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Interview Marianne Hengl

Interview Marianne Hengl
© ORF
Veröffentlicht:
29.12.2017
Auf Augenhöhe

Seit über fünf Jahren bietet das Format „Gipfel-Sieg – Der Wille versetzt Berge“ behinderten Menschen eine TV-Plattform. Wir baten die Erfinderin der Sendung, Marianne Hengl, im Café Sacher in Innsbruck zum Interview.

tele: Frau Hengl, Sie sind Obfrau und Geschäftsführerin von RollOn Austria – „Wir sind behindert“. Seit wann gibt es diesen Verein, und was macht er?

Marianne Hengl: Den Verein gibt es seit 1989, seitdem führe ich ihn. Gegründet wurde er von slw Soziale Dienste der Kapuziner, die haben mich zur Obfrau bestellt. RollOn Austria trägt den Zusatz „Wir sind behindert“ im Namen: Wir drücken damit aus, dass wir selbstbewusst zu unserem behinderten Körper stehen. Es war mir wichtig, dass das nicht eine weitere Kaffeekränzchenpartie wird, sondern darum, für Menschen mit Behinderungen eine Lobby zu schaffen. Vor 28 Jahren war der behinderte Mensch ja noch nicht so anerkannt in der Gesellschaft, wie er es heute ist, und das ist auch auf unsere Öffentlichkeitsarbeit zurückzuführen. Ich bin überzeugt davon, dass man Berührungsängste nur abbauen kann, wenn man das Thema offen zur Sprache bringt.

tele: Punkto Barrierefreiheit hat sich in den vergangenen Jahrzehnten einiges getan. Was wären aus Ihrer Sicht die nächsten notwendigen Schritte zur Integration behinderter Menschen in die Gesellschaft?

Marianne Hengl: Es beginnt bei den heutigen Möglichkeiten der Pränataldiagnostik: Der Paragraf 97b, der die Abtreibung eines behinderten Kindes bis wenige Stunden vor der Geburt erlaubt, stellt eine ungeheure Diskriminierung dar. Behinderte Menschen haben das Recht zu leben wie jeder andere auch. Großen Nachholbedarf sehe ich außerdem bei der Einbindung und beim Einfließenlassen des Know-hows von behinderten Menschen in gesellschaftliche Entscheidungen. Und Arbeitgeber müssten noch viel mehr darüber informiert werden, wie behinderte Menschen besser in den Arbeitsprozess integriert werden können.

tele: Im Jahr 2012 haben Sie das Konzept zur Sendung „Gipfel-Sieg“ aus der Taufe gehoben. Was stand am Beginn?

Marianne Hengl: Es ging mir darum, das Bild, das man gemeinhin von behinderten Menschen hat, geradezurücken, und ich arbeitete mit meiner Mitarbeiterin Melanie Steinbacher dahingehend ein Konzept für eine Fernsehsendung aus. Dr. Helmut Kaiser vom ORF Salzburg, der ORF III mitgegründet hat, gefiel das sehr gut. Schließlich erklärte sich Barbara Stöckl, mit der ich schon viele Jahre befreundet bin, bereit, die Moderation zu übernehmen – und „Gipfel-Sieg“ war geboren. Die Sendung läuft unter dem Motto „Fernsehstar trifft eine Persönlichkeit mit Behinderung“, der Alltag des behinderten Menschen wird in Zuspielern oder Fotos gezeigt. Zum Start 2012 hatten wir beispielsweise Felix Mitterer und den blinden Bergsteiger Andi Holzer, bis dato sind 20 weitere Folgen entstanden.

tele: Können auf den Rollstuhl angewiesene TV-Ermittler wie Major Peter Palfinger (Florian Teichtmeister in „Die Toten von Salzburg“, Anm.) oder TV-Ärzte (Simon Schwarz, „Die Eifelpraxis“) zur besseren Akzeptanz behinderter Menschen beitragen?

Marianne Hengl: Die können sicher etwas dazu beitragen. Viel lieber wäre mir allerdings, wenn nicht Schauspieler behinderte Menschen, sondern behinderte Schauspieler Menschen darstellen würden. Ich denke da an Dr. Peter Radtke. 

Interviews

Interview Marianne Hengl
Interviews, 29. Dezember 2017
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