0%
 
Das österreichische Fernsehmagazin

Zuhause bei Familie Strauss

start
© tele, Monika Saulich

An der schönen grauen Wienzeile

Wenn es in der Wohnung von Familie Strauss zieht, ist das ein gutes Zeichen. Weil guter Walzer ziehen muss. tele war zu Besuch bei den Nachfahren der weltberühmten Musiker-Dynastie und sprach mit ihnen übers Fernsehen, Lebensfreude und das Neujahrskonzert.

Schon der Eingangsbereich des Hauses im sechsten Wiener Bezirk hat Stil, genauer gesagt Jugendstil. Herrliche Fliesen-Arrangements erinnern an vergangene Zeiten – die perfekte optische Ouvertüre für den Besuch bei Dr. Eduard Strauss, dem Ur-Urenkel von Johann Strauss Vater. Beim Betreten der 130 m2 großen Altbauwohnung werden wir mit schwungvollen Walzer-Klängen empfangen. Klingt nach Strauss. Ist Strauss. Das hebt die Laune, zumal die Musik mit dem seltenen Knuspern von Vinyl Ohr und Gemüt erfreut. Ein besonderer Gruß an die tele-Journalisten?

Treten Sie ein: Bilder aus dem Strauss-Zuhause.

strauss_galerie-Start

Musikalische Begrüßung

„Nicht nur, bei uns läuft oft die Musik meiner Vorfahren“, schmunzelt der Gastgeber, der mit etwas längerem, grau meliertem Haar und Schnurrbart auch optisch an die Walzerkönige erinnert. Seine begeistert leuchtenden Augen und das gewinnende Lächeln liefern dabei erste Hinweise auf zweierlei Fakten, die sich im Lauf des Besuchs bestätigen werden. Erstens: Dr. Eduard Strauss kann sich an Strauss-Musik erfreuen wie wohl nicht viele der Millionen Strauss-Fans weltweit. Zweitens: Er hat eine Mission, will Strauss-Musik auch fernab der „Hits“ bekannt machen – und legt vielleicht auch deshalb ein nicht ganz so gängiges Stück wie den Vibrationen-Walzer auf, wenn Journalisten zu Besuch kommen.

Das „große, schwarze Tier“

Dr. Eduard Strauss wurde 1955 in Wien als Sohn des sechsten und bislang letzten Musikers der Familie – Kapellmeister Eduard Strauss (II.) – geboren. Er ist Jurist, Senatspräsident des Oberlandesgerichtes Wien und Obmann des Wiener Instituts für Strauss-Forschung. Seit 1990 lebt er mit seiner Gattin, der Pharmazeutin Mag. Susanne Strauss, in einer Altbauwohnung im sechsten Bezirk. Nähe zur U-Bahn ist wichtig für die „autolosen Stadtbewohner“, entscheidend bei der Wohnungswahl war auch, dass Platz genug für die beiden Söhne und das „große schwarze Tier“ ist, den Bösendorfer-Stutzflügel. Die Wohnung ist im Art Deco-Stil eingerichtet, die meisten der wunderschönen Möbel hat Dr. Strauss von seiner Mutter aus Krakau übernommen. Samuraischwerter, japanische Vasen und Zierteller erinnern an seinen Vater, der sechs Japan-Tourneen absolviert hat. Im Gang ist ein Gedenkplatz für Sohn Michael eingerichtet, der im Sommer wenige Tage vor seinem 24. Geburtstag an Leukämie verstorben ist. Bei der Bewältigung dieses Verlustes hilft Strauss-Musik. „Egal ob Donauwalzer, Radetzkymarsch oder weniger bekannte Stücke. Diese Musik hat Schwung, geht zu Herzen, deshalb ist sie auch so erfolgreich. Wenn man traurig ist, wird man lustig. Und wenn man lustig ist, bleibt man lustig“, meint Eduard Strauss. „Mein Vater hat mehrere Dankesbezeugungen von Japanern bekommen, die Selbstmord begehen wollten. Zum vermeintlichen Abschluss ihres Lebens besuchten noch ein Konzert meines Vaters und dann doch beschlossen: Wir wollen weiterleben.“

Die Donauwalzer-Uraufführung

An den hohen Zwischentüren, charakteristisches Merkmal von stilvollen Altbauwohnungen, hängen Original-Konzertplakate aus dem 19. Jahrhundert. Darunter eines, das die Uraufführung vom „Walzer An der Schönen Blauen Donau“ am 15. Februar 1867 ankündigt. „Warum ist das bedeutend“, fragt der Gastgeber, und gibt die Antwort gleich selbst. „Weil die Uraufführung von einem Chor war.“ Das weltberühmte Musikstück, der „Walzer aller Walzer“ war ein Auftragswerk für den Wiener Männergesang-Verein. Am 10. März 1867 wurde der „Donauwalzer“ im Volksgarten dann erstmals von einem Orchester gespielt.

