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Süchtig nach Bewunderung

Süchtig nach Bewunderung
© Thinkstock
Veröffentlicht:
08.11.2016
Sie sind Meister des ersten Eindrucks, charismatisch, charmant und von sich selbst absolut überzeugt. Eigenschaften eines Narzissten? tele im Talk mit Gerti Senger.

Narziss, der Jüngling der Antike, verschmähte jede Liebe und wird von der Rachegöttin Nemesis mit unstillbarer Selbstliebe bestraft, die letztlich zu seinem Untergang führt. Der moderne Begriff des Narzissmus steht für die auffällige Selbstverliebtheit eines Menschen und die damit einhergehende übertriebene Selbstbezogenheit und mangelnde Empathiefähigkeit. Doch steckt nicht in jedem von uns ein Narziss?

tele: Was verstehen Sie unter Narzissmus, und welcher Unterschied besteht zwischen „gesundem“ und „pathologischen“ Narzissmus?
Gerti Senger: Nach neueren Narzissmus-Interpretationen (es gibt seit einem halben Jahrhundert etliche verschiedene, Anm.) ist unter „Narzissmus“ die affektive Einstellung zu sich selbst, in diesem Sinne also das „Selbstwertgefühl“ zu verstehen. Von gesundem Narzissmus ist die Rede, wenn dieses affektive Einstellung realitätsgerecht ist. Pathologischer Narzissmus ist demnach nicht realitätsgerecht. Typisch dafür sind die Abwertung der Mitmenschen, Mangel an Neugier und an Einfühlungsvermögen. Narzissten reagieren auf Kritik mit großer, oft nicht gezeigter Scham. Auch innere Leere, die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten bzw. Eigenschaften sind Merkmale eines pathologischen Narzissten. Ausbeuterische Anspruchshaltung, unterdrückte Wut, Hypochondrie, Oberflächlichkeit und eine Pseudo-Selbsteinsicht sind weitere krankhafte Ausprägungen.

Steckt nicht in jedem ein Narziss?
Ein gesunder, vitaler Narzissmus sollte in jedem Menschen stecken, damit er sein Gleichgewicht und seinen Platz im Leben finden und behaupten kann.

Ist Narzissmus mehr ein männliches oder ein weibliches Problem?
Er kommt bei Frauen und Männern vor, ist allerdings geschlechtsspezifisch ausgeprägt. Charakteristisch für männlichen Narzissmus sind Grandiosität und Macht, für weiblichen eine Pseudo-Überangepasstheit – sie definieren sich über einen idealisierten Mann. Männer sind aggressiv, Frauen eher passiv-aggressiv, im Sinne von Verhindern.

Fördern neue Medien wie Facebook oder Twitter den Narzissmus?
Ja, die neuen Medien sind für Narzissen perfekte Projektionsflächen zur Spiegelung und Verbreitung eines überhöhten Idealselbst.

Im heutigen Berufsleben wird von jedem eine gewisse „Selbstvermarktung“ und Charisma erwartet. Kann das zum Problem werden?
Die heutigen Gesellschaftsformen machen neue Lebensstrategien notwendig – der neue Narzissmus scheint dazu geeignet zu sein, mit den Anforderungen unserer Zeit – optimale Performance, Selbstvermarktung usw. – umgehen zu können. Zum Problem wird das, wenn durch diese Maske der Kern des Selbst gar nicht mehr gespürt wird und es zu einer Selbstentfremdung mit allen Folgen kommt – sich wie tot oder leer fühlen, Beziehungsstörungen.

Leidet beim Narzissten mehr er selbst oder seine Umgebung?
Im allgemeinen leidet die Umgebung, da die charakteristischen Eigenschaften des Narzissen – abgesehen von seinem, fürs erste gewinnenden Wesen – strapaziös sind und tiefe, ausbalancierte Beziehungen erschweren

 

 

 

Zur Person: Prof. Dr. Gerti Senger

orf GertiSenger

• Studium der Psychologie und Pädagogik, Klinische- und Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin.
• Mitbegründerin und Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des Instituts für angewandte Tiefenpsychologie.
• Verleihung „Journalistin des Jahres 2009“ (Ratgeber - Lebenshilfe).
• IMAGO-Paartherapeutin und Lehrbeauftragte der Universität Wien & der Sigmund Freud Universität.
• Verheiratet mit dem Lebensberater und Sexualpädagogen Iwi Ernst.

 

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