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Der Gentleman: Richard Gere

Der Gentleman: Richard Gere
© Picturedesk
Veröffentlicht:
08.06.2017
Wir haben für euch Schauspiellegende Richard Gere interviewt! Zu seinem neuen Film „The Dinner“ hat er mit tele über seine Familie geplaudert, über seine Lieblingsfilme und, eh klar, auch über den Dalai Lama.

Im bösen Gesellschaftsdrama „The Dinner“ spielt Hollywood-Star Richard Gere einen aalglatten Politiker. Ein Gespräch über Kinder, Ehrlichkeit und Moral. 

Gere zu treffen ist fast genauso, wie man es sich vorstellt: Da sitzt ein kluger Mann mit viel Meinung, der, so scheint es zumindest, erstaunlich offen aus seinem Leben erzählt.

tele: Im Film geht es um Moral, um Ethik …
Richard Gere: Aber überhaupt nicht! Es geht ums Essen (lacht).

Ihnen sind Toleranz und Dialog wichtig, haben Sie das selbst von Ihren Eltern geerbt?
Richard Gere: Ich glaube, das ist uns angeboren. Wir alle reagieren auf Güte. Wenn man einen Raum betritt und alle lächeln, haben freundliche Gedanken, dann hat man ein ganz anderes Gefühl, als wenn alle „fuck you“ denken, oder? Normalerweise entwickeln wir uns ja weiter. Aber wir befinden uns gerade an einem Moment der Rückentwicklung in diese primitive, dunkle Richtung, die auf Angst und Unwissenheit basiert. Das wird sich wieder umkehren, die anderen Kräfte manifestieren sich schon. Die Frauenmärsche auf der ganzen Welt sind beispielsweise eine unglaublich starke Bewegung.

Ist Ihnen Ehrlichkeit in der Beziehung zu Ihren Kindern wichtig?
Richard Gere: Das erschaffen nicht wir, das ist quasi schon da. Man kann es zerstören, aber wir haben ihn angeboren, diesen Sinn für Mitleid, Güte, Verbundenheit, Verantwortlichkeit. Aber derzeit machen wir gerade das völlige Gegenteil. Wir sagen: „Du bist anders“. Diese Trump-Botschaft – „Ich zuerst“, „Amerika zuerst“, „Weiße Männer zuerst“ – die zerstört diese Impulse. Als Trump gewählt wurde, kam mein Sohn aus der Schule und erzählte mir, dass Kinder in der Klasse geweint haben. Das kommt aus diesem Gefühl, dass unsere Welt Kopf steht. Das Gute hat verloren.

the dinner 04 950 c tobis filmDas ist Ihr dritter Film mit Laura Linney?
Richard Gere: Ja, sie drehte ihren allererster Kinofilm mit mir, „Zwielicht“, sie hatte vorher nur Fernsehen gemacht. Das war eine echt gute Rolle. Wir haben mit mehreren Schauspielerinnen einige Szenen getestet. Sie kam und hatte es einfach drauf. Ihr Talent, ihr Engagement, das war alles da. Schon die Proben waren fantastisch. Wir haben dann gar niemand anderen mehr vorsprechen lassen. Sie hatte die Rolle in der Tasche.

Im Film spielt Steve Coogan ihren Bruder, es gibt da diese Rivalität. Wie geht es Ihnen mit Ihren Geschwistern?
Richard Gere: Ich habe drei Schwestern und einen Bruder. Aber wir streiten uns nicht. Mit meinem kleinen Bruder hab ich so einen Schmäh rennen, dass ihn meine Mutter immer lieber gehabt hat. Aber das ist nur ein Scherz. Wir verstehen uns unglaublich gut und ich habe lange nicht verstanden, wie selten das eigentlich ist, dass sich alle wirklich gern haben. Dass man sich gegenseitig den Rücken freihält und sich unterstützt. So ist das bei uns noch heute.

Im Film geht es um die Manipulation von Wahrheit …
Richard Gere: Man kann die Figuren dabei beobachten, wie sie die Geschichte drehen und wenden, nach ihren eigenen Bedürfnissen und der jeweiligen Entscheidung, wie ihre Zukunft aussehen soll. Und wenn diese Zukunft nicht zu den Fakten passt, dann ändert man eben die Fakten. Meine Figur muss stark genug sein, eine umfassende moralische Entscheidung zu treffen, auch wenn sie ein paar Menschen verletzen wird.

Regisseur Oren Moverman hat den Film „trumpisch“ genannt ...
Richard Gere: Als wir begonnen haben, an dem Film zu arbeiten, gab es ja noch keinen Trump.
Aber natürlich war der Gedanke der Verantwortlichkeit schon immer Teil des Projektes für mich. Wir sind verantwortlich für unsere Kinder, wir sind verantwortlich dafür, dass sie sicher durch ihre Kindheit und ihre Teenagerjahre steuern, in dem man einen Sinn für Verantwortlichkeit schafft, Fürsorge, Sanftheit.

