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Peter Klien im Interview: Wo’s weh tut ...

Peter Klien im Interview: Wo’s weh tut ...
© ORF
Veröffentlicht:
04.09.2019
Vom „Reporter ohne Grenzen“ zum Sandmännchen fürs Grobe: Peter Klien wird zum Late-Night-Moderator und sagt nun jeden Donnerstag Gute Nacht Österreich.

Ab Donnerstag 12.09., 21.55 Uhr tritt „Willkommen Österreich“-Reporter Peter Klien mit einer eigenen Late-Night-Show in die Fußstapfen von ORF-Sendungen wie „Dorfers Donnerstalk“ (Kult bis 2010) und „Tagespresse aktuell“ (2017, trotz guter Quoten nur eine Staffel). Produziert wird das wöchentlich aktuelle Politsatire-Format mit klassischem Stand-Up-Auftakt, diversen Rubriken (u. a. „Virale Videos unter 100 Views“, „Insta Politics“) und einem Hauptthema als Erklärstück von Talk TV (u. a. „Barbara Karlich Show“), bis Dezember sind 12 Folgen geplant. Im tele-Talk verrät der furchtlose und gefürchtete Interviewer mehr über sein Late-Night-Projekt.

 

tele: Wie ist „Gute Nacht Österreich“ konzipiert, was dürfen wir uns von der Sendung erwarten?
Peter Klien: Wir machen investigativen Humor, wenn man das so nennen möchte. Gut recherchierte Fakten, die witzig aufbereitet werden. Das ist das Herzstück der Sendung. Es wird auch ein richtiges Late-Night-Studio geben, im klassischen Late-Night-Look. Wir bewegen uns in einem eleganten Rahmen, vor der Skyline von Wien. Alles ist also extra herausgeputzt, um den Zusehern und Zuseherinnen unschöne Wahrheiten vergnüglich aufbereitet auftischen zu können.

tele: Und wie läuft eine Sendung konkret ab?
Klien: Der erste Teil der Sendung ist ein klassischer Stand-Up, wo es darum geht, wochenaktuell zu kommentieren. Was ist passiert, was sind die Hintergründe? Dann geht’s am Schreibtisch weiter, mit bunten Rubriken, zum Beispiel einer Presserundschau. Eine Rubrik heißt: „Virale Videos unter 100 Views“. Da zeigen wir Fundstückchen aus dem Netz, alles im politischen Kontext allerdings. Oder meine Rubrik „Insta Politics“, da wollen wir zeigen, wie schön und lustig und vergnügt die Politik sein kann. Das ist der Mittelteil. Und der dritte Teil, zugleich der Hauptteil, ist das sogenannte Erklärstück. Wir nehmen uns immer ein Thema vor, das wir genauer beleuchten wollen. Inhaltlich in die Tiefe gehend, aber mit viel Witz und Esprit präsentiert. Damit es viel zu lachen gibt, aber auch viel zu denken. Oder auch zu lernen.

tele: Werden in der Show auch Ihre Politiker-Interviews, wie man sie aus „Willkommen Österreich“ kennt, ihren Platz haben?
Klien: So was kann natürlich jederzeit wieder passieren. Gerade in Wahl-Zeiten muss ich da auch eine gewisse Erwartungshaltung des Publikums erfüllen. Und ich hab ja auch selber Spaß daran. Allerdings soll es nicht so sein, dass ich das jetzt jede Woche mache.

tele: Wird es tatsächlich eine One-Man-Show? Ohne Gäste?
Klien: Die üblichen Talk-Gäste wird’s bei uns nicht geben, es wird also niemand seine neue CD oder sein aktuelles Buch präsentieren. Dafür werden in unregelmäßigen Abständen Experten am Tisch Platz nehmen. Freilich keine echten Experten wie in der „Zeit im Bild“, sondern Kabarettistinnen oder Kabarettisten, die in Expertenrollen schlüpfen und eine politische Entwicklung analysieren oder zu einem bestimmten Thema Kommentare abgeben.

tele: Können Sie schon Namen nennen?
Klien: Nein, ich will das ehrlich gesagt nicht vorwegnehmen. Das geht jetzt einmal bis Weihnachten, es kommt einer nach dem anderen dazu.

