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Interview mit Tim Burton

Interview mit Tim Burton

Jetzt mit "Big Fish" im Kino
Veröffentlicht:
13.04.2004
 
Mr Burton, Sie drehten "Big Fish" nach dem Roman von Daniel Wallace. Was faszinierte Sie an der Geschichte des Edward Bloom, der im Sterben liegt und seinem Sohn sein Leben erzählt?

T.B.: Kurz bevor mir der Film angeboten wurde, war mein Vater gestorben. Meine Eltern und ich hatten immer ein sehr distanziertes Verhältnis, und seit meinem 12. Lebensjahr lebte ich bei meiner Großmutter. Deshalb verwirrte es mich, wie sehr mich der Tod meines Vaters traf. Und ich begann darüber nachzudenken, wie merkwürdig das Kind-Eltern-Verhältnis ist, wie abstrakt die Kämpfe sein können und wie schwierig es ist, diese Gefühle zu vermitteln. Als mir dann das Drehbuch zu "Big Fish" zugeschickt wurde, sprach es mich ganz direkt auf einer tiefen persönlichen Ebene an.

Immer wieder geht es in Ihren Filmen um die Darstellung des Außenseiters, der von der Gesellschaft abgelehnt wird, weil er nicht "passt". Woher kommt dieser illusionslose, pessimistische Grundton, der sich durch ihre Filme zieht?

T.B.: Pessimistischer Grundton - ich weiß nicht. Für mich ist der Grundton realistisch. Die Gesellschaft fühlt sich vom Außenseiter bedroht, dabei ist es doch genau umgekehrt. Ich wuchs in Burbank, einem Vorort von L.A. auf. Alles war so geordnet und sauber, dass es kein Leben gab. Also erschuf ich mir meine eigene Welt. Ich saß stundenlang einfach da, zeichnete und sah mir Horrorfilme an. Schon damals war mir bewusst, dass die Beschäftigung mit diesen fremden Welten die einzige Flucht war, die mein Überleben in dieser antiseptischen Umgebung ermöglichte - wenn auch als Einzelgänger und isoliert. Was normal war, war für mich surreal und absurd, und was surreal und absurd war, war für mich normal.

Sie sagten einmal, dass Sie die amerikanische Gesellschaft für besonders rigide halten. Glauben Sie, dass Europäer toleranter gegenüber Menschen sind, die nicht "ins Schema passen"?

T.B.: Ich selbst empfand mich ja nie als Sonderling. Ich fühlte mich ganz normal. Ich war ein ruhiger Schüler, störte nie den Unterricht, trotzdem steckte man mich in diese Schublade. Jetzt lebe ich in London und fühle mich dort viel mehr zu Hause als in Kalifornien. "Anders zu sein" wird hier toleriert. Die Menschen sind hier viel enger mit der Welt verbunden.

Vermissen Sie nicht die Sonne Kaliforniens?

T.B.: Jedes Mal, wenn ich zurück nach L.A. komme, ist es dort heller geworden, und ich fühle mich wie ein Vampir in völliger Isolation. Als ich das letzte Mal in L.A. war, war die Stadt von Waldfeuern umgeben. Ich hatte eine Verabredung zu einem dieser typischen Hollywood-Essen, und als ich die Feuer erwähnte, blickte mich mein Gesprächspartner nur mit diesem verständnislosen Blick an: "Feuer? Welche Feuer?" Ich meine, der Himmel draußen war voller Rauch, und die Feuer wüteten schon seit Tagen. Ich dachte nur: Genau - das ist das Problem hier!

Mit Vernunftmenschen scheinen Sie Probleme zu haben...

T.B.: Vernunftmenschen faszinieren mich. Aber ich lebe nicht in ihrer Welt. Jeden Tag sieht man Dinge, die völlig surreal sind. Da läuft in den Nachrichten eine Geschichte über den Irak, kurz danach ein Bericht über Michael Jackson, und dann folgt das Wetter. Da fragt man sich doch unweigerlich: Kämpft Michael Jackson im Irak? Was geht hier eigentlich vor? Zu viele Informationen und zu wenig surrealer Gedanke. Jeder befindet sich im Surrealen, aber niemand denkt darüber nach.
 
 

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