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Dienstag, 06.12.2016 15:16 Uhr
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Zuhause bei Dompfarrer Toni Faber

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© tele, Monika Saulich

Seelsorge and the City

„Jedes irdische Zuhause ist nur ein Zelt, das irgendwann abgebrochen wird – so wie unser Leben“, meint Dompfarrer Toni Faber beim tele-Besuch in seiner Wohnung.

Toni Faber empfängt tele in seiner knapp 100m2 großen Dachgeschosswohnung am Stephansplatz. Er ist ein schlagfertiger Interviewpartner, seine Antworten kommen schnell und in druckreifen Sätzen – egal, ob es um die persönliche Menschwerdung, Konsumrausch oder Richie Lugner geht.

tele: Sie wohnen seit 2007 hier. Wie sehr waren Sie in die Planung dieser Wohnung involviert?

Toni Faber: Früher war hier nur ein Dachboden. Ich habe angeregt, ihn auszubauen, zwei Drittel davon zu vermieten, Wohnungen für mich und vier andere Priester zu machen. Es war eine Art Lebensprojekt, und es hat mich sehr gefreut, bei der Planung mit Prof. Anton Falkeis eigene Ideen einbringen zu können.

Wem gehört die Wohnung?

Diese Wohnung ist die Dienstwohnung des Dompfarrers, sie gehört – wie das gesamte Haus – der Kirche. Mein Nachfolger wird sie und die Art und Weise der Gestaltung hoffentlich auch wertschätzen. Die Möbel sind teilweise Erbstücke, teilweise habe ich sie von meinem Gehalt – das geringer ist als bei einem Mittelschullehrer – zusammengespart. Ich bin sehr froh, dass ich hier in einer schlichten Eleganz an einem besonderen Ort wohnen darf.

Muss ein Priester elegant wohnen?

Ich versuche, sehr viel für Arme zu tun, setze mich stark für sie ein – darf dann aber auch eine Wohnung haben, in der ich mich wohlfühle, wo ich Kraft tanken kann. Für einen kinderreichen Haushalt wäre diese Raumlösung ohne Trennwände nicht ideal. Aber für mich passt sie. Ich möchte bis 75 Dompfarrer sein. Danach werde ich meine Möbel einpacken und mein Nachfolger übernimmt diese Dienstwohnung.

Was bedeutet für Sie Weihnachten?

faber_5Weihnachten ist das absolute „Ja“ Gottes zum Menschen in seiner Endlichkeit, seiner Bodenständigkeit, ja oft Durchschnittlichkeit und Mittelmäßigkeit. Er will, dass wir weiterwachsen. Und wird selbst ein Mensch damit wir wissen: Wir sind nicht allein. Gott wird nicht in einem Palast geboren, sondern in einem Stall. Diese meine Wohnung ist natürlich kein Stall; sie ist eine Gabe, die eine Aufgabe ist. Sie ist mir gegeben, damit ich Anderen damit diene. Ich werde jetzt nicht sofort eine Flüchtlingsfamilie im Schlafzimmer einquartieren und beherbergen können – aber die Haltung muss so sein, zu besitzen, als ob die Wohnung mir nicht gehören würde. Jedes irdische Zuhause ist nur ein Zelt, das irgendwann abgebrochen wird – so wie unser eigenes Leben.

Einer market-Umfrage zufolge ist Weihnachten für die meisten Österreicher ein Familienfest mit leicht christlichem Touch. Warum ist der christliche Gedanke nur mehr am Rande präsent?

Ich bin in der Adventszeit bei etwa 50 Weihnachtsfeiern und trete bei jeder für den christlichen Kerngedanken des Weihnachtsfestes ein. Wie gut ich das schaffe, so wird es bei den Menschen ankommen. Gott sei Dank ist der liebe Gott nicht nur auf mich angewiesen. Die Umfragen muss ich akzeptieren, so ist es anscheinend bei einigen Menschen. Ich erlebe aber tausende Menschen in der Adventszeit, die frühmorgens in die Rorate gehen, gemeinsam meditieren, beten und singen, 5000 Menschen, die die Christmette besuchen, erwarten sich viel vom christlichen Weihnachtsfest. Es gibt viele, die sich nicht nur zum Kaufrausch und Glühweinrausch inspirieren lassen, sondern die die Mystik des Weihnachtsfestes ersehnen. Denen können wir etwas mitgeben.

