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Nachrichten aus Cannes

Nachrichten aus Cannes
© Picturedesk
Veröffentlicht:
18.05.2019
Die Monsterpflanze und das Über-Ego

Von Julia Pühringer aus Cannes

 

„Little Joe“ ist einer der österreichischen Beiträge des diesjährigen Festivals. Der Film von Jessica Hausner („Lourdes“, „Amour Fou“) handelt von Alice Woodard (Emily Beecham), die als Pflanzenzüchterin für ein seltsames Unternehmen eine ganz besondere Pflanze gezüchtet hat, leuchtend rot, sie wächst schnell, „Little Joe“ nennt sie sie und sie soll, ja tatsächlich, durch ihren Geruch und bestimmte Stoffe ihre BesitzerInnen glücklich machen. Als Alice ein Exemplar für ihren Sohn Joe mit nachhause nimmt, hat das allerdings ungeahnte Konsequenzen. Währenddessen kommt ihr ein Kollege (Ben Whishaw) langsam näher. Ein stiller Glashaus-Horror-Film (nein, das ist zugegebenermaßen kein echtes Genre), der allerhand große Fragen stellt, nach dem Glück, nach der Gesellschaft, nach unseren Rollenbildern und unseren Beziehungen, nach Konformität und danach, wie wir im Leben so funktionieren zu müssen glauben, dabei aber – und das durchaus mit Absicht – seltsam kühl bleibt (Kamera: Martin Gschlacht). Unberührt fast, genau wie jene Menschen, die durch den Geruch von „Little Joe“ ihr Glück fanden und seither leicht distanziert von allen anderen in ihrer eigenen Welt leben. Ein metaphorischer Kunstgriff im Gewächshaus mit Kerry Fox in einer Nebenrolle.

 

Miles Teller Picturedesk

Nach Berlin zeigt nun auch Cannes eine kleine Auswahl an TV-Projekten, darunter ist heuer „Too old to die young“ von Nicolas Winding Refn („Drive“, „Only God Forgives“, „The Neon Demon“). Die zehn Folgen handeln von einem Polizisten (Miles Teller, „Whiplash“), der sich sein Zubrot als Auftragskiller verdient und darob in eine Krise gerät. Weil Refn Refn ist, gibt’s Lichterketten im Dunkeln, dramatische Farben und Gewalt, allerdings bleibt die Serie metaphorisch so dermaßen an der Oberfläche, dass es definitiv nicht lohnt, ihr dabei zuzusehen, wie sie sich selbst für klug hält.

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