Treffen am „ovalen Tisch“

„Der wichtigste Raum in der Wohnung ist das Speise- und Wohnzimmer“, erklärt Frau Strauss. Sie zeigt auf den großen ovalen Tisch. „Hier sind wir am Abend immer alle zusammen gesessen, haben alles besprochen: Die Probleme und Freuden des ausklingenden Tages, der kommenden Tage, des Lebens.“ Die berühmten Ahnen sind dabei auch präsent. An den Wänden hängen zwischen Jugendstil-Gemälden Strauss-Porträts aus dem 19. Jahrhundert. Darunter eine Radierung von Leopold Horowitz, die Johann Strauss Sohn zeigt, der auch als Büste auf den Familientisch blickt. Fernseher gibt es in diesem Zimmer keinen, „damit der Familienkreis nicht zum Halbkreis degeneriert“, erklärt Eduard Strauss. „Oft läuft im Nebenraum der Fernseher mit Zeit im Bild. Wir sind eh alle mehr fürs Hören.“

Das Geschäft machen andere

Richtig gehört wird dann im Nebenzimmer, wo das „großen schwarzen Tier“ steht, und ein Regal voll mit Büchern, Schallplatten, CDs. Auch hier: Bilder und Büsten der fünf berühmten Komponisten, die die Familie Strauss hervorgebracht hat. „Die Vorfahren erinnern mich, was noch alles zu tun ist. Im Bereich der Forschung, des etwas differenzierten Verständnisses, der Verbreitung ihrer Musik“, sagt der Gastgeber. Das Gesamt-Oeuvre umfasst 1.400 Kompositionen. Nicht alles sind Meisterwerke – aber vieles ist es wert, sich damit auseinanderzusetzen. Tipps für alle, die das Strauss-Oeuvre auch jenseits der bekannten Hits kennenlernen möchten, finden Sie hier. Strauss-Musik, das ist ein umfangreiches Werk inkl. einiger Welt-Hits, mit denen man ein „Cassabuch mit viel Haben“ erzielen kann, soll Johann Strauss Sohn, weltberühmt durch seinen „Donauwalzer“, einst gesagt haben. Dr. Eduard Strauss bekommt keine Tantiemen, da in Österreich Werke nach 70 Jahren „frei“ zur Vermarktung sind. „Dass es ein Mords-Geschäft ist, wissen wir. Aber das machen andere.“ Schmerzt das manchmal? „Nein. Ich habe einen Beruf, der mich gut ernährt, und gönne jedem sein Geschäft. Aber 1 Forschungseuro für unsere Forschungsgesellschaft, etwa aus dem Erlös jeder Strauss-DVD vom Neujahrskonzert, das wäre eine Super-Sache. Nicht für mich persönlich. Aber für die Forschung, die noch in den Anfangsstadien steckt.“ Das Neujahrskonzert wird er sich wie immer mit Gattin Susanne im Fernsehen anschauen. „Eingeladen haben sie mich noch nie, das könnten sie ruhig einmal tun, bei dem Geschäft, das sie mit der Musik meiner Vorfahren machen.“ Vom heurigen Neujahrskonzert erhofft er sich, dass es nicht „zu elegisch zugeht. Wenn die Leute ganz andächtig dasitzen, das ist nicht die Intention der Musik. Strauss-Musik war die Popmusik des 19. Jahrhunderts, da muss man auch brutal sein, nicht immer nur plingpling-blungblung. Das muss einfahren!“ Von der Werkauswahl stehe heuer einiges Spannendes auf dem Programm.

Die private Strauss-Show

Am Ende unseres Besuchs legt Dr. Strauss noch eine Platte für uns auf, den Delirienwalzer von Josef Strauss. „Hören Sie die Einleitung, wie wunderbar?“ fragt er, „hören Sie, wie das zieht? Guter Walzer muss ziehen, nicht schieben! Ziehen!“ Er begleitet uns durch das Stück, dirigiert, erklärt, alles mit leuchtenden Augen. Was er empfindet, wenn zu Silvester Millionen Menschen auf der ganzen Welt zur schönen blauen Donau ins neue Jahr „rutschen“? „Obwohl ich selbst ja nichts davon komponiert habe, bin ich ein bisschen stolz darauf.“


Von Wolfgang Knabl

10.61.5.114