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Cannes, erste Highlights

Cannes, erste Highlights
© Picturedesk
Veröffentlicht:
15.05.2018
Kalte Kriege, unerzählte Geschichten, ein durchgeknallter Fußballstar und Herr Cage auf legendärem Rachefeldzug.

Von Julia Pühringer

Es kommt, wie’s kommen muss: Über den Eröffnungsfilm „Everybody Knows“ spricht abgesehen von der Anwesenheit seiner Stars, dem Real-Life-Star-Ehepaar Penélope Cruz und Javier Bardem, schon zwei Tage später niemand mehr, zu schal ist die Geschichte eines Beziehungsdramas, da nützt es auch nichts, dass Asghar Farhadi („A Separation“, „The Salesman“) Regie führte. Erste Standing Ovations gab es für „Cold War“, die bildgewaltige Romanze in Schwarzweiß von Pawel Pawlikowski, ist durchaus stylischer Arthouse-Liebeskitsch, wie man ihn hier – und anderswo – schätzt. Die tragische Geschichte eines ausgewanderten Ostblock-Musikers, der seine große Liebe nicht vergessen kann – was natürlich noch längst nicht bedeutet, dass die beiden glücklich werden, wenn sie wieder (und wieder, und wieder und …) aufeinandertreffen. Im Hintergrund läuft Jazzmusik, immerhin. Man diskutiert, man raucht, man trinkt.

Erste Lobeshymnen hört man über „Border“ von Ali Abbasi, es geht um eine Zollbeamtin mit speziellem Geruchssinn, und nein, viel mehr sollte man im Vorhinein auch gar nicht über diesen Film verraten. Er beschäftigt sich jedenfalls mit mehr großen Fragestellungen der menschlichen Existenz als so manch anderer Film, der hier vorgibt, sich sehr ernsthaft damit zu befassen.

„Was zur Hölle ist das?“

Mandy 2018 film

Der aberwitzige Mitternachtsfilm „Diamantino“ sorgt im Genre „Was zur Hölle ist das?“ für Aufregung, es geht um einen Fußball-Star am absteigenden Ast, der seine Karriere verbockt hat und in seiner aberwitzigen Story auch gleich die Flüchtlingskrise mitnimmt (eh). In dieselbe Kategorie fällt wohl auch „Mandy“, in dem Nicolas Cage auf blutrünstigen Rachezug geht. Immerhin: Die Fans freuen sich.


Es war letztlich die Doku „Be natural :The untold Story of Alice Guy-Blaché”, die filmhistorisch bis dato am mitreißendsten war. Pamela B. Greens Doku über die erste Filmpionierin der Welt (und ja, sie war wohl der erste Mensch, der so bald und in dieser schier unüberblickbaren Menge Filme produzierte) besticht durch eine einfallsreiche Erzählstruktur, die mit Hilfe von Animation die schier untransportierbare Menge an recherchierten Details geschickt unterbringt, und ist in ihrer Erinnerung daran, wie vielen Filmemacherinnen es von einer männlich dominierten Erzählung über die Filmgeschichte ihr gerechter Platz in ebendieser gnadenlos verwehrt wurde, in Cannes genau am richtigen Platz. Filmemacherinnen bekommen hier auch heuer noch nicht genug Raum – zumindest nicht im Wettbewerb. Ein Film der mitreißt und immer noch zornig macht, hoffentlich auch irgendwann in Österreich zu sehen.

10.61.5.114