Sehen Sie hier die Fotos aus dem Zuhause von Tompfarrer Toni Faber

Weihnachten feiern Sie wieder mit Obdachlosen, erst nach dem Stephanitag mit Ihrer Mutter?

Genau. Mein Weihnachtsfest beginnt mit der Krippenandacht am Nachmittag, zu der an die 300 Kinder kommen. Es folgt die Mozart-Vesper, dann feiere ich von 18 bis 22 Uhr „Weihnachten mit Einsamen“, lasse mir Lebensgeschichten erzählen, halte eine Mundartrede für meine einsamen Sandler – und bin selbst am meisten berührt, wenn die dann „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen. Das ist wirklich herzzerreißend, da fließen viele Tränen. Dann bereite ich mich noch eine Stunde in der Wohnung vor – bis ich von den Turmbläsern zur Mitternachtsmette in den Dom gerufen werde.

faber_16Sie nehmen auch selbst Beichten ab im Stephansdom. Wird mehr gebeichtet in der Vorweihnachtszeit?

Ja, es wird wesentlich mehr gebeichtet! Viele wollen vor Weihnachten reinen Tisch machen. Vielen wird im Advent bewusst, dass eine Beziehung nicht mehr so ist wie früher, dass in der Familie etwas nicht stimmt, sie wollen einen neuen Anfang machen. Und weil Gott zu Weihnachten, mit seiner Menschwerdung, einen neuen Anfang macht, können wir sagen: Mach´s wie Gott, werde Mensch.

Wie arbeitet man an seiner persönlichen Menschwerdung?

Man muss lernen, sich immer mehr selbst zu erkennen, selbst zu beherrschen, und alle Kräfte zu bündeln, sich selbst zu veredeln.

Nun zu etwas Profanerem: Was ist Ihr liebster Weihnachts-Film?

Ich schaue zu Weihnachten schon lange nicht mehr fern.

Welchen Weihnachtsfilm haben Sie als Kind gemocht?

Ja, da war dieser Peter Pan, der mit der Melone, der sich verwandeln konnte...

Sie meine Pan Tau?

Ja, richtig, Pan Tau. Da gibt es eine Weihnachtsepisode, die hat mir ganz gut gefallen.

Stichwort Konsum: Wie viel darf man Schenken?

Ich möchte niemandem das Schenken vermiesen. Ich achte es, wenn manche beschließen, einander nichts zu schenken. Klar ist auch: Weihnachten ohne Teilen, ohne denen etwas zu geben, die kaum etwas haben, das ist kein echtes Weihnachten. Mir sind meine Obdachlosen zu Weihnachten sehr wichtig. Aber ich bekomme gerne Geschenke, und mir fallen auch gute Geschenke für Andere ein. Das soll nicht zu einem Kaufrausch führen. Aber wenn man von sich persönlich einem anderen etwas gibt, damit der sich freut – das ist doch hoch zu schätzen.

Sie haben in einem Interview auf die Frage, ob ein Priester nicht viel aufgibt geantwortet, dass Sie manchmal, wenn Sie einen Familienvater sehen, denken, dass der viel mehr aufgibt...

Ich habe großen Respekt vor Müttern und Vätern, die enorm viel leisten und enorm viel Zeit in die Kinder investieren. Da habe ich es manchmal leichter. Ich kann viele Termine wahrnehmen, dann aber die Tür hinter mir zu machen und meine Ruhe haben. Hin und wieder werde in der Nacht zu einer Krankensalbung gerufen, ansonsten kann ich friedlich schlafen.

 

Kommen einem als Geistlichen zu Weihnachten eher Fragen wie die nach der möglichen eigenen Familie?

