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„Das Internet ist kein Ersatz für Büchereien“

„Das Internet ist kein Ersatz für Büchereien“
© ARD
Veröffentlicht:
30.05.2006
Gespräch mit Hans-Werner Meyer
... und bekennt sich im Gespräch klar zum gedruckten Wort. Im "Tatort - Blutschrift" spielt er einen Chefbibliothekar der Deutschen Bücherei. 

Herr Meyer, die Geschichte dieses "Tatorts" ist zwar erfunden, doch es gibt ja ähnliche Mythen und auch Menschen, die sich mit Okkultismus beschäftigen. Wie spannend war für Sie der Stoff?
Hans-Werner Meyer: Okkultismus als sinnliche Variante von Religion hat mich schon immer interessiert. Wie alle pubertierenden Jungs hat auch mich alles interessiert, was mit Geheimbünden, Geheimwissen, Gotik, dunkler Romantik etc. zu tun hat. Heute hat dieses Interesse zwar nachgelassen, aber als Ausdruck menschlicher Abgründe ist es  bei mir jederzeit abrufbar. Deshalb konnte ich mit diesem Stoff sofort etwas anfangen.

Sie spielen einen Wissenschaftler, der ungewöhnliche Wege geht, um wertvolle Schriften zu retten und der  unversehens in dunkle Machenschaften gerät.  Ist er für Sie naiv oder skrupellos?
H.-W.M.: Weder noch. Er ist leidenschaftlich. Er liebt alte Schriften und hat erfahren müssen, dass es keine Lobby für sie gibt. Also tut er, was er seiner Meinung nach tun muss, um sie zu retten. Dabei bricht er zwar Gesetze, aber tun das nicht letztlich die meisten Lobbyisten? Der Professor Berg, den ich gespielt habe, denkt folgendermaßen: Geld ist Papier, und Gesetze sind Vereinbarungen. Wenn beides nicht hilft, das Gedächtnis der Menschheit zu retten, weil kurzsichtige Profitinteressen das verhindern, ist dann nicht der Wissende berechtigt, ja verpflichtet, unkonventionelle Methoden für dessen Rettung anzuwenden?

Glauben Sie, dass das Internet irgendwann die Büchereien verdrängen wird?
H.-W.M.: Ich hoffe nicht und kann es mir auch nicht vorstellen. Bücher lesen und in einer Bücherei an den Regalen entlang zu laufen, ist ein sinnlich-räumliches Erlebnis. Beim Lesen eines Buches arbeiten nicht nur das Gehirn, sondern auch die Hände, die die Seiten umblättern, der Geruchssinn, der die Druckerschwärze und das Papier wahrnimmt, und das Gehör, das die Qualität des Papiers unterscheiden kann. All das bleibt genau so im Gedächtnis haften wie der gelesene Inhalt und verbindet sich mit ihm. Ich weiß heute noch, wie sich "Wilhelm Meisters Lehrjahre" von Goethe als Taschenbuch angefühlt hat, wo ich diesen Roman gelesen habe, und sogar, wie an einigen Tagen das Wetter war. All das fällt im Internet weg. Deshalb ist das Internet kein Ersatz für Büchereien. Das Internet ist ein nützliches Werkzeug zum kurzfristigen Kommunizieren. Aber über reine Informationen kommt es nicht hinaus. Es ist vor allem schnell, aber es wirkt nicht nachhaltig.

Interviews

„Das Internet ist kein Ersatz für Büchereien“
Interviews, 30. Mai 2006
... und bekennt sich im Gespräch klar zum gedruckten Wort. Im "Tatort - Blutschrift" spielt er einen Chefbibliothekar der Deutschen Bücherei. Herr Meyer, die Geschichte dieses "Tatorts" ist zwar erfunden, doch es gibt ja ähnliche Mythen und auch Menschen, die sich mit Okkultismus beschäftigen. … mehr >
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