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Roger Ebert ist tot und ich bin dagegen
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Roger Ebert ist tot und ich bin dagegen

Wie man um Leute trauern kann, die man nie getroffen hat: Amerikas berühmtester Filmkritiker ist gestorben.
Veröffentlicht:
05.04.2013
 

Ein Bekannter maulte einst, es wäre total peinlich, wenn Leute – zumal über social media – in große Trauer ausbrechen, wenn Berühmtheiten sterben, die sie nie getroffen haben. Ganz ehrlich: Der Kerl ist ein Depp. Inspiration funktioniert transkontinental, Begeisterung ebenfalls und logischerweise auch Trauer.

Gestern verstarb also Roger Ebert und ich habe geheult. Kann gut sein, dass Ihnen der gar nichts sagt. Roger Ebert war Amerikas bekanntester Filmkritiker. Er schrieb für die Chicago Sun-Times, die wir alle nie in Händen hielten. Aber online haben wir seine Rezensionen gelesen. Wenn man nicht wusste, ob ein Film was taugte, hat man nachgeschaut, was er geschrieben hat. Oft ist man dabei draufgekommen, dass viele deutschsprachige Rezensenten einfach bei ihm abgeschrieben haben.

Roger Ebert verfasste 46 Jahre lang Filmkritiken und noch immer war aus jeder Zeile seine Liebe und nicht enden wollende Begeisterung für’s Kino zu spüren.

Während im deutschsprachigen Feuilleton gern salbungsvoll das eigene Wissen über das Kino an sich und die daraus resultierende eigene Fadesse breitgetreten wird, beherrschte er die grundsätzliche Arbeit der Filmkritik: Er sagte einem, ob es sich lohnt, diesen konkreten Film anzusehen. Er hielt sich nie für klüger als seine Leser und betrachtete seine Arbeit nicht als Job, sondern als Vergnügen. Ich kenne Menschen, die gern ihr tragisches Schicksal beweinen, hauptberuflich ins Kino gehen zu müssen. Die Armen.

Roger Ebert vertrat immer seine Meinung und war doch keine Silbe lang belehrend. Dumme, schematische Handlungen und Dialoge verdonnerte er als das, was sie sind: Eine Beleidigung der Intelligenz der Zuseher. Gleichzeitig wusste er, dass auch ganz doofe Filme unendlich viel Spaß machen können, wenn sie auf anderer Ebene funktionieren: Lautes Tschingbumm-Kino mit gut gemachter Action kann auch mit idiotischen Dialogen großartig sein.

Roger Ebert wusste, dass man sich selber immer mit ins Kino nimmt: Niemand von uns kann Filme völlig objektiv beurteilen. Jeder hat Lieblingsschauspieler, Lieblingsregisseure, Lieblingsthemen, Filme, die ewig wichtig sein werden, egal, was ihre Qualitäten sind. So war er auch, wenn man nicht seiner Meinung war, eine verlässliche Größe.

Er schrieb zwischen den Zeilen auch immer über seine eigene Lebensgeschichte. Aus jedem Satz seiner Kritiken war nicht nur die Liebe zum Kino zu lesen, sondern auch die Liebe zum Menschen. Roger Ebert war in jeder Zeile Humanist. Er erkannte Abschätzigkeit, Besserwisserei und Lobhudeleien als Text-Absonderungen trauriger Menschen. Nur Leute, die neben all den Stunden in dunklen Kinos ein Leben führen, können Filmhandlungen beurteilen, oder wie ein Kollege einst zurecht meinte: Leute, die noch nie Oral-Sex praktizierten, sollen nicht über Filme schreiben. Kino schreibt Geschichten über das Leben.

Roger Ebert schrieb nie von oben herab. Filmfans waren ihm nicht zu minder, er diskutierte mit Menschen aus aller Herren Länder und aller Altersgruppen auf Augenhöhe. Er verstand das Internet als großartige Kommunikationsplattform, und nicht wie viele Print-Journalisten ausschließlich als Möglichkeit, den eigenen Sermon in noch längerer Form abzusondern.

Er bestritt gemeinsam mit Gene Siskel die erste Fernsehsendung über Film. Er gründete „Ebertfest“, ein Festival, wo er Filme zeigte, die seiner Ansicht zu Unrecht übergangen wurden. Und er schrieb spaßhalber das Drehbuch für den Russ-Meyer-Film "Beyond the Valley of the Dolls" (zu deutsch: Blumen ohne Duft). Ein weiterer Grund, ihn ewig zu lieben. Und er bekam als einziger Filmkritiker den Pulitzer-Preis verliehen.

Als Ebert 2006 durch eine Krebserkrankung sein Kiefer und damit auch seine Stimme verlor, schrieb er einfach noch mehr. Auch über seine Krankheit, über den Tod, über seine fabelhafte Frau und wie sie alles gemeinsam meisterten. Er zog sich nicht zurück. Seine Fans dankten es ihm, mit Begeisterung, Empathie und Aufmerksamkeit. Und er postete ein Foto, wie er ohne Kiefer aussah. Und ging weiter ins Kino.

Vorgestern bloggte er darüber, dass der Krebs zurückgekommen sei und er eine kleine Auszeit nehmen wollte. Schade, dass sie so lang geworden ist. Vor dem Tod hat er sich nicht gefürchtet. Der Film-Community wird er unendlich fehlen.

Roger Ebert, danke, dass wir mit ins Kino durften.

„No good film is too long. No bad movie is short enough.“ (Roger Ebert)

Es gibt unzählige Nachrufe im Netz. Hier nur eine Handvoll Links:

Roger Eberts letzter Blogeintrag

Roger Eberts Kommunikation via Post-its

Roger Eberts großartiger Text über das Leben und Sterben

Roger Ebert über Saturday Night Fever, eine exemplarische Kritik

Alle Ebert-Kritiken aus 46 Jahren zum Nachlesen 

Text: Julia Pühringer

 
 

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