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Interview mit Nina Hoss

Interview mit Nina Hoss
Veröffentlicht:
03.05.2010
"Eine sehr pragmatische Frau"
Wie würden Sie die Figur der Anonyma beschreiben?
Diese Frau hat die Welt bereist, sie hat in Moskau, Frankreich und England gelebt, sie hat Kunst, Geschichte und Sprachen studiert, sie war Fotografin und Journalistin – also eine sehr gescheite Person. Die Frage, in welchem Verhältnis sie zum Staat stand, hat mich sehr beschäftigt.
War sie eine Faschistin, oder war sie es nicht? Wenn ich das Tagebuch lese, klingt es für mich vor allem, als hätte sie ihr Land geliebt. Sie war eine Nationalistin und ich glaube, sie hat nicht nachgefragt. Sie ist mitgeschwommen, hat sich mitreißen lassen von dieser Welle und der Euphorie, die geherrscht hat. Also durchaus zwiespältig zu betrachten.
Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite ist es eine sehr pragmatische Frau für mich. Eine, die anpackt und auch in dieser schwierigen Situation in den letzten Kriegstagen einen Weg des Überlebens findet.
Ich glaube, zu ihrem Überleben trug maßgeblich bei, dass sie Journalistin war und Tagebuch schrieb – wenn man das Erlebte niederschreibt, entsteht eine Distanz, mit der man das Geschehene besser verarbeiten kann. Ob sie das nun für ihren Ehemann geschrieben hat, für die Nachwelt oder einfach nur für sich – ich glaube, das war ihr Weg, das Erlebte sofort loszuwerden, es in irgendeine Wort- bzw. Kunstform zu bringen und damit einen Umgang zu finden.

Sie ist auf jeden Fall eine sehr komplexe Figur. Sie ist zugleich sensibel und verletzbar, aber ihr Handeln zeugt auch von großem Mut und Selbstbewusstsein.
Es ist genau die Mischung aus Mut und Verletzbarkeit, die mich an diesem Charakter interessiert hat. Ich habe versucht, der Figur beides zu geben – die tiefen Verletzungen, die sie erlitten hat zu zeigen, aber auch die harte Schale, die sie an den Tag legt und ihr mutiges Auftreten. Sie ist eine, die etwas wagt, die zum Beispiel durch diese Menge von russischen Soldaten hindurch läuft und nach der Kommandantur fragt – wo jeder andere schon längst vor Angst gestorben wäre.

Auch der russische Offizier Andrej scheint beeindruckt von Anonymas selbstbewusstem Auftreten.
Ja, ihr mutiges Auftreten weckt sein Interesse. Und ihr erster Gedanke ist, dass dieser Mann mit seiner eindrucksvollen Statur ihr alle anderen vom Leib halten kann. Und dann kommt der Punkt, an dem sie merkt, dass sie ihn falsch eingeschätzt hat – denn natürlich war auch sie beeinflusst von der NS-Propaganda der letzten Kriegstage, die den Deutschen Angst gemacht hat vor den Russen, vor den Monstern, Bestien und Vergewaltigern. Plötzlich trifft sie auf jemanden, der ein gelehrter und belesener Mann ist, der Schubert auf dem Klavier spielt und wirklich gar nichts zu tun hat mit diesem Bild des einfachen russischen Bauern.

In dieser Ausnahmesituation entwickelt sich eine ganz zarte Beziehung. Was ist das Besondere an diesem Verhältnis der Beiden?
Genau wie Anonyma hat dieser Mann nichts mehr, seine Frau ist im Krieg umgekommen und es begegnen sich zwei ganz einsame Gestalten, die im Kampf mit sich sind und sich in einer Ausnahmesituation befinden. Ihre jeweilige Weltordnung ist zusammengebrochen.
Der Krieg ist zu Ende und Andrej wird von einem Soldaten zum Menschen. Und das wird er auch durch sie, weil er sich auch auseinandersetzt mit ihr, weil diese Frau ihn reizt und er sie nicht ganz begreifen kann. Er versucht, an sie heranzukommen, und dadurch kommt er letzten Endes auch an sich ran.
Die harten Schalen der beiden bekommen einen Riss und deswegen kommen sie sich plötzlich so nah. Das finde ich spannend, auch, weil es so vorsichtig erzählt ist. Was passiert mit zwei Menschen, wenn sie etwas empfinden, von dem sie glaubten, dass sie dazu gar nicht fähig seien?

Was war bei dieser Rolle die größte Herausforderung für Sie?
Jemanden in einer solchen Ausnahmesituation zu spielen, der um sein Überleben kämpft – in einem Umfeld, in dem nichts mehr gilt, was wir heute so kennen. Wo man nur noch ans Überleben denkt, wo Werte vernachlässigt und Ordnungen aufgehoben werden. Wie gehen die Menschen dann miteinander um, wo schließen sie sich zusammen, wo betrügen sie sich? Wo helfen sie sich, wo nicht? Das ist anhand der Bewohner des Hauses wirklich äußerst spannend beschrieben.

Interviews

Interview mit Nina Hoss
Interviews, 03. Mai 2010
Wie würden Sie die Figur der Anonyma beschreiben? Diese Frau hat die Welt bereist, sie hat in Moskau, Frankreich und England gelebt, sie hat Kunst, Geschichte und Sprachen studiert, sie war Fotografin und Journalistin – also eine sehr gescheite Person. Die Frage, in welchem Verhältnis sie zum Staat … mehr >
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