tele: Wird es sonst noch Überraschendes von Peter Klien geben? Etwas, womit der gelernte Kabarett- und Satire-Fan nicht rechnet?
Klien: Also das muss natürlich schon unser Ziel sein, dass wir jederzeit für Überraschungen gut sind. Das war ja auch ein Markenzeichen des Außenreporters in „Willkommen Österreich“, oder ist es noch immer. Das bleibt das Ziel, keine Frage.

tele: Sie starten mit der Show in einer Ära, die für Kabarettisten und Satiriker sehr fruchtbar ist. In Zeiten von Trump und Ibiza, wo viele Leute das Gefühl haben, dass Politik immer mehr in Richtung Realsatire tendiert. Sehen sie das auch so?
Klien: Es ist auf jeden Fall gerade eine Hoch-Zeit für Satire, das glaube ich ganz bestimmt. Für uns ist es natürlich ein Jackpot, dass wir direkt vor einer Wahl mit der Sendung beginnen können, damit hat ja bei den Planungen niemand gerechnet, da hat noch niemand von einer Wahl gesprochen. Das nehme ich als ein sehr gutes Zeichen des Schicksals, dass extra für uns eine Wahl vom Zaun gebrochen wurde … (lacht)

tele: Die Konkurrenz ist groß, die Zahl der Satire-Sendungen im deutschsprachigen Fernsehen stieg zuletzt ständig …
Klien: Die Aufmerksamkeit der Bevölkerung für den satirischen Kommentar ist jetzt natürlich besonders hoch. Seit Ibiza ist die Aufmerksamkeit für Satire noch einmal höher, als sie ohnedies schon immer war. Die sozialen Medien haben auch viel dazu beigetragen, dass Satire stark nachgefragt ist. Die Leute wollen einfach einen anderen Blickwinkel auf die Dinge haben, nicht nur den offiziellen, seriösen. Das geht sogar so weit, dass sich manche Leute über bestimmte Satire-Sendungen – da kann man zum Beispiel die „heute-show“ nennen oder gewisse Shows im amerikanischen Raum – überhaupt ihre politischen Informationen holen. Das ist immer noch besser, als man informiert sich überhaupt nicht. Und wenn es eine Satire-Sendung ist, die einen hohen Anspruch an sich selbst hat, dann ist es ja immerhin auch eine gute Quelle für Information.

tele: Geht’s in Ihrer Sendung nur um Politik, oder wird der Bogen thematisch etwas weiter gespannt?
Klien: Politik im weitesten Sinn. Es kommt ja immer darauf an, was man jetzt zur Politik zählt, wir bleiben nicht bei der reinen Parteipolitik, wir widmen uns durchaus auch gesellschaftspolitischen Themen, die in der Luft liegen. Zum Beispiel das Thema „Rauchen“. Das ist eines, das alle Leute bewegt. Oder dass man halt einmal auch über Promis spricht; oder über bestimmte Phänomene, die unser Leben, unsere Gesellschaft bestimmen, bis hin zu Themen wie „Biologische Landwirtschaft“ oder „Kuhhaltung und Touristen“. Also das wollen wir schon weit verstanden wissen, da kommt ein sehr breit gefächertes Spektrum zusammen.

tele: Vor zwei Jahren lief ja im ORF – mit recht guten Quoten – „Tagespresse aktuell“, verschwand aber nach einer Staffel aus dem Programm. Im Vergleich mit Satire-Formaten wie diesem – wie ist da Ihr Anspruch?
Klien: Ich denke, für eine Sendung wie die meine kann’s kein anderes Vorbild geben als Barbara Karlich (lacht). 20 Jahre im TV! Es ist natürlich mein erklärtes Ziel, die Nachfolge der „Barbara Karlich Show“ (Anm.: Jubiläums-Hauptabendsendung am 23.10., u.a. mit Stermann & Grissemann) anzutreten, jedenfalls was die Laufzeit anbelangt.

tele: Sie lösen also Barbara Karlich ab, können wir das so festhalten?
Klien (lacht): Na ja, es trifft sich auch insofern gut, weil „Gute Nacht Österreich“ von derselben Produktionsfirma gemacht wird, da schließt sich der Bogen … (lacht) Nein, man kann natürlich solche Dinge schwer planen. Man kann immer nur sein Bestes geben und dann hoffen, dass es auch auf Resonanz stößt, Zustimmung findet, die Leute begeistert. Das ist ganz klar das Ziel. Aber es würde mich natürlich freuen, sollte sich die Sendung langfristig etablieren.

