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Im Interview: Mathieu Amalric

Im Interview: Mathieu Amalric
© Julia Pühringer
Veröffentlicht:
02.06.2010
Auf "Tournee" mit einer Burlesque-Truppe: Hauptdarsteller und Regisseur Mathieu Amalric ("Quantum of Solace") wurde in Cannes als "Bester Regisseur" ausgezeichnet. Mit Tele sprach er über seinen Film
Joachim, ein gescheiterter französischer TV-Produzent, geht mit einer bunten Burlesque-Truppe aus den USA auf Frankreich-Tournee…

Worum geht's in "Tournee"?

Der Film handelt von einem Franzosen, der von Amerika träumt, weil er zu viele amerikanische Filme aus den Siebzigern gesehen hat, von Bob Fosse, John Cassavetes und so. Joachim, die Hauptfigur, glaubt, er ist Cosmo Vittelli aus Cassavetes' "The Killing of a Chinese Bookie". Er verkleidet sich direkt als Produzent. Deshalb sieht Mimi am Ende auch nach, ob er echt ist – sie zupft an seinem Bart. Es geht um Striptease, aber auch einen Seelenstrip – man zieht seine Persönlichkeit aus. Die Girls haben sich wiederum Frankreich anders vorgestellt. Sie träumen von Josephine Baker, Anaïs Nin, Henry Miller, Paris, dem Moulin Rouge, dem ganzen Mist.

Gleichzeitig ist "Tournee" kein nostalgischer Film. Diese Menschen sind Nomaden, sie begegnen Leuten, die in Hotels arbeiten. Die Hotels von Heute – egal, ob man in Shanghai, Athen oder Cannes ist – sind ja immer dasselbe vom WC bis zum Zimmer. Man hat ja nicht mal Zeit, sich die Städte anzuschauen, wenn man auf Tournee ist, man kennt die Städte nur mehr vom Stadtplan. Auch alle Körper sollen gleich ausschauen, in Frauen- und Männermagazinen. All wollen den perfekten Körper – aber wenn man keinen freien Körper hat, dann hat man auch keinen freien Geist. Dieser Film war auch eine intelligente, und auch witzige Möglichkeit, politisch zu sein, ohne über Politik zu reden.

Es geht mir da um ein großes Thema von heute. Auch das Berufsleben ist sehr brutal. Angestellte können nicht das tun, was sie für richtig halten – sonst kann es passieren, dass sie ihren Job verlieren. Ich wollte auch darauf hinweisen, eben auf unterhaltsame Weise.

Filmemachen ist eine Art, zu beobachten und die Dinge darzustellen, mit Humor, mit Zorn, mit dem Herzen, mit dem Hirn. Auch diese Frauen fanden einen Weg, das normale Leben zu transformieren, in ein Spiel mit dem Verlangen. Auf der Bühne sind sie sicher. Andererseits ist es natürlich auch die Höflichkeit der Verzweiflung, man kann spüren, dass sie ein schweres Leben hatten.

Wie war die Erfahrung, den Bösewicht im James-Bond-Film "Quantum of Solace" zu spielen?
Ich war wie Aschenputtel, das da nicht hingehörte. Es ist einfach ein Spaß – ich bin der netteste Kerl auf der Welt und ich spiele den Bösewicht. Ich habe auch in "Tournee" eingesetzt, was ich bei den Stunts gelernt hab. Wir hatten ja gar kein Geld für Stunts. Ich habe gelernt, wie man hinfällt, ohne sich zu verletzen. James Bond ist so englisch – die ganze Crew kommt aus England. Und sie haben alle einen Sinn für Handarbeit. Auch bei den Special Effects bemühen sie sich, alles selbst zu machen. Wenn man läuft, dann explodieren wirklich Dinge rund um einen herum. "Renn einfach", sagen sie dir, und hinter dir spürst du die Explosion. Das wird eben nicht nur in der Nachbearbeitung gemacht.

Mit welchem von den Mädchen würden sie leben wollen?
Die Frage stellt sich nicht. Die Mädchen adoptieren ja ihn. Sie taufen ihn und geben ihm einen Vornamen, sie nennen ihn Froschprinz. Dann gehört er zu ihnen. Joachim schläft mit Mimi, aber sie sprechen alle darüber und irgendwie hat er auf seltsame Art mit ihnen allen etwas gehabt. Es hätte jede von ihnen sein können. Es sollte aber auch spannend sein. Das ist so wie bei "It Happened One Night" mit Claudette Colbert und Clark Gable - die Charaktere wissen noch nicht, dass sie verliebt sind. Sie streiten, sie raufen. Und das Publikum denkt sich, merken die nicht, dass sie verliebt sind? Könnt ihr euch nicht einfach küssen, verdammt nochmal? Genau dieses Gefühl wollte ich. Warum Mimi? Es wäre ein blöder Hollywood-Film geworden, wenn es das junge schöne Mädchen geworden wäre.
Im Film ist es so: man verliebt sich immer in das schönste Mädchen, oder das mit dem meisten Talent. Julie hat so viel Talent, das ist Kunst, es ist schön. Mimi ist schüchtern, sie macht alles sehr klassisch. Eine Freundin von Bob Fosse sagte das einmal, "er war ins Talent verliebt". Das ist ein Problem in unserem Beruf. Man kann mit niemandem leben, dessen Werk man nicht mag. Sie könnten ja auch nicht mit einem Journalisten leben, dessen Texte sie nicht mögen. Das wäre pervers. Oder einfach nur Sex.

