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Cannes 2017: Erste Highlights und Enttäuschungen aus Cannes

Cannes 2017: Erste Highlights und Enttäuschungen aus Cannes
© Picturedesk
Veröffentlicht:
20.05.2017
Aufregung über Netflix-Film „Okja“, fantastische Filme von Valeska Grisebach und Agnes Varda.

Es gibt den Mythos, dass in Cannes die weltbesten Filme laufen. Das stimmt allerdings nur gelegentlich. Da man sich hier auch der Repräsentation des französischen Kinos verpflichtet fühlt. Der Eröffnungsfilm „Les Fantômes d'Ismaël” von Arnaud Desplechin ist also „sehr französisch“ und handlungstechnisch sehr selbstreferenziell: Es geht um einen Regisseur (Mathieu Amalric, in Cannes auch mit seinem eigenen Film „Barbara“ vertreten), der zwischen seiner Ex-Frau und seiner neuen Frau hin- und hergerissen ist, die Kritiken waren durchwachsen. Am roten Teppich sorgten bei der Eröffnung die Hauptdarstellerinnen Marion Cotillard und Charlotte Gainsbourg für Furore, ebenfalls zu Gast waren Susan Sarandon (Bild), Julianne Moore, Elle Fanning, Jessica Chastain und die Jurymitglieder Will Smith und Pedro Almodovar.

Erste Filme

Gleich am nächsten Tag ging es durchschnittlich weiter. Todd Haynes, der Filmemacher sympathischer Filme wie „Velvet Goldmine“, „I’m Not there“ und „Carol“ portraitiert in „Wonderstruck“ einen jungen Buben, der in den 1970ern seinen Vater in New York sucht, sowie eine junge Frau, die es in den schwarzweißen 1920ern ebenfalls in der großen Stadt zu etwas bringen will. Beide ProtagonistInnen sind taub (wie auch eine Darstellerin). Doch die Storys bleiben Plattitüden und der Soundtrack, der alle Gefühle einzeln vorspringt, ist angesichts des Themas besonders absurd. Aber auch ein Großmeister kann nicht immer nur gute Filme machen.

Erste Highlights

WesternEinen großen Wurf lieferte dafür die deutsche Regisseurin Valeska Grisebach mit „Western“ ab, in dem eine Truppe Bauarbeiter auf Montage in Bulgarien mit den dortigen Bewohnern aufeinandertreffen. Eine hochspannende Studie darüber, wie man auch im echten Leben Männlichkeit darstellt und quasi „ausübt“, welche Codes und welche Riten dabei schlagend werden. Und nebenbei auch ein sehr vergnüglicher Film in berauschender Landschaft hinterlegt mit Zikadengesang, in dem erstaunlich wenig passiert, dafür aber mit umso mehr Gefühl. Herausragend ist vor allem Hauptdarsteller Meinhard Neumann mit Westerngesicht und Cowboyhut, an sich Schauspiellaie, der per Zufall am Pferdemarkt gecastet wurde.



Gesichter und Dörfer

In „Villages/Visages“ zieht es die französische Kinoikone Agnes Varda mit dem Fotokünstler JR hinaus aufs französische Land. In kleinen Städten und Dörfern plakatiert das optisch, größentechnisch und auch an Jahren ungleiche Paar haushohe Plakate von Fotos der Bewohnerinnen an Gebäuden hoch und stellt dabei für einen kurzen Moment Alltag und Arbeitsleben der Mitwirkenden auf den Kopf. Mit ungemeiner Leichtigkeit, viel Augenzwinkern und sehr spektakulären Bildern erzählen die beiden gleichzeitig von einer veränderten (Arbeits-)Welt und vom Leben auf dem Land. Ein hinreißender Film von zwei Menschen, die dabei offenbar viel Spaß hatten.


Echte und falsche Streitereien

OkjaIn Cannes haben heuer erstmals Filme Prämiere, die von On-Demand-Anbietern finanziert wurden, was für einige Grundsatzdiskussionen sorgte. Darf ein Film, der letztlich nur im Fernsehen laufen wird, im Wettbewerb eines Filmfestivals laufen? Anlassfall war u.a. die Netflix-Produktion „Okja“ von Bong Joon Ho (Regisseur des fantastischen Zug-Irrsinnsfilms „Snowpiercer“). Bei der Premiere wurde das Netflix-Logo ausgebuht, wegen einer technischen Panne musste kurz abgebrochen werden, die Pressemeute im Saal ließ einen wahren Proteststurm erklingen. Doch kurz nach Filmstart war klar: „Okja“, ein echtes „creature feature“ über ein genmutiertes Riesenschwein, das von seiner besten Freundin vor einem bösen Ende beschützt werden muss, ist einfach ein fantastischer Film. Er ist klug, witzig, verwegen, unglaublich liebeswert, hat geniale Verfolgungsjagden, super Kameraarbeit, eine hinreißende Besetzung (Tilda Swinton! Paul Dano! Lily Collins!) und hat auch noch ein tatsächliches Thema. Die kämpferische Mija spielt Neuentdeckung Seo-Hyun Ahn.


Wer hier bei Netflix buht, sollte wohl eher bei der Filmindustrie anklopfen, warum Filme wie dieser so selten zu finden sind.

Für tele aus Cannes: Julia Pühringer

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