tele: Wie schonungslos wird denn das Ganze? Gehen Sie bewusst dorthin, wo’s weh tut? Und macht man sich vorher Gedanken, wie stark man Themen ausreizen soll?
Klien: Nein, und das ist für mich ein Zeichen, dass sich an meinem Stil nicht viel ändern wird. Natürlich stehe ich jetzt nicht mehr 1:1 den Politikern gegenüber, aber ich werde weiterhin versuchen, die Dinge auf den Punkt zu bringen, in einer überraschenden, nicht vorhersehbaren Art. Ich werde natürlich weiter versuchen, die Leute durcheinander zu bringen und vielleicht durch gezielte Wortmeldungen zu provozieren. Ich glaube aber umgekehrt auch nicht, dass irgendjemand ein Interesse hat, mir einen Maulkorb zu verpassen. Es ist der ORF dann in vielerlei Hinsicht doch mutiger, als man ihm das zutrauen würde. Wenn ich an die ganzen Beiträge denke, die ich für „Willkommen Österreich“ gemacht hab da ist der ORF ja auch dahintergestanden. Wenn’s nicht gepasst hätte, wär’s nicht auf Sendung gegangen.

tele: Sie haben in den letzten Jahren doch einen hohen Bekanntheitsgrad erlangt. Ist das ein Fluch – oder auch ein Segen für ihre Arbeit?
Klien: Ich komme mit beidem gut zurecht, ehrlich gesagt. Ich habe mich jetzt schon dran gewöhnt. Es lässt sich ja auf lange Sicht nicht vermeiden, dass mich die Menschen erkennen. Aber es stört die Arbeit nicht. Es haben mich zum Beispiel bei der letzten Reportage anlässlich der EU-Wahl, die ja im Mai war, wirklich alle Gesprächspartner gekannt. So gut wie alle haben dann aber auch versucht, mit mir mitzuhalten. Und es haben viele die Art und Weise, wie ich mit ihnen umgehe, schätzen oder lieben gelernt. Die lachen dann auch über sich selber, und sehen das als sportliche Herausforderung, im Gespräch mit mir bestehen zu können. Klar ist dieser Partisaneneffekt weg, dass man irgendwie aus dem Gebüsch heraus die ärgsten Fragen stellt. Das war am Anfang toll, lässt sich aber natürlich in dieser Form nicht wiederholen.

tele: Fühlen Sie sich als spätberufener Kabarettist? Sie waren ja schon fast vierzig, als Sie in die Szene eingestiegen sind.
Klien: Ja, das stimmt. Ich muss allerdings dazu sagen, dass ich dieses Kabarett-Gen, dieses Bühnen-Gen, immer schon gehabt hab. Schon in der Kindheit, in der Schule, auf der Universität. Ich hab immer Texte geschrieben, bin wahnsinnig gern auf der Bühne gestanden. Ich hab’s halt immer für etwas gehalten, mit dem man kein Geld verdienen kann, oder wo ich mir unsicher war, mir gedacht hab, das sei zu wenig seriös. Ich hab dann eben die seriöse berufliche Tätigkeit dem vorgezogen. Aber es war dazwischen immer auch die Komik da, ich hab schon immer lustige Vorträge gehalten und geschaut, dass meine Vorlesungen vergnüglich waren. Das hat sich einfach ein bisschen rausgezögert, aber ich hab dann irgendwann doch beschlossen, dass ich es probieren will. Ja, aber dass es dann so einschlägt, damit hab ich natürlich auch nicht rechnen können.

tele: Sie haben bei ihrem Einstieg als Kabarettist gleich bei einem Wettbewerb den Goldenen Neulingsnagel gewonnen. Halten Sie den in Ehren, wo befindet er sich?
Klien: Der hat einen Ehrenplatz in meiner Stellage. Also ganz ehrlich, damals hat mir das schon was bedeutet, das fand ich echt toll! Gleich am Anfang diesen Zuspruch zu bekommen. Das war nämlich einer meiner ersten Bühnenauftritte in einem echten Theater. Und das hat mich natürlich sehr motiviert, muss ich sagen. Es war ein guter Ansporn weiterzumachen.

