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Ein Interview mit "Inspector Barnaby"

Ein Interview mit "Inspector Barnaby"
Veröffentlicht:
11.03.2011
rtv-Redakteurin Ilka Dege im Gespräch mit John Nettles
Sie haben 14 Jahre lang Inspector Barnaby gespielt. In der Zeit hat sich die Serie kaum geändert. Ist sie noch zeitgemäß?

Sie war noch nie zeitgemäß. Das wollte sie auch nicht sein. Eigentlich ist sie zeitlos. Es fahren moderne Autos darin herum, aber geistig und ästhetisch ist die Serie in den 50ern und 60ern verankert. Da liegt das Herz. Sie spielt in einer Traumwelt in einer Traumzeit.

Ist das der Grund warum Tom Barnaby so normal ist?

Er ist so normal, dass es schon weh tut. Ich habe beschlossen, nicht schräg zu sein. Ich wollte Barnaby aus zwei Gründen so normal wie möglich machen: Zum einen fand ich es als Schauspieler den interessanteren Weg. Aber wichtiger war folgendes: In „Inspector Barnaby“ sind die Figuren so außergewöhnlich und schräg, dass es gut tut, eine vernünftige, normale, durchschnittliche Figur im Zentrum der Geschichten zu haben.

Ist es schwieriger, eine böse oder eine nette Figur zu spielen?

Es ist immer schwieriger, eine nette Person zu spielen. Für einen Schauspieler ist es immer interessanter, eine satanische Kreatur zu spielen als Gott. Das Publikum findet Tugend langweilig. Was es interessiert ist die Abscheulichkeit der Sünde. Und sei es nur, um sich moralisch überlegen zu fühlen.Es ist viel schwieriger, einen Durchschnittsmenschen interessant zu gestalten als einen bösen Menschen. Auf einen guten Menschen reagierst du mit einem Schulterzucken. Bei einem bösen Menschen schreckst du auf: „Was macht er als nächstes? Bringt er etwa mich um?“

Wie fällt Tom Barnabys Abschied aus, für die die Reihe typisch blutig?

Nein. (lacht) Ich wollte gerne wie ein Held sterben, zum Beispiel beim Entschärfen einer Bombe. Dann hätte ich ein Staatsbegräbnis in der Westminster Abbey bekommen. Aber das hat nicht geklappt. Also sage ich einfach nur „Goodbye“ und bekomme einen Kuchen. Es ist wunderschön, und so soll es auch sein. Barnaby ist einfach kein Held.

Hatten Sie Angst vor Ihrem letzten Drehtag?

Nein. Ich musste an dem Tag eine lange Rede filmen und war zu beschäftigt damit. Ich hatte gar keine Zeit für Gefühle. Aber ich war sehr ergriffen, hauptsächlich von den Gefühlen der anderen Darsteller.

Haben Sie Ihnen eine Party organisiert?

Nein, das nicht, aber sie waren sehr nett, haben mich reich beschenkt.

Sie haben einen Enkel. Würden Sie ihm empfehlen, Polizist zu werden?

Nein. Außer er wäre brillant. Ein guter Polizist zu sein, ist sehr schwierig. Ein paar der intelligentesten Menschen, die ich kenne, sind Polizisten. Aber auch ein paar der traurigsten. Meinem Enkel würde ich das nicht empfehlen, genauso wenig wie den Beruf des Schauspielers.

Warum nicht?

Aus dem selben Grund. Die Versagensquote ist zu hoch, wir Schauspieler arbeiten zu selten. Normalerweise sind wir arbeitslos. (lacht)

Für Ihre Dokumentation über die Besetzung der Kanalinseln haben Sie eine Menge negative Kritik einstecken müssen …

Das war sehr schwierig. Während des Krieges waren die Kanalinseln das einzige englische Gebiet, das besetzt war. Also wurde das Verhalten der Bevölkerung wie unter einem Mikroskop seziert. Anschuldigungen, dass man kollaboriert hätte, kamen von allen Seiten. Und diese Anschuldigungen dauern bis heute an. Einige Leute aus Guernsey haben sich angegriffen gefühlt und hatten den Eindruck, ich würde sie als Kollaborateure beschimpfen. Das ist 70 Jahre her! Aber es war eines der faszinierendsten Projekte der letzten Jahre.

Folgen noch mehr Dokus?

Ja, mehr über das selbe Thema. Das ist so umfangreich. Ich möchte mich mit dem Vichy-Regime beschäftigten. Das wird eher eine psychologische Studie über Menschen unter Stress. Und ich muss mich beeilen weil die Leute um die 90 sind und vielleicht bald sterben. Ich bin ein bisschen spät dran.

Gibt es eine Krimiserie, die sie gerne schauen?

Ja, „CSI“. Alle drei oder vier von ihnen. Sie unterscheiden sich sehr. Die Folgen aus Las Vegas mag ich gerne, und David Caruso. Der spielt so herrlich übertrieben.

Was fehlt Ihnen am meisten, jetzt wo sie nicht mehr Inspector Barnaby sind?

Die regelmäßige Arbeit. Ich wache mit einem bestimmten Gemütszustand auf, wenn ich weiß, dass ich zur Arbeit gehe. Das fällt weg. Außerdem sehe ich bestimmte Leute nicht mehr, die ich recht gern habe. Aber ich fühle mich erleichtert, wie nach einer langen Reise.

Wollten Sie jemals selbst hinter die Kamera?

Nein. (schmunzelt) Ich bin nicht clever genug für so was. Als Regisseur hast du so viel Arbeit, da bleibe ich lieber Schauspieler.

Interview: Ilka Dege








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Interviews, 11. März 2011
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