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"Abschalten mit Pilcher"

"Abschalten mit Pilcher"
Veröffentlicht:
24.10.2008
Interview mit ZDF-Unterhaltungschefin Heike Hempel
Frau Hempel, was macht eine Hauptabteilungsleiterin der Abteilung "Unterhaltung-Wort" eigentlich?
Alles außer die späte Nacht. Wir sind für die Telenovelas am Nachmittag zuständig, für viele Krimis. Und samstags, sonntags und mittwochs für das Hauptabendprogramm. Dazu überlegen wir uns noch große Event- und Mehrteilerproduktionen. Wir sind gewissermaßen das Schaufenster des Senders.

Entscheiden Sie welcher Film ins Fernsehen kommt?
Im Prinzip schon. Es sind viele Leute an so der Entscheidung beteiligt. Unser Job ist es, Ideen von Produzenten oder Autoren so lange zu begleiten und mitzuentwickeln, bis sie sendereif sind.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Filme aus?
Sie müssen uns etwas zu sagen haben. In der Abteilung sind elf Kolleginnen und Kollegen, bunt gemischt, das ist immer schon ein gutes Testpublikum.

Wie stark mischen Sie sich bei den Produktionen ein?
Das müssten sie eigentlich die Produzenten fragen. Wir geben sehr klare Vorgaben und setzen sie dann mit unseren Partnern und Kollegen  in der Produktion gemeinsam um, so läuft es jedenfalls im Idealfall. Am Ende steht immer das Interesse des Gebührenzahlers, für sein Geld das bestmögliche Programm zu bekommen.

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Wie macht man denn nun ein ZDF-Programm?
Da gibt es ein Geheimrezept, das wir bei Vollmond auf dem Lerchenberg studieren ... Scherz beiseite. Nehmen sie mal das Programm, das wir Sonntag um  20:15 Uhr zeigen. Da haben die Zuschauer eine romantische Verabredung mit dem ZDF. Wir zeigen schöne Landschaften und große Gefühle – hochwertig produzierte fiktionale Unterhaltung für ein  Millionenpublikum.

Einen schönen Film zu sehen, der in fernen Ländern spielt, ist im übrigen auch eine Form der Meditation. Die Hirnforschung sagt uns, dass gerade dann im Hintergrund bestimmte Bereiche unseres Gehirns besonders aktiv sind. Das Abschalten mit "Pilcher" oder "Inga Lindström" kann also helfen, anschließend schneller zu schalten.

Die Augen sind beschäftigt, damit das Gehirn denken kann.
Genau. Mich beschäftigt gerade die Frage, wie wir das in der Zukunft machen, ohne das Rad neu erfinden zu wollen. Aber mit dem Publikum muss sich auch verändern, was wir da bieten.

Sie wollen ja auch mehr junge Leute zum ZDF locken.
Da sagen Sie was. Wobei ich den Jugendwahn der Privaten auch mit gemischten Gefühlen sehe. Die Sechzigjährigen von heute werden ja auch immer jünger, das sind nicht die Omas und Opas aus der Bonbonwerbung, sondern ziemlich fitte Menschen, die die Welt gesehen haben und ihren eigenen Kopf haben. Aber prinzipell haben sie recht. Nichts gegen einige jüngere Zuschauer.

Wie wollen Sie vorgehen?
Das ist die Kardinalfrage. Das ist ungefähr so schwer zu lösen wie die Nahostkrise oder der Bankenkonflikt. Wir tauschen ja nicht plötzlich die Zuschauer aus und sagen: Wir wollen die Älteren verlieren und die Jüngeren gewinnen. Das wäre auch für ein öffentlich-rechtliches Programm gar nicht tragfähig. Ich glaube, es geht tatsächlich für jeden Sendeplatz um eine schrittweise Modernisierung.

Ich bin Mitte 30, ich schalte sonntags das ZDF erst um 22.00 Uhr ein.
Da schauen Sie dann unsere europäischen Krimiproduktionen. Das denke ich mir. Und jetzt ist die Frage, wie können wir Sie auch für Sonntag 20.15 Uhr gewinnen?

Das habe ich mir auch überlegt. Wenn ein Tom Tykwer oder ein Fatih Akin, die jeweils ihren ersten Film beim ZDF gemacht haben, ein "Traumschiff" drehen würden, wäre ich dabei.
Ich lache, weil ich mir gerade vorstelle, wie Fatih Akin mit Heide Keller übers "Traumschiff" marschiert. Aber warum eigentlich nicht?

Sie produzieren auch Event-Movies wie "Das Wunder von Berlin", die gute Quoten erzielen. Ist dieser Bombast nötig, um in Zukunft viele Zuschauer zu begeistern?
Ich glaube, dass ein öffentliche-rechtlicher Sender die Kraft haben muss, ein, zwei oder dreimal im Jahr wie mit "Dresden" oder "Das Wunder von Berlin" geschehen, zu sagen, jetzt erzählen wir euch eine wirklich große Geschichte.

À propos groß: Wir haben über Jahre versucht aus der Geschichte der Familie Krupp einen Film zu machen. Das geschieht gerade: Die "Krupps" werden gerade als Dreiteiler mit Iris Berben, Benjamin Sadler und Valerie Koch verfilmt. Einen solchen historischen Stoff zu durchdringen und umzusetzen ist eine schwierige und öffentlich-rechtliche Angelegenheit, die auch unabhängig davon lohnend ist, ob 5 oder 8 Millionen Zuschauer einschalten.

Aber die Königsdisziplin der Zukunft ist nicht der einzelne 90-minütige Film, sondern es sind die Serien.

Da denke ich jetzt sofort an Krimiserien, da gibt es im ZDF eine Menge. Begrüßen Sie das?
Ja. Ich glaube, dass die Serien noch wichtiger werden, und dass wir da auch eine Steigerung an Niveau und an Lebendigkeit im Erzählen benötigen. Man muss die Amerikaner nicht kopieren, aber wir können viel lernen von ihrer humorvollen Art Figuren und Geschichten zu erzählen.

Bei welchem Programm entspannen Sie am liebsten?
Ich schaue gerne Comedy, z. B. "Larry David: Curb your Enthusiasm". Auch "Das perfekte Dinner", Doku-Soaps und Beratungsformate wie die "Super Nanny", "Rach, der Restaurantester" und im ZDF Programm alles von der Telenovela "Wege zum Glück" bis "Wetten, dass …".

Gibt es noch ein Traumprojekt, das Sie verwirklicht sehen wollen?
Sicherlich mehrere. "Die Krupps" war tatsächlich ein Traumprojekt. Ich habe ein zwei Traum-Serienprojekte im Kopf. Und auch größere einzelne Filme. Wie z. B. eine Nachkriegsgeschichte mit dem Arbeitstitel "Die Trümmerfrauen", der auf den Roman von Uwe-Karsten Heye "Vom Glück nur ein Schatten" basiert, in dem er das Leben seiner Mutter in der Nachkriegszeit beschreibt.

Machen Sie etwas anders als Ihr Vorgänger?
Selbst wenn ich etwas anders machen würde, könnten Sie es jetzt im Programm noch gar nicht erkennen. Wir haben sehr lange Vorläufe. Das, was ich jetzt mit den Kollegen weiterentwickle, können Sie ca. in 2 Jahren auf dem Schirm beurteilen. (lacht) Da können Sie noch mal anrufen und sagen, "Hören Sie mal Frau Hempel, was haben Sie eigentlich gemacht?"

Interviews

"Abschalten mit Pilcher"
Interviews, 24. Oktober 2008
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