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"Wenn nicht wir, wer dann?"

"Wenn nicht wir, wer dann?"
© picturedesk
Veröffentlicht:
22.03.2010
Sibel Kekilli im Interview über ihren jüngsten Film, "Die Fremde", ihr Engagement für Frauenrechte, einen fehlgeleiteten Ehrbegriff und die Dreharbeiten mit einem kleinen Buben.
"Ehre" ist ein Begriff, der im Film oft vorkommt. Was bedeutet Ehre für Sie?"
Ich mag das Wort "Ehrenmord" nicht. Man mordet nicht aus Ehre. Es gibt so etwas nicht – Mord ist Mord. Für mich bedeutet Ehre leben und leben lassen; respektieren, tolerieren, vor allem zu sich selbst ehrlich sein, sich am Ende des Tages in den Spiegel schauen zu können. Wenn diese Menschen von "Ehrverlust" reden, meinen sie den Verlust der Kontrolle über die Frau. Deswegen wolle viele ja auch alles kontrollieren. Das Denken der Frau, wie sie sich kleidet, wie sie sich anzieht, wie sie spricht. Das heißt für diese Menschen "Ehre": Macht über die Frau.

Unter diesem missverstandenen Ehrbegriff leiden ja alle Beteiligten, auch die Männer. Sie sind nicht imstande, diesen Ehrbegriff abzuschütteln.
Viele sind dafür nicht stark genug. Es ist nicht einfach, aus dieser Gesellschaft und diesem unglaublichen Druck auszubrechen. Denn dann werden die Männer dargestellt als "nicht Manns genug", als Schwächlinge, die keine Kontrolle über ihre eigenen Frauen, Töchter und Schwestern haben.

Dass die patriarchalen Strukturen gegen die Frauen sind, ist wenig überraschend. Aber dass auch die eigene Mutter oder Schwester nicht zu einem halten – wo sehen Sie hier die Ursachen?
In diesem Kulturkreis ist es so, wenn die Kinder nicht so sind, wie man sich das gewünscht hat, dann wird zuerst der Mutter vorgeworfen, dass sie in der Erziehung versagt hat. Denn sie ist ja für die Erziehung zuständig. Deswegen sind die Mütter oft viel strenger und härter als die Väter.

Die Hauptfigur in "Die Fremde" ist zwischen den Kulturen sehr hin- und hergerissen. Wie ist das bei Ihnen selbst?
Ich sehe mich als Deutsche. Ich verleugne meine türkische Herkunft nicht, aber ich bin froh, dass ich hier leben kann, leben darf, hier geboren bin. Ich nehme mir von beiden Kulturen die Vorteile – da bin ich vielleicht emotionaler wegen dem Türkischen, im Deutschen bin ich sehr diszipliniert. Aber wie gesagt, ich träume deutsch, ich denke deutsch, ich lebe deutsch, ich bin Deutsche.Sie engagieren sich selbst gegen so genannte "Ehrenmorde"……weil ich aus diesem Kulturkreis komme und mich mit dieser Kultur auskenne. Wir sollten die ersten sein, die sich dazu äußern. Wenn nicht wir, wer dann? Auch wenn ich das nicht aus meinem näheren Umfeld kenne, habe ich natürlich Dinge mitbekommen, wie dass in der Schule ein Mädchen nicht mehr kam, aber ihre Brüder schon noch. Sie wurde wahrscheinlich verheiratet.

Wie war es, mit einem kleinen Buben einen so heftigen Film zu drehen?
Er hat Augen wie ein Erwachsener, die schon allein etwas erzählen. Klar, die schwierigen Szenen haben wir zuerst mit ihm gedreht und ihn dann rausgenommen und dann diese Szenen fertiggedreht, ohne dass er's mitbekommt. Bei der Szene mit meinem Vater [die Protagonistin wird nicht zu ihrem Vater in die Wohnung gelassen] hat er nach dem zweiten Mal gesagt, "das mach ich jetzt nur noch, wenn wir jetzt auch wirklich reindürfen. Ich möchte nicht, dass sie traurig ist". Das war so süß. Er hat gesehen, dass ich weine, und dachte, ich weine wegen ihm. Man musste sehr, sehr vorsichtig mit ihm arbeiten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Interviews

"Wenn nicht wir, wer dann?"
Interviews, 22. März 2010
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