Wie versuchen Sie das mit Ihrem eigenen Sohn umzusetzen?
Richard Gere: Genauso. Es geht um die Verantwortlichkeit unseren Kindern gegenüber. Es gibt diese Szene im Film, in der ich sage: „Wir sind verantwortlich. Wir haben zugelassen, dass unsere Kinder unseren Einflussbereich verlassen haben und vielleicht war auch unser Einfluss nicht gut genug, sie haben ihn nicht gespürt“. Wir sind getrennt von unseren Kindern und sie sind dunklen Mächten ausgeliefert. Sobald Trump damit begonnen hat, die Sprache zu vereinnahmen und die derbste Sprache zu verwenden, ist die Zahl der Hassverbrechen gestiegen. Der Antisemitismus ist wieder gestiegen, auch in Europa. Dieses Gefühl, der andere sei weniger als ein Mensch, beginnt mit der Vereinnahmung der Sprache. Ein „Flüchtling“ war früher jemand, der Hilfe brauchte. Heute steht das Wort für jemanden, vor dem man sich fürchtet. Das Wort wird sogar synonym mit Terrorismus verwendet. Diese Vereinnahmung dieser Begriffe ist extrem gefährlich. Man erlebt das auf der ganzen Welt.

Sie spielen einen berühmten Mann in diesem Film. Im echten Leben sind Sie das ja auch. Wie ist es Ihnen gelungen, dass es Ihnen nicht zu Kopfe gestiegen ist, dass Sie nicht wurden wie Ihr eigenes Image?
Richard Gere: Wissen Sie, auf das Berühmtsein kann man sich nicht vorbereiten. Das haben Sie sicher schon öfter gehört, aber es stimmt. Es passiert einem. Und dann geht man damit um, findet raus, wie's geht. Oder nicht. Wir alle haben Leute gesehen, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht in der Lage waren, damit umzugehen. Die dieser Prozess zerstört hat. Ich hatte das Glück, dass mich meine Familie sehr geerdet hat. Ganz besonders mein Vater. Und offensichtlich hat meine Zuwendung zum Buddhismus geholfen und die letzten 35 Jahre, in denen ich mit seiner Heiligkeit dem Dalai Lama zu tun hatte. In seiner Anwesenheit kann man diese albernen Dinge nicht ernst nehmen.

Was für ein Mann war Ihr Vater?
Richard Gere: Er lebt noch! Sehr warmherzig, gesellig. Er ist 94 Jahre alt. Er ist unglaublich interessiert, berührend, einer, der sich gern kümmert. So war er immer schon. Er ist auf einem Bauernhof aufgewachsen und hat Kühe gemolken. Er ist als ganz junger Mann im Zweiten Weltkrieg zur Navy gegangen. Ein sehr amerikanischer Mensch, ganz am Boden der Tatsachen. Er ist ein Bauer. Seine Familie war auch immer sehr geerdet, sie sind sich alle sehr nahegestanden. Sein Hauptberuf war Versicherungsverkäufer. In der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, war er sehr engagiert, wenn es um den Schutz seiner Nachbarn ging. Wenn es brannte, hat man ihn angerufen. Wenn es einen Autounfall gab oder ein gesundheitliches Problem. Und ich glaube, wie haben uns alle gewünscht, er hätte mehr Zeit mit uns verbracht, weil er ständig unterwegs war und geholfen hat und sich mit den Problemen anderer Leute befasste. Er ist sehr religiös, religiös in der Art, wie Bauern es sind. Verbunden mit den Kräften des Universums. Das hatte einen Einfluss auf mich und hat es immer noch.

Haben Sie Lieblingsfilme vom Beginn Ihrer Karriere? „American Gigolo“ ist inzwischen zum Kultfilm avanciert …
Richard Gere: Darauf habe ich keine Antwort. Alle Filme haben etwas. Manche davon haben allerdings definitiv mehr Spaß gemacht als andere. „Pretty Woman“ hat sehr viel Spaß gemacht. „Chicago“ auch, vom Anfang bis zum Ende. Noch dazu mit Rob Marshall. Wir haben acht Wochen lang Singen und Tanz geprobt und ich hatte kein Musical mehr gemacht, seitdem ich ein junger Hund am Broadway war. Ich hatte völlig vergessen, wieviel Spaß das macht.

 

Das Interview führte Julia Pühringer bei der diesjährigen Berlinale.

Zum Film: The Dinner


Das Abendessen ist exklusiv, und es liegt allen im Magen: Der aufstrebende Staatsmann (Richard Gere), seine junge Frau (Rebecca Hall, „Vicky Cristina Barcelona“), sein mental instabiler und eifersüchtiger Bruder (Steve Coogan, „Philomena“) sowie dessen duldende Gattin (Laura Linney, „The Big C“) haben im noblen Ambiente des Haubenlokals ein hässliches Familiengeheimnis zu klären. Es geht um die Zukunft ihrer Kinder. Alte Gräben brechen auf … Oren Moverman, Autor des genialen Bob-Dylan-Biopics „I‘m Not There“ sowie von „Rampart“ (auch Regie) führt seine Star-Besetzung durch einen emotionalen Spießrutenlauf zwischen Haubengang und Lagenwein. Dabei verzettelt er sich ein bisschen, das fantastische Ensemble führt die Story jedoch zu einem sensationellen Showdown.
Filmstart: 8.6.

10.61.5.114