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Das österreichische Fernsehmagazin

Song Contest 

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© tele, Monika Saulich

Song Contest:
Super oder super-sinnlos?

Der European Song Contest wird geliebt und verabscheut. In der tele-Debatte diskutieren Fan, Kritikerin und ehemalige Teilnehmerin über Freud und Leid beim Song Contest – und wie das Spektakel ohne Bewertung funktionieren könnte.

tele-Debatte: Sabine Stieger (2005 beim ESC mit Global Kryner),Claudia Czaak (ESC-Fanclub OGAE Austria), Birgit Denk (Musikerin & Moderatorin) im Gespräch mit Wolfgang Knabl.

Frau Czaak, warum freuen Sie sich auf den Song Contest?
Claudia Czaak: Der Song Contest ist jedes Jahr sehr wichtig für mich. Ich bin seit 1997 beim Fanclub, seit 2000 war ich außer 2012 immer live dabei. Wer einmal dort war, ist infiziert und will immer hin. Ich liebe das Völkermischmasch, die gute Atmosphäre und den Wettbewerb.

Birgit Denk: Genau dieser Wettbewerb stört mich. Beim Skirennen kann ich messen, wer am schnellsten runterfährt. Aber Musik ist etwas Subjektives. Wir sollten mit fremden Nationen zusammenkommen und ihre Sprachen, Stile, Musikrichtungen kennenlernen, ohne zu sagen: Der war der Leiwandste, die am garstigsten. So haben wir Europa vereint in einer multikulturellen Veranstaltung, aber getrennt durch die national-stinkende und von Politik und Vorurteilen beeinflusste Punktevergabe.

Sabine Stieger: Ich stehe Castingformaten eigentlich kritisch gegenüber und habe mich keinem Wettbewerb gestellt außer dem Song Contest. Ich war damals 22, als ich mit Global Kryner in Kiew an den Start gegangen bin. Mir war wirklich schon vorher klar, dass wir nicht gewinnen können. Vor Ort spürst du deutlich, dass es eine Mischung aus Lifestyle und Politik ist und mit Musik nichts zu tun hat. Das war für uns frustrierend. Die Musik, die dort präsentiert wird, entspricht ja auch nicht dem aktuellen Geschmack.

Czaak: Das würde ich nicht sagen. Das Siegerlied 2012 war ein internationaler Hit. Conchitas Lied hörte man auch im Radio.

  2476Stieger: Aber der Beitrag aus Holland, der Zweiter wurde, wird viel mehr gespielt als Wurst.

Czaak: Das war auch das bessere Lied (lacht).

Denk: Es geht eben nicht um Musik, es geht um ein Thema, das man transportiert. Was bei Conchita natürlich ein sehr schönes war: Da schaut’s her, so bin ich, Hollodaro! Du musst eine Marke aufbauen, um zu gewinnen. Brauchst eine gute Geschichte zum Act und dann ab durch Europa damit – vor dem Wettbewerb.

Stieger: Das haben wir 2005 unterschätzt. Wir wollten das mediale Hoch mitnehmen. Gekommen ist es ganz anders, nach dem Song Contest war Österreich verbrannte Erde für uns. Nicht wegen dem einundzwanzigsten Platz, sondern weil wir nicht gewonnen haben. Entweder du gewinnst es, oder du bist weg vom Fenster. Hopp oder dropp. Für Musiker eine große, aber gefährliche Chance.

Denk: Ich habe gestern Thomas Forstner auf der Bühne erlebt. Der hat ja vor lauter Song-Contest-Frust seine Karriere beendet, hackelt in der IT-Branche. Gestern hat er so unfassbar gut gesungen, dass mir die Gänsehaut runtergelaufen ist. Wäre er nicht zum Song Contest gegangen, hätte er eine tolle Karriere als Musiker haben können. Den haben sie verheizt.

Stieger: Ich will mir gar nicht vorstellen was passiert wäre, wenn Conchita nicht gewonnen hätte.

Czaak: Die wäre noch viel schlimmer zerfressen worden als die anderen davor. So hat sie einen Hype ausgelöst. Unser Verein hatte vor ihrem Sieg 120 Mitglieder, jetzt sind wir über 500.

Denk: Ihr werdet schon wieder weniger werden … (lacht)

Czaak: Ja, ich weiß. Viele glauben, sie bekommen über uns Tickets. Und der Song Contest ist plötzlich in. Als ich 2000 erzählt habe, ich fahre zum Song Contest, haben mich Freunde und Kollegen angeschaut als wäre ich ein Marsmensch.

Stieger: Und jetzt bist du super, weil alle hinwollen.

Czaak: Ich werde immer Fan sein und ich stehe dazu. Ich schwimme manchmal gerne gegen den Strom und finde den Song Contest und die Community einfach leiwand. Wenn wir in der Halle rotweißrote Fahnen schwenken, damit gibt man sich nur zu erkennen. Wir klatschen auch für die anderen und freuen uns für alle. Es gibt da keine Grenzen, sondern eine Gemeinschaft.

Stieger: Die Gemeinschaft vor Ort ist mir total positiv in Erinnerung. Nach den Proben haben wir am Abend immer in der Hotellobby gemeinsam gejammt. Schlechte Stimmung gab es erst, als nach den Auftritten die Bewertungen kamen und die meisten realisierten, dass sie nicht gewinnen.

Denk: Ich würde im Fernsehen gerne sehen, wie die Teilnehmer gemeinsam in der Hotelbar jammen. Mit echten Hintergrundberichten und interessanten Künstlern, das wäre doch ein tolles Fernseh-Format, wo niemand gewinnt oder verliert. Heuer drehe ich vielleicht den Fernseher ab, bevor die Bewertung beginnt.

Wer gewinnt heuer?
Denk: Deutschland nicht, die Oide schreit, dass es dir die Krausbirne aufstellt. Österreich auch nicht, wir sind kein beliebtes Land. Deshalb sind wir meistens so weit hinten, mit der Musik hat das nichts zu tun.

Czaak: Die Makemakes gefallen mir sehr gut. Aber gewinnen können sie vor allem deshalb nicht, weil viele beim Voting denken werden: Österreich hat erst gewonnen, die brauchen nicht schon wieder gewinnen. Ich tippe auf Schweden: Ein beliebtes Land, für das ein fescher junger Bua eine schnelle Nummer singt. Darauf werden sich alle einigen können. Ein europäischer Kompromiss.

 

„Musik als Wettbewerb ist für mich nicht nachvollziehbar.“

Birgit DenkBirgit Denk

Musikerin und Moderatorin
(„DENK mit KULTUR“, ORF III).
Aktuelles Album:
„Schmankerln – Das Beste aus 15 Jahren“
www.bdenk.at

 

„Für Musiker ist der Song Contest eine gefährliche Geschichte.“

  2200Sabine Stieger


erreichte beim ESC 2005
in Kiew mit Global Kryner Platz 21
Aktuelles Album: „Sabinschky“

www.sabinestieger.com

„Den Song Contest werde ich immer lieben.“

Claudia CzaakClaudia Czaak 


Song Contest Fanclub OGAE Austria


http://ogae-austria.at

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