Natürlich muss ich auf das mögliche Familienglück verzichten. Aber zu Weihnachten bin ich so stark eingesetzt, dass ich fast schon froh bin, wenn ich nach dem 26.12. meine „sehr schwere seelsorgerische Aufgabe“ (schmunzelt) am Hospiz am Arlberg antrete. Dort habe ich aber auch meine Skilehrerprüfung gemacht und kann meine skifahrerischen Künste (lacht) für den einen oder anderen einsetzen. Ich habe bisher keinen Tag bereut, Priester und Seelsorger zu sein, weil ich neben all meiner Durchschnittlichkeit und Mittelmäßigkeit täglich erfahre, dass ich den Menschen in ihrem Lebensfluss dienen kann: von der Wiege bis zur Bahre, auf den Höhen und an den Tiefpunkten des Lebens, vom Täufling bis zum Gesellschaftstiger und Sandler – ich hab´ sie alle gern. Auch Richie Lugner mag ich wirklich, weil er den Clown ja nur spielt.

 

Ihre Präsenz auf Society-Events wird Ihnen oft vorgeworfen...

Es ist zentral für meine Arbeit als Seelsorger, keinen Ort dieser Welt zu verachten. Gott ist in einem Stall Mensch geworden. Er hat den Stall für sich gewählt – als Zeichen dafür, dass er überall zur Welt kommen kann. Bei den Armen, und bei der sogenannten High Society. Warum sollte dort Gott nicht zur Welt kommen wollen? Die zentrale Botschaft des Weihnachtsevangeliums ist: Wenn du dein Herz für Gott bereitet hast, wird Gott bei dir zur Welt kommen. Egal, wer oder wo du bist. Auch beim Gespräch mit einem Richie Lugner oder anderen Größen der Gesellschaft geniere ich mich nicht, meinen Segen zu spenden, wenn ich darum gebeten werde.

 

faber_17Sie sind einem großen TV-Publikum u.a. aus „Wir sind Kaiser“ bekannt. Können Sie sich vorstellen, das Medium Fernsehen stärker zu nutzen? Z.B. mit einer eigenen Sendung?

Ich wurde schon eingeladen, jeden Tag um 6:30 eine eigene Messe aus dem Dom zu zelebrieren, aber das ist nicht meine bevorzugte Lebenszeit. Ich glaube zudem nicht, dass ich für eine eigene TV-Sendung geeignet wäre. Lieber mache ich da und dort mit, wenn das Fernsehen bei Ereignissen dabei ist. Das ist aber immer zweischneidig. Einerseits kann ich damit viele Menschen erreichen und möglicherweise positiv beeinflussen. Andererseits werde ich dafür von Kollegen und Katholiken, die das katholische Leben doch enger fassen, angefeindet. Manche fragen mich, ob ich nichts anderes zu tun habe, als im Fernsehen aufzutreten. (seufzt) Mein Wochenprogramm ist so vielfältig, ich verwende nur einen Bruchteil der Zeit für Fernsehauftritte. Ich möchte zuallererst Seelsorge von Angesicht zu Angesicht machen – aber zuweilen auch das Medium Fernsehen nutzen. Mit einem Seitenblicke-Auftritt kann man mehr Menschen erreichen, als mit einer Predigt. Es gehen ja nur etwa 2% aller Wienerinnen und Wiener regelmäßig in die Kirche. Die anderen 98% bekommen Kirche nur medial mit. Da ist es nicht schlecht, auch über die Socitey-Schiene zu vermitteln, was Kirche heute in der Gesellschaft, in der Welt meint.

Sie gelten als die „PR-Rakete der katholischen Kirche“. Wie wohl fühlen Sie sich mit solchen Begriffen?

Das gefällt mir natürlich nicht so gut. Ich möchte ein City-Seelsorger sein. Und zur City gehören die Armen wie die Reichen. Da möchte ich präsent sein, und nicht irgendwo über den Wolken schweben.


Von Wolfgang Knabl

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