tele: Sie waren kürzlich mit „Reporter ohne Grenzen“ auch im ORF-Sommerkabarett zu sehen. Erfüllt Sie das mit Stolz? Adelt es einen Späteinsteiger, in diesem Format gemeinsam mit Vitásek, Stipsits und Co vorzukommen?
Klien: Na, das auf jeden Fall. Wenn man Kabarett macht, gehört das zu den Dingen, von denen man träumt. Im Oktober kommt dann ja auch die DVD heraus, in der Edition „Best of Kabarett“ – auch das ist ein Umstand, der mich sehr freut. Das sind wieder zwei Punkte auf der Lebensliste, die ich abhaken kann …

tele: Wann darf man mit ihrem fünften Bühnenprogramm rechnen?
Klien: Dazu kann ich noch nichts sagen. Ich hoffe natürlich, dass die Sendung sehr lange läuft, sie ist ja vom ORF länger beauftragt, somit über einen längeren Zeitraum vorgesehen. Wenn sie erfolgreich ist, wenn das Publikum mitgeht, werde ich bis auf Weiteres mal keine Auftritte machen. Die Sendung wird ja wöchentlich produziert, das ist sehr anstrengend. Wann es dann wieder auf die Bühne zurückgeht, muss ich in Abstimmung mit den TV-Sendungen entscheiden.

tele: Sind Sie bei „Willkommen Österreich“ noch als Gag-Autor dabei?
Klien: Nein, ich bin jetzt nur noch Gag-Autor für „Gute Nacht Österreich … (schmunzelt) Ich war ja auch schon in der letzten Staffel von „Willkommen Österreich“ nicht mehr Gag-Schreiber, weil ich sehr viel unterwegs war, mit vielen Auftritten. Die Reportagen hab ich natürlich gemacht, aber für alles andere war keine Zeit mehr. Gag-Autor war ich sechs Jahre lang, von 2012 bis 2018. Das war natürlich eine super Schule, für alles was mit Kabarett zu tun hat, weil man jede Woche Witze schreiben muss, egal was passiert, was ganz Großes – oder gar nix! Ich hab’ das sehr geliebt, aber es ist sich einfach zeitmäßig nicht mehr ausgegangen.

tele: Wenn Sie nun nach der Aufzeichnung der wöchentlichen Show von aktuellen Ereignissen, die ein gefundenes Fressen für den Satiriker sind, überholt werden – können sie damit gut umgehen?
Klien: Sehr gut. Man lernt ja, das einzubeziehen. Klar ist das eine der Säulen für erfolgreiche Satire, Comedy oder Kabarett, dass man aktuell ist. Das Problem ist, dass die Aktualität zunehmend eine kürzere Halbwertszeit hat. Also heute ist etwas nach zwei Tagen schon gar nicht mehr aktuell, wo man früher noch die Nachbeben gespürt hätte. Es wird halt sofort die nächste Sau durch das Dorf getrieben (lacht), man hat nur ein paar Stunden Zeit, zu reagieren. Das muss man natürlich auf den sozialen Medien machen, deshalb werde ich da stark präsent sein, gerade mit einer Politsatire-Sendung. Ich bin daran gewöhnt, schnell zu reagieren – und das macht mir auch Spaß.

 Interview: Franz Jellen.

Der Aktionsradius des Herrn Klien

Er ist Kabarettist, studierter Philosoph und Uni-Lektor, arbeitete 25 Jahre im Bibliothekswesen und versteht es ausgezeichnet, Politiker mit unkonventionellen Fragen zu verunsichern.

Das TV-Publikum kennt Peter Klien vor allem als furchtlosen Interviewer, der sich bei seinen Außeneinsätzen auf Parteitagen oder anderen Polit-Events kein Blatt vor den Mund nimmt. Der spätberufene Kabarettist, seit Abschluss seines Studiums Lektor am Institut für Philosophie an der Uni Wien und langjähriger Pressesprecher des Österreichischen Bibliothekenverbundes, stieg 2009 „als einziger Nachwuchskabarettist mit grauen Haaren“ in die Szene ein und gewann bei einem Wett­bewerb prompt den „Goldenen Neulingsnagel“, was ihn heute noch mit Stolz erfüllt. Mit seinem vierten Kabarett-Programm „Reporter ohne Grenzen“ war Klien, der nächstes Jahr seinen 50er feiert, zuletzt im „ORF-Sommerkabarett“ zu sehen. Thematisch geht’s darin um sein Schaffen für „Willkommen Österreich“, das ihn im TV zum Satire-Star machte.

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