Spielen die Mädchen oder ist das echt?
Sie sind unfassbar gute Schauspielerinnen. Dabei haben sie vorher noch nie gespielt. Wir mussten uns alle durch unsere Rollen schützen. Wir haben sehr viel vom Drehbuch geschrieben, bevor wir zu drehen begannen. Man muss sehr genau sein, wenn man improvisieren will. Ich stand selbst mit ihnen vor der Kamera, auch wenn ich das drei Wochen vor den Dreharbeiten noch gar nicht wusste. So waren wir Komplizen bei der Erfindung der Geschichte. Wir haben zusammengearbeitet und natürlich war alles Schauspielerei. Ich habe ihnen nur das Drehbuch nicht gegeben – ich wollte nicht, dass sie den Text auswendig lernen, das hätte so festgefroren gewirkt. Vieles stand nicht im Drehbuch, wir haben viel improvisiert. Aber das können eben nur gute Schauspieler, die auch total in ihrer Rolle drin sind.

Es ist Film voller Grazie – auch die Dreharbeiten waren von Anfang an überwältigend. Die Filmcrew bestand nur aus Freunden, und es waren nicht viele. Wir lebten in den Hotels, in denen wir drehten, und wir gingen echt auf Tour. Die Mädchen brauchten einfach ein Publikum. Der Applaus war nie gespielt - die Statisten bekamen eine Gratisshow, sie mussten nur unterschreiben, dass wir drehen durften. So entstand diese Spannung.

Wie ist der Film entstanden?
Jeder Film beginnt mit dem winzigen Anfang einer Idee. Dann entwickelt sich das, das kann ein paar Jahre dauern, es muss sich in einem einnisten. Wenn es sich dabei um eine Geschichte handelt, die im 17. Jahrhundert spielt und nur mit großen Armeen gedreht werden kann, dann fragt man sich, wie man das produziert. Nimmt man ganz berühmte Schauspieler? Das sind künstlerische Entscheidungen, die natürlich vor allem mit Geld zu tun haben. Ganz ehrlich: Geld ist gleich Kunst. Ich hab diese Mädchen gesehen – und ich habe mir nicht gedacht, Jennifer Lopez spielt Evie Lovelle, Gossip spielt Dirty Martini. Das ist der Grund, warum "Neun" so ein schlechter Film ist. Er kann nicht gut sein. Er ist nicht gut produziert, das Geld geht an die Stars – es ist sogar egal, wer wen spielen will. Ich habe zwei Produzentinnen und wir machen den Film gemeinsam. Und wir machen eine echte Tournee, damit wir die Statisten nicht zahlen müssen. Wir wollten in kurzer Zeit drehen, weil die Handlung in drei Tagen spielt, da werde ich nicht 14 Wochen lang drehen, sondern nur fünf, das gibt dem Ganzen auch viel mehr Energie.

Der Soundtrack von "Tournee" ist ganz besonders…
Wir brauchten dafür mehr Geld, weil 15 Prozent für die Musik draufgingen – ganze 350.000 Euro! Der ganze Film kostete drei Millionen Euro! Das ist auch eine künstlerische Entscheidung. Diese Mädchen sind Königinnen! Die haben ein Recht auf ihre eigene Musik! Wieso soll es nicht "Moon River" und "I Put a Spell on You" sein – um diese Nummern haben sie ihre Shows gebaut. Dann habe ich sie gebeten, mir die Musik zu geben, zu denen sie ihr Warm-up machen. Roky hat mich so auf die Sonics gebracht mit "Have Love, Will Travel". Und das war's. Mehr Musik gibt's nicht. Nur den Typen, der Gitarre spielt. Aber der ist während des Location-Scouts aufgetaucht.

Was machen die Mädchen jetzt?
Sie sind ja im wirklichen Leben alle allein auf sich gestellt und keine Truppe. Sie kennen sich einfach nur, weil die Welt der Burlesque  eine sehr kleine ist, mehr aber auch nicht. Ich habe mir zu Beginn 200 Nummern bei Festivals angesehen. Da waren auch jede Menge schlechte dabei. Aber von ihrem Talent und ihren Nummern wurde ich inspiriert.

Sie alleine mit vier Mädchen…
Sexualität war ein wichtiges Thema. Aber auch die Einsamkeit. Es hat einen Preis, so einen Körper zu haben. Nicht viele Männer haben den Mut, diese Frauen zu lieben. Dafür muss man schon ein richtiger Mann sein.

Sind Sie beim Dreh hinter ein paar Frauen-Geheimnisse gekommen?
Ich habe gemerkt, sie sprechen über uns Männer genauso wie wir über sie - genauso vulgär und simpel.

Wir danken für das Gespräch.

Interviews

Im Interview: Mathieu Amalric
Interviews, 02. Juni 2010
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