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Interview mit Maybrit Illner

Interview mit Maybrit Illner
Veröffentlicht:
05.03.2002
100 Mal "Berlin Mitte"
Die erste Sendung, ein Fiasko: kompletter Lichtausfall, Finanzminister Eichel fehlte. Und alles live. Nicht unbedingt die besten Startbedingungen, Frau Illner!
Maybrit Illner: Oder gerade doch. Ich kann mich noch ziemlich gut an den 14. Oktober 1999 erinnern. Da ging fast alles schief, was schief gehen konnte. Mittlerweile ist aber aus der "Steißgeburt" ein Prachtkerlchen geworden. "Berlin Mitte" hat sich etabliert. Wahrscheinlich war das damals ein gutes Omen.

Ihr Gespräch mit Gerhard Schröder bescherte Ihnen viel Lob und außerdem eine Traumquote...
Maybrit Illner: Ja, 3,5 Millionen Zuschauer, das ist natürlich ein Klasse-Wert um diese Uhrzeit. Die gesamte Redaktion war stolz darauf, und zu Recht. Und wenn die Kollegen der schreibenden Zunft dann auch noch finden, dass das inhaltlich eine gute Sendung war, sind wir darüber nicht unglücklich.

Die Zeit nach dem 11. September hat die politischen Talk-Shows geprägt. Terror und Krieg waren allgegenwärtig - kommt die Redaktion am Schreckensszenario überhaupt vorbei?
Maybrit Illner: Nein, das können wir auch nicht. Wir wollen das politische Thema der Woche diskutieren. In diesem Fall war es das Thema des Jahres. Zuerst ging es alleine um Informationen, wie und wann das überhaupt passiert war, später um die Reaktionen und die sicherheitspolitschen Konsequenzen. "Berlin Mitte" ist in solchen Zeiten quasi Hearing, Informationsbörse und Diskussionsforum in einem.

Rot-Rotes Bündnis, K-Frage, V-Mann-Affäre - wie schnell können Sie auf aktuelle Entscheidungen reagieren?
Maybrit Illner: Normalerweise machen wir Dienstagabend "den Sack zu". Thema plus Gäste stehen fest. Allerdings wurde im Ausnahmefall auch schon mal Donnerstagfrüh das Programm gekippt. Nach dem Absturz der Concorde etwa, oder als im Juni Mittwochnachts die große Koalition in Berlin zusammenbrach. Das sind Ereignisse, an denen kann man einfach nicht vorbei.

Zu Ihren journalistischen Werten gehört "Nimm auf niemanden Rücksicht" - immer noch gültig?
Maybrit Illner: Natürlich. Journalisten sollen ja nicht kuscheln und aller Welt Freund sein, damit die Karriere möglichst reibungslos läuft. Sie sollen informieren und berichten, aber eben auch kontrollieren. Das kann man nur, wenn man unabhängig ist. Hört sich nicht unbedingt sexy an, ist aber so.

Sie wurden 1965 in Ostberlin geboren, haben in Leipzig studiert. Ist heute zusammengewachsen, was zusammengehört?
Maybrit Illner: Ja, wir sind auf gutem Weg, könnten aber im Geiste und Herzen wesentlich weiter sein. Ost und West begegnen sich immer noch nicht auf Augenhöhe. Schriftsteller Jurek Becker hat einmal gesagt, erst wenn der eine sich vorstellen könnte, in die Haut des anderen zu schlüpfen, ohne grinsen zu müssen, dann hätten wir es geschafft. Bis jetzt krümmt sich noch jeder vor Lachen.

Auch im Osten?
Maybrit Illner: Dort hat man die sozialtherapeutische Gegenbewegung gestartet. Der Ostler meint, er wäre der bessere Mensch, habe mehr Ahnung von Krieg und Frieden, besitze die größere Solidarität. So hat die eine Überheblichkeit zur anderen gefunden. Das ist schade.

Interviews

Interview mit Maybrit Illner
Interviews, 05. März 2002
Die erste Sendung, ein Fiasko: kompletter Lichtausfall, Finanzminister Eichel fehlte. Und alles live. Nicht unbedingt die besten Startbedingungen, Frau Illner!Maybrit Illner: Oder gerade doch. Ich kann mich noch ziemlich gut an den 14. Oktober 1999 erinnern. Da ging fast alles schief, was schief geh… mehr >
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