im verkrusteten Land. Und so sind es in vielen Dörfern und Städten gerade ganz einfache Leute, die über Nacht zu Helden werden. So wie ein gelernter Fleischer aus Arnstadt, der in seiner Unzufriedenheit mit dem Zustand seines Landes eines Nachts anfängt, Flugblätter zu schreiben und seine Nachbarn aufzurufen zum friedlichen Protest gegen den Staat. Und tatsächlich kommt es dann am 30. September '89 zur ersten Demonstration in Arnstadt.

